"Tag des Denkmals": Beschützerinstinkt für Baudenkmäler

    21. September 2017, 17:00
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    Aktivisten organisieren den "Tag des schutzlosen Denkmals" – auch wegen der ungewissen Zukunft von Otto Wagners Postsparkasse

    Wien – Kommenden Sonntag findet der alljährliche Tag des Denkmals statt. Dabei veranstaltet das Bundesdenkmalamt (BDA) knapp 300 Events wie etwa Stadtrundgänge, Führungen und Tage der offenen Türen. Auch exotische Gebäude wie die irakische Botschaft in Wien und das von Raimund Abraham errichtete Haus Dellacher in Oberwart sind an diesem Tag für die Öffentlichkeit kostenlos zu besichtigen.

    Dem Verein Docomomo, der sich als Wächter der Moderne und des 20. Jahrhunderts versteht, der Aktionsgruppe "Bauten in Not" und der Initiative Um-Bau-Kultur ist das zu wenig. Als Reaktion auf den offiziellen Tag des Denkmals riefen sie am Mittwoch den Tag des schutzlosen Denkmals aus, der just am selben Tag stattfinden soll. Die Aktion will aufrütteln und als Kritik an der aktuellen Politik des BDA verstanden werden.

    Transparente Standards

    "Es fehlen transparente Standards im Umgang mit Baudenkmälern", kritisiert Norbert Mayr, Architekturhistoriker und Initiator der Konkurrenzveranstaltung. "Generell sehen wir keine erkennbaren Handlungen in der Unterschutzstellung von Baudenkmälern der Nachkriegszeit, vor allem bei Bauten der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre. Und da, wo ein Denkmalschutz besteht, lässt das BDA jegliche stringente Linie und nachvollziehbare Haltung in dieser Thematik vermissen."

    Eine Gruppe rund um Architekten und Historiker nominierte deshalb ein dringend zu schützendes Bauwerk pro Bundesland.

    foto: bauten in not
    Auch auf der Liste der schützenswerten Bauwerke: der Turnsaal der Hauptschule Ternitz.

    Auf der Liste finden sich etwa das Kulturzentrum Mattersburg (1976), Gerhard Garstenauers Kongresszentrum in Bad Gastein (1974), das Grottenbad Paul Flora von Josef Lackner in Innsbruck (1969) sowie der von Roland Rainer errichtete Turnsaal der Hauptschule Ternitz (1952), der nach Angaben seiner Tochter Johanna Rainer im Zuge der geplanten Umbauarbeiten abgerissen werden soll. "Dieser Turnsaal befindet sich im Originalzustand. Es wäre schön, sich statt eines Abrisses eine alternative Nutzung zu überlegen", so Rainer.

    foto: bauten in not
    Das Grottenbad Paul Flora, errichtet 1969/70 vom Innsbrucker Architekten Josef Lackner, gilt als eines der außergewöhnlichsten Bauwerke der Tiroler Moderne.

    Bawag zieht aus

    Doch die Kritik im Umgang mit Bauten der Moderne ist nicht die einzige. Auch ältere Projekte und Ensembles hat die Initiative auf die Liste nominiert. Dazu zählen das Georg-Baumeister-Viertel am Bregenzer Ölrain (1906) und die Otto-Wagner-Postsparkasse in Wien (1912), die zwar unter Schutz steht, sich aber seit 2013 in Besitz der Signa Prime Selection und somit in Händen des Tiroler Investors René Benko befindet. Im Juni 2018 wird die Bawag, einstige Besitzerin und nunmehrige Mieterin im Haus, ausziehen. Die berühmte Kassenhalle mit ihrem doppelten Glasdach wird dann nicht mehr öffentlich zugänglich sein. Das im kleinen Kassensaal untergebrachte Wagnerwerk-Museum schließt bereits mit Monatsende.

    Die künftige Nutzung der Postsparkasse ist ungewiss. Aktuell, heißt es auf Anfrage des STANDARD, prüfe man in der Signa mögliche Nachnutzungen. Kenner der Branche jedoch befürchten – wie es Benko bereits im sogenannten Goldenen Quartiert praktiziert hat – eine Nachnutzung als Luxushotel oder Wohnhaus im Premium-Segment. "Es ist untragbar", meint Andreas Vass, stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (Ögfa), "dass die Öffentlichkeit nicht informiert ist, was hier eigentlich vorgeht und welche Konsequenzen das für diese Architekturikone hat."

    Unterschutzstellungsverfahren läuft

    Barbara Neubauer, Präsidentin des Bundesdenkmalamts, versichert, dass sie ein strenges Auge auf das Projekt geworfen habe. "Nicht nur das Gebäude ist uns ein dringendes Anliegen, sondern auch das bewegliche Mobiliar, das Otto Wagner für die Postsparkasse entworfen hat." Aktuell habe man eine Unterschutzstellung für die noch original bestehende Inneneinrichtung eingeleitet. Das Verfahren läuft.

    "Aber generell verwehre ich mich gegen die Kritik, dass wir zu wenig tun", sagt Neubauer zum STANDARD. "Wir tun, was in unserer Macht liegt und was im Rahmen des Denkmalschutzgesetzes möglich ist. Wo ein Baudenkmal nicht aktiv und mutwillig verändert oder zerstört wird, sind auch uns die Hände gebunden. Dann können wir nur empfehlend agieren. Ich würde mir wünschen, dass die Denkmalschutz-Interessenten mit uns arbeiten – und nicht gegen uns."

    Bürgerinitiative zur Rettung der Postsparkasse

    Der "Tag des schutzlosen Denkmals" jedenfalls wird nicht ohne Folgen bleiben. Schon jetzt haben sich für Otto Wagners Ikone am Stubenring Beschützer gefunden. Eine Gruppe von Architekten, Publizisten und Historikern rund um Norbert Mayr hat angekündigt, in den kommenden Tagen eine Bürgerinitiative zur Rettung der Postsparkasse zu gründen. (Wojciech Czaja, 21.9.2017)

    • Die ehemalige Postsparkasse mit ihrer berühmten Kassenhalle wurde verkauft. Die Nachnutzung steht noch nicht fest.
      foto: margherita spiluttini

      Die ehemalige Postsparkasse mit ihrer berühmten Kassenhalle wurde verkauft. Die Nachnutzung steht noch nicht fest.

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