Tiroler Musikkapellen spielen Nazi-Marsch auf Münchner Oktoberfest

    21. September 2017, 11:36
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    Der Blasmusikverband Tirol gab schon 2013 die Empfehlung aus, den "Standschützenmarsch" aus Respekt vor NS-Opfern nicht zu spielen

    Zwei Kapellen aus dem Tiroler Zillertal, genauer aus Tux und Finkenberg, haben beim Münchner Oktoberfest für einen Eklat gesorgt: Sie spielten beim Trachten- und Schützenumzug am Sonntag den als Nazi-Marsch verpönten "Standschützenmarsch" des Tiroler Komponisten Sepp Tanzer, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" am Donnerstag. Während der Blasmusikverband Tirol schon 2013 die Empfehlung ausgegeben hat, das 1942 für den damaligen Gauleiter von Tirol komponierte Stück "aus Respekt vor den Opfern des NS-Regimes" nicht zu spielen, fanden die nach Bayern gereisten Musiker nichts dabei. Bei dem Umzug spielen Gruppen aus rund 25 Ländern Europas.

    Für Hitler und Mussolini gespielt

    Experten ordnen das Stück als musikalisches Emblem der NS-Zeit in Tirol ein. Komponist Tanzer war nicht nur ab 1938 Mitglied der NSDAP, sondern ab 1941 auch Gaumusikleiter von Tirol und Vorarlberg, zudem leitete er das Referat Volksmusik in der Reichsmusikkammer. Als solcher dirigierte er 1940 den "Badonviller-Marsch" bei einem Zusammentreffen von Benito Mussolini und Adolf Hitler am Brenner.

    "Hellau, mir sein die Tirolerbuam" und die Zeile "Hellau, jetzt soll's zum Kampfe gehn" aus den Textpassagen des Marsches sind laut dem Musikwissenschafter Kurt Drexel typisch für die Strategie der Nationalsozialisten nach dem "Anschluss" Österreichs 1938: "Man hat immer versucht, aus der Geschichte Figuren und Ereignisse zu holen und in die Nazi-Geschichte einzubauen", so Drexel zur "Süddeutschen Zeitung".

    Drexel spricht auch von einer "Umkodierung", weil die seit dem 16. Jahrhundert in Tirol bekannten traditionsreichen Standschützen während der NS-Zeit 1938 neu gegründet wurden: "Als Gleichschaltungsorganisation für alle volkskulturellen Vereine in Tirol."

    Nachkriegskarriere beim ORF Tirol

    Man spiele das Stück, "weil es ein schöner Marsch ist, und nicht, weil der Komponist eine Nazi-Vergangenheit hat", zitiert die "Süddeutsche" den Obmann des Zillertaler Blasmusikverbands, Franz Hauser. Die Empfehlung sei schließlich kein Verbot.

    Tanzer konnte sich übrigens auch nach 1945 nicht von seiner Ideologie trennen. Er verwendete weiterhin nationalsozialistische Codes, so etwa 1952 in der Suite "Tirol 1809". Einer bescheidenen Nachkriegskarriere beim ORF Tirol schadete das nicht. Er stieg dort zum Hauptreferenten im Volksmusikreferat auf und arbeitete bis 1972 beim ORF. 1983 ist Tanzer gestorben. (red, 21.9.2017)

    • Auf diesem Archivbild aus dem Jahr 2010 spiegelt sich der Trachtenumzug am Münchner Oktoberfest.
      foto: joerg koch/ap

      Auf diesem Archivbild aus dem Jahr 2010 spiegelt sich der Trachtenumzug am Münchner Oktoberfest.

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