Diana Krall in Wien: Hauchend durch die Historie

    19. September 2017, 16:45
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    Die Jazzsängerin und Pianistin gastierte im Wiener Konzerthaus

    Wien – Mitten in seinem Aufwärmsolo zitiert Gitarrist Anthony Wilson das Stück Seven, Come Eleven – von Klarinettist Benny Goodman und Charlie Christian (dem Urvater der verstärkten Jazzgitarre). Das muntere Liedchen aus den swingenden 1930ern ist zwar im Konzerthaus nur einen flüchtig-spontanen Augenblick präsent. Es ist allerdings durch und durch symbolträchtig. Das "Projekt" Diana Krall, dem der Gitarrist dient, ist in Summe ein elegantes Stück konservierter Jazzhistorie.

    Die Band um die kanadische Sängerin, die auch in den 1960ern nicht als modern aufgefallen wäre, wirkt wie eine Jukebox der altehrwürdigen Stile, die mittlerweile als Mainstream weiter fortleben. Im Falle von Krall hat dies eine spektakuläre, kommerziell segensreiche Karriere ergeben, die auch einen Retrotrend auslöste, der nun schon seit Jahren ungebrochen anhält.

    Krall sucht an diesem Abend auch die Begegnung mit Historischem aus jazzferner Stilwelt: Tom Waits' Temptation wird zu einer ausgiebigen Episode bluesigen Groovens, bei dem die Gitarre ein bisschen nach Original klingen soll, also nach Gitarrist Marc Ribot, der das Lied seinerzeit mit Waits aufnahm. Zentral bleibt jedoch Kralls klassisch anmutende Interpretation des Great American Songbook. Und immerhin kam es zum Übergewicht des dezenten, eher balladenartigen Repertoires, was schöne Vorteile hatte: Kralls Qualitäten entfalten ihren Charme am delikatesten im diskreten Ausdrucksbereich. Scheinbar kühl serviert erlangen die alten Songs durch eine sich hauchig gebende, raue Stimme bemerkenswerte Intimität.

    Mit Subtilität – bei Nummern wie Night And Day von Cole Porter – erweckt Krall die schöne Illusion, in einem kleinen Club zu sitzen und nur noch für ein paar notorisch Schlaflose zu singen. Dieser Flüsterton, diese zurückgelehnte Art zu interpretieren – sie verleihen den Miniaturen gewisse Tiefe und Fragilität.

    Da bräuchte es eigentlich keine Band (diese war natürlich gut), da reichte Krall, die sich am Klavier begleitet. Vor allem aber bräuchte es diese Songarrangements nicht, die mitunter so glattpoliert wirken, als wollten sie sich für Kaufhäuser als Hintergrundsound qualifizieren. Vielleicht traut sich Krall einmal diesen Kommerzballast wegzulassen, es wäre eine interessante Reise zu den wahren Tiefen ihres Ausdrucks. (Ljubisa Tosic, 19.9.2017)

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