Thyssen-Tata-Fusion: 4.000 Jobs wackeln

20. September 2017, 11:35
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Die Stahlkonzerne ThyssenKrupp und Tata einigen sich auf die Fusion ihrer europäischen Stahlsparten, geplant sind Einsparungen von bis zu 600 Millionen Euro jährlich. Derweil wackeln 4000 Jobs

Wien – Es war eine Hängepartie. Nun, nach eineinhalb Jahren Verhandlungen, ist der Grundstein gelegt. Der deutsche Industriekonzern ThyssenKrupp hat sich mit dem britisch-indischen Konkurrenten Tata auf eine Fusion der europäischen Stahlsparte geeinigt. Beide Unternehmen unterzeichneten eine entsprechende Absichtserklärung. Geregelt wird darin die Zusammenlegung der europäischen Stahlgeschäfte in ein Gemeinschaftsunternehmen, das seinen Sitz in den Niederlanden haben soll. Beide Partner wollen dabei 50 Prozent halten.

Über die Bühne gehen soll die Vertragsunterzeichnung bis Anfang nächsten Jahres, der Vollzug wird bis Ende 2018 angestrebt. Am Ende entsteht nach ArcelorMittal der zweitgrößte europäische Stahlkonzern. Die Stahlriesen erhoffen sich Synergien in Millionenhöhe und jährliche Einsparungen von 400 bis 600 Millionen Euro. Doch die Fusion hat auch ihren Preis: Bei beiden Konzernen könnten jeweils 2.000 Stellen in Produktion und Verwaltung wegfallen. Betriebsrat und IG Metall hatten bereits im Vorfeld der Fusion massiven Widerstand und Demonstrationen angekündigt.

Teures Scheitern

Nach dem Zusammenschluss würde das Gemeinschaftsunternehmen mit dem Namen ThyssenKrupp Tata Steel erst einmal rund 48.000 Mitarbeiter zählen – mehr als die Hälfte kämen von ThyssenKrupp. Der Gigant käme auf einen Umsatz von 15 Milliarden Euro und würde gut 21 Millionen Tonnen Flachstahl erzeugen. Im Februar dieses Jahres hatte ThyssenKrupp mitgeteilt, seine verlustreiche Expansion nach Amerika endgültig zu beenden und das brasilianische Stahlwerk CSA für 1,5 Milliarden Euro an den Konkurrenten Ternium zu verkaufen. Das gescheiterte Abenteuer kostete ThyssenKrupp rund acht Milliarden Euro. Unterm Strich hat der Konzern sogar rund zwölf Milliarden Euro für Investitionen und Anlaufverluste ausgegeben und steuert nun auf einen ansehnlichen Jahresverlust zu.

Hinzu kommt eine schwache Eigenkapitalquote. Im Rahmen der Transaktion will der Konzern nun Verbindlichkeiten in Höhe von vier Milliarden Euro auf das Joint Venture abwälzen, darunter 3,6 Milliarden Euro an Pensionsverpflichtungen. Der Konzern prüfte nicht zufällig seit Längerem immer wieder verschiedene Optionen, darunter eine Abspaltung, den Verkauf des Stahlgeschäfts bis hin zur Aufspaltung des Gesamtkonzerns. "Angesichts der hohen Überkapazitäten und subventionierten Importe bleibt dem europäischen Stahlsektor kaum eine andere Möglichkeit, als sich über Effizienzsteigerungen zu konsolidieren", so Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zum Standard.

Rauer Wind

Die Branche selbst ächzt schon lange: Zwar ist die deutsche Stahlproduktion im August laut Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl im Vergleich zum Vorjahresmonat um 3,3 Prozent auf 3,6 Millionen Tonnen weiter gestiegen. Seit Jahresbeginn hat sich die Produktion somit um 2,1 Prozent auf 29,4 Millionen Tonnen erhöht. Im vergangenen Jahr war die Stahlproduktion jedoch um 200.000 Tonnen auf 42,7 Millionen Tonnen zurückgegangen. Unter Druck steht die Stahlbranche auch, da Hersteller aus China mit billigem Stahl vermehrt auf den Weltmarkt drängen. Hüther relativiert: "Auch in den USA haben sich die protektionistischen Tendenzen längst in handfeste Handelshemmnisse niedergeschlagen. Weltweit wurden allein in diesem Jahr 36 Handelsbarrieren von Staatsseite eingeführt. In Zeiten des aufkommenden Nationalismus scheint der innenpolitische Blick besonders häufig auf die nationale Stahlproduktion zu fallen."

Die Anleger jedenfalls freut's. So legte die Aktie von ThyssenKrupp am Mittwoch zeitweise über vier Prozent zu. (ch, 20.9.2017)

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