Wie Chinas Ameisen König Bargeld zu Fall brachten

    24. September 2017, 15:00
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    Eine stille Revolution verändert das Kaufverhalten der Chinesen. Eine halbe Milliarde zahlt nur noch mit Smartphone

    Die 50-jährige Pekingerin Zhang Xiaoli bestellte im "Halben Huhn nach Yunnan-Art" eine Schale Nudeln. Der Nudelshop liegt in der Essstraße eines neuen Bürocenters im Sanlitun-Distrikt. Junges Volk aus der Mittelschicht geht hier essen. Zhang sollte, weil so viel los war, vorab bezahlen. Doch die Bedienung weigerte sich, ihr Geld anzunehmen. "Bei uns wird über Handy abgerechnet." Frau Zhang schimpfte. "Das hier sind meine Renminbi, also Volksgeld." Nach hitzigen Worten gab die Bedienung nach. "Gut. Aber du musst es mir abgezählt geben. Wechseln kann ich nicht." Wütend verließ Zhang den Imbiss. Die Bedienung rief in die Küche: "Die Nudeln werden storniert."

    Das ist kein Einzelfall: Auch in anderen Städten wurden Kunden mit Bargeld abgewiesen, bis letztlich die Zentralbank intervenierte: Der Renminbi sei gesetzliches Zahlungsmittel. Er müsse überall angenommen werden.

    "Cash is King" gilt in China nicht mehr. Plötzlich lässt sich alles auf Tastendruck via Handy bezahlen. "Wir hätten das nie erwartet", sagt das Ehepaar Nie, das einen Zeitungskiosk in Peking betreibt, Getränke und Eiscreme verkauft. Im Februar legten sie sich ein Bankkonto mit der dazugehörenden Union-Pay-Bankkarte zu. Dann luden sie sich zwei mit ihrem Konto verbundene, digitale Brieftaschen auf ihre Handys. Eine Plattform richtete ihnen Alipay ein. Es untersteht den Finanzameisen der Ant-Financial-Services-Gruppe und gehört dem E-Kommerzhaus Alibaba. Die andere ist von Wechat Pay, das dem Internetriesen Tencent untersteht. Die Kioskbetreiber erhielten ihre QR-Codes ausgedruckt, die im Bruchteil von Sekunden für sie den Zugang zu den Bezahlplattformen herstellen. Sie hängen auf einem Blatt Papier vor dem Kiosk.

    Geschäft brummt

    Seither brummt ihr Geschäft, ist schneller geworden und sicher vor Falschgeld und Betrug. Vorbeikommende nehmen sich etwa ein Cola, klicken über ihr Smartphone den QR-Code an, stellen die Verbindung zum Konto der Kioskbesitzer her, tippen den geforderten Preis ein und transferieren die Summe von ihrem Konto bei Alipay oder Wechat Pay. Der Betrag wird sofort als eingegangen auch auf dem Handy der Kioskbesitzer angezeigt. "Mehr als 80 Prozent unserer Kunden kaufen inzwischen bargeldlos bei uns." Es gebe auch keine Extrakosten. "Auf 1000 Yuan Einnahmen zahlen wir nur einen Yuan Gebühren."

    Das 2004 gegründete Alipay und das 2015 nachgekommene Wechat Pay sind die Platzhirsche unter heute mehr als 200 Bezahlplattformen Chinas. 80 Prozent der Milliardenumsätze entfallen auf die beiden Großen. Peking erlaubt seit 2015 auch, die Wasser-, Strom- und Gasrechnungen mit dem Smartphone zu bezahlen und seit wenigen Tagen auch das U-Bahn-Fahren. Fast alles lässt sich über das Smartphone begleichen und je nach Geschäfts- oder Privatkonten gestaffelt sogar bis zu umgerechnet 30.000 Euro ohne weitere Bankausweise.

    Massenphänomen

    Bargeldloses Bezahlen ist zum Massenphänomen geworden. Alipay wird von 520 Millionen Chinesen genutzt, Wechat Pay holt rasch auf. Ohne die Handybezahlsysteme würden weder Chinas riesige E-Kommerzgeschäfte funktionieren noch die boomende Sharing Economy, etwa mit GPS-gesteuerten Leihfahrrädern der Firma Ofo, die ihre Räder auch in Wien einzuführen versucht.

    Mitte August zählte Chinas Internet Informationsnetzwerk 751 Millionen Internetnutzer in der Volksrepublik. 96 Prozent nutzen Mobiltelefone, um online zu gehen. Eine halbe Milliarde Chinesen kaufen bereits bargeldlos ein; die meisten übers Handy.

    Ökonom Huang Yiping, Leiter des Forschungsinstituts Digitale Finanzen an der Uni Peking, untersuchte die Entwicklung von Alipay bis April. In seinem Buch "Die Finanzdienste der Ameisen" erzählt er die Anekdote, wie sich das System auch nach unten durchsetzt. In Peking ging er an einem Bettler vorbei und sagte bedauernd. "Ich habe leider kein Bargeld dabei." Darauf holte der sein Smartphone heraus. Er könne es ihm per Handy überweisen."

    Übersprungene Kreditkartenj

    Der Siegeszug der bargeldlosen Bezahlung samt Internettechnologie steht im Kontrast zum unreformierten, schwerfälligen Staatsbankensystem und zur chinesischen Internetzensur, die Google, Twitter oder Facebook blockieren. Chinas Sprung ins bargeldlose Zeitalter sei ein Zeichen seiner zuvor hinterherhinkenden Entwicklung bei Geld- und Kreditsystemen, sagt ein Experte, der für eine Europäische Zentralbank arbeitet. Es gab kein entwickeltes Kredit- oder Debitkarten-System. "Also konnten sie es überspringen."

    Fragwürdig sei, dass über Auswirkungen bis hin zum vernachlässigten Datenschutz nicht öffentlich nachgedacht wird. Beruhigend sei aber, dass über die Bezahlplattformen – mit sehr stark kontrollierten Ausnahmen – keine Kredite vergeben und Schulden gemacht werden.

    Finanzökonom Zhu Ning, Vizedirektor des Finanzforschungsinstituts der Tsinghua-Universität, sieht das kritischer. Da keine Gebühren erhoben werden, müssten die Verwalter der geparkten Gelder es ständig hochzinsbringend risikoreich anlegen. Sollten ihre Deals schiefgehen, würde das Bankensystem in ein systemisches Risiko schlittern, wenn alle Kunden panikartig auf einmal all ihr deponiertes Geld abheben wollten.

    Das scheint auch die Zentralbank zu fürchten. Sie baut eine Clearingstelle zur Risikokontrolle zwischen Bezahlplattformen und dem Bankensystem auf, die Ende Juni 2018 funktionieren soll. (Johnny Erling aus Peking, 24.9.2017)

    • Bargeldlos geht überall: Die Souvenirverkäuferin am Strand von Beidaihe verkauft ihre Muscheln über Abgleich mit Wechat Pay und Smartphone. Die Badegäste haben statt Geld nur ihr Handy dabei.
      foto: johnny erling

      Bargeldlos geht überall: Die Souvenirverkäuferin am Strand von Beidaihe verkauft ihre Muscheln über Abgleich mit Wechat Pay und Smartphone. Die Badegäste haben statt Geld nur ihr Handy dabei.

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