Die politische Macht des optimistischen Denkens

Kolumne19. September 2017, 17:07
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Heinz Fischer und Christoph Leitl haben versucht, der depressiven, verbiesterten Stimmung vieler Österreicher etwas entgegenzusetzen

Menschen mit pessimistischer Einstellung zur Zukunft wählen rechts bis ganz rechts, sagt die Wahlforschung. Kann wahlentscheidend sein, siehe USA. Laut einer Umfrage erwarten rund 50 Prozent der Österreicher, dass es ihren Kindern nicht besser gehen wird. Also?

Also knüpfen sich die Hoffnungen der SPÖ daran, dass die Konjunktur zweifelsfrei angezogen hat, die Wachstumsaussichten gut sind und die Konsumenten schon fleißig konsumieren. Ob sich das nicht ausgeht, ist die Frage.

Also haben sich aber auch zwei vertraute Fixstarter im Führungspersonal der Republik darangemacht, den Österreichern mehr Optimismus einzuimpfen. Heinz Fischer, Exbundespräsident sowie jahrzehntelanger Sozialdemokrat, und Christoph Leitl, Präsident der Wirtschaftskammer und jahrzehntelanger Sozialpartner von der ÖVP-Seite, haben unter Assistenz des Exchefredakteurs von Profil, Herbert Lackner, ein Buch mit dem Titel Österreich für Optimisten verfasst (Ecowin-Verlag).

Die beiden vertreten eine politische Philosophie, die es nicht mehr gibt, nämlich die mehr oder weniger vertrauensvolle, letztlich lange erfolgreiche Zusammenarbeit von SPÖ und ÖVP in einer Regierung. Bei der Präsentation des Buches meinte Fischer selbst, die "Große Koalition" dieser beiden habe keine guten Karten.

Aber Fischer und Leitl haben versucht, der depressiven, verbiesterten Stimmung so vieler Österreicher etwas entgegenzusetzen, wohl auch deshalb, weil eben diese Stimmung zu Rechtspopulismus und "Systemverdrossenheit" führt.

Dabei fallen scheinbare Binsenweisheiten an, aber es ist gut, sich dieser zu erinnern: "Ich behaupte", sagt Heinz Fischer, "dass die Demokratie im Österreich des Jahres 2017 umfassender, offener, pluralistischer und minderheitenfreundlicher ist, als dies in den ersten Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Fall war." Die Demokratie verändere sich, aber sie funktioniere nach wie vor. Fischer sei "zuversichtlich genug, um zu sagen: 'Österreich schafft das.'"

Der Unternehmer und Verbandspräsident Leitl geht (neben der Aufzählung der verschiedenen Wachstumshemmnisse) vor allem auf den Wandel in der Wirtschaft ein, erwähnt aber die "alte Erfahrung, dass es nach technologischen Sprüngen immer mehr Arbeitsplätze als vorher gegeben hat".

Neue Berufsfelder täten sich auf, die "soziale Intelligenz und Kreativität, Einfühlungsvermögen und Einfallsreichtum" erfordern: "Smart-City-Architekten, Biotechnologen, Social-Media-Spezialisten, Sensorentechniker, Compliance-Officer, Bildungs-Controller, Lebensmitteltechniker, Gesundheits- und Wellnesstrainer."

Allerdings werden diese Positionen nicht mit jungen Leuten besetzt werden können, die mit 15 nicht lesen, schreiben, rechnen (und grüßen) gelernt haben. Der Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften werde zunehmen, die Arbeitsstellen für mittlere und Niedrigqualifizierte werden zurückgehen. Aber auch Leitl ist optimistisch ("Aufgeigen statt absandeln!"). Möge sich die Kraft des optimistischen Denkens den vielen pessimistischen Österreichern erschließen. (Hans Rauscher, 19.9.2017)

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