Alle reden von CO2, dabei geht es auch um Armut

    Userkommentar21. September 2017, 19:04
    105 Postings

    "Es ist Wahlkampf und kein Mensch redet vom Wetter", klagt Eric Frey im STANDARD, Klimaschutz tauge als politisches Thema nicht. Das hat einen einfachen Grund: Beim Klimawandel geht es nicht bloß um CO2, es sollte vor allem um einen politischen Skandal gehen: um Armut

    Nach den Hurrikans Harvey und Irma wiederholt sich ein Bild, wie wir es von Hurrikan Katrina aus dem Jahr 2005 kennen. Die europäische Hitzewelle im Sommer 2003 hatte ähnliche Auswirkungen: Betroffen vom Klimawandel sind nicht Völker in "feindlichen" Klimazonen, es sind die Armen und Schwachen in nahen wie fernen Ländern. Allein in Frankreich starben während der Hitzewelle 2003 zehntausende großteils in Armut lebende alte Menschen. Kaum jemand kümmerte sich um sie. Hurrikan Katrina forderte fast 2000 Todesopfer, die meisten davon waren arm – schwarz und arm. Nach Irma hatten zunächst nur die Reichen wieder Strom, berichtete der STANDARD.

    Einerseits betrifft der Klimawandel die Armen und Schwachen am stärksten. Andererseits neigt die wissenschaftliche Erzählung zu dessen Ursachen, allen voran dem Kohlenstoffdioxid (CO2), die politisch erzeugte Armut – das gravierendste Problem einer im Überfluss lebenden Gesellschaft (!) – auszuklammern. Für das internationale Temperaturmanagement und das Zwei-Grad-Ziel besteht prinzipiell kein Grund zwischen Armutsemissionen und Luxusemissionen zu unterscheiden; dem CO2 ist es egal, wer oder was es aufgrund welcher Umstände emittiert. Auch wird CO2 bevorzugt aufseiten der Produktion und nicht des Konsums bilanziert. In der Atmosphäre als parts per million gemessen sieht es dann wieder so aus, als wären wir Menschen nur eine CO2-emittierende Spezies.

    Unglaublicher Luxus – unfassbare Armut

    Klimawandel ist aber kein vergleichsweise leicht zu handhabendes Problem wie das Ozonloch, welches durch Management technisch hergestellter Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) gelöst werden konnte. Im Gegenteil: Der Klimawandel weist uns auch auf die gesellschaftlichen und damit wirtschaftlichen Probleme, die es zu lösen gilt, erst hin: etwa auf unglaublichen Luxus und unfassbare Armut.

    Die Gefahr: CO2-fixierte Klimapolitik

    Das Untaugliche am Klimaschutz ist aber nicht, dass das Problem zu groß und zeitlich zu fern wäre. Das Hemmnis liegt in einer auf CO2-Emissionen fixierten Klimapolitik. Aufgrund der dominanten Erzählung vom ungeliebten Molekül wurde die Klimakrise zur Aufgabe eines globalen, äußerst labyrinthischen Treibhausgasemissionsmanagements. Diesem geht es vorrangig um die Optimierung eines "Weltsozialproduktes" bei "akzeptablen" Schäden.

    Den Menschen geht es aber um das gute Leben.

    Wir sollten uns daher nicht wundern, dass trotz des über unsere Bildschirme flimmernden "Klimapornos" von Harvey, Irma und Katrina der Klimawandel zwar in aller Munde, von der Politik aber nur halbherzig aufgegriffen wird. Eine abstrakte CO2-Politik zwischen Emissionshandel, Förderungen im Sinne des Klimaschutzes und Steuerideen inspiriert kaum jemanden, am Wahltag das Kreuz bei irgendeiner Partei zu machen.

    Ideologische Grenzen

    Darüber hinaus teilt uns Klimawandel als Emissionsproblematik entlang bekannter ideologischer Grenzen, anstatt eine Brücke zur Zusammenarbeit zu bauen. Die Linken wollen eine CO2-Steuer, die Liberalen einen Emissionshandel und die Rechten suchen nach einer eigenen Strategie. Bislang lautet ihr politisches Kalkül dabei Klimaskepsis.

    Die Grünen haben als bürgerliche Linke mit CO2 ihre eigene Nuss zu knacken: Dass sich ihre wirtschaftsliberalen Wähler nicht sehr am Emissionshandel reiben, stößt die linke Wählerschaft vor den Kopf: Ein systemisches Problem könne doch nicht mit systemimmanenten Ansätzen gelöst werden. Sie wollen "system change, not climate change". Die Luft, die wir atmen, steht nicht zum Verkauf frei.

    Umverteilung statt Emissionsmanagement

    Um im Kampf gegen steigende Temperaturen und Meeresspiegel die neurotische CO2-Emissionsphase zu überwinden, sollten wir auf die Tatsachen achten, vor die uns der Klimawandel stellt: Das größte Problem in einer im Überfluss lebenden Gesellschaft ist die Armut. In seiner auch als "Klimaenzyklika" bekannten "Laudato si" erwähnt der Papst das Wort Armut übrigens 59 Mal. Klima kommt genau 12 Mal vor. CO2 fünfmal. Die gute Nachricht dahinter: Wenn wir mit einer Umverteilung der von allen erwirtschafteten Reichtümer diese vergleichbar einfach zu lösende Aufgabe der Armutsbekämpfung gemeistert haben, sind wir der Lösung der Klimakrise einen wichtigen Schritt näher gekommen. (Mathis Hampel, 21.9.2017)

    • Hurrikan Katrina hinterließ 2005 in New Orleans eine Spur der Verwüstung. Klimawandel vergrößert die Ungleichheit zwischen Arm und Reich – auch in reichen Ländern.
      foto: ap/nati harnik

      Hurrikan Katrina hinterließ 2005 in New Orleans eine Spur der Verwüstung. Klimawandel vergrößert die Ungleichheit zwischen Arm und Reich – auch in reichen Ländern.

    Share if you care.