Tod's: Noppen mit Geschichte

    22. Oktober 2017, 18:20
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    Wie aus einem kleinen italienischen Schuhmacherbetrieb eine Weltmarke wurde: Zu Besuch in Brancadoro. Hier werden bis heute alle Tod's-Schuhe gefertigt

    Eine Lupe braucht er nicht. Ein Griff genügt, um die Qualität des Leders zu bestimmen. Toni Ripani breitet eine große Rindshaut vor sich aus und streicht sanft darüber. "Hier am Rücken und am Schwanz ist die Qualität am besten", sagt er und weist dann auf eine Stelle, an der die Haut von mehreren Perforationen durchzogen ist. "Das ist die Halspartie des Rindes, diesen Teil der Haut müssen wir entsorgen."

    Seit 44 Jahren begutachtet der kleine Mann mit dem weißen Kittel Ziegen- und Rindshäute, Känguru- oder Krokodilleder. Er streicht über Pythonhäute aus Zuchtfarmen aus Vietnam und ereifert sich über verunglückte Färbungen von Rochenhäuten. Toni Ripani ist das, was man in Brancadoro eine Institution nennt. In dem kleinen Nest unweit des Adriatischen Meeres befindet sich in den leicht geschwungenen Hügeln der Marchen der Hauptsitz von Tod's. 950 Menschen arbeiten hier, und jedem einzelnen ist Signore Ripani ein Begriff. Mit zwölf, also vor nunmehr 58 Jahren, begann er seine Lehre. Dorino Della Valle hieß der Mann, der ihn eingestellt hat, und möchte man wissen, wie der damalige Boss ausgesehen hat, muss man einfach nur an die Wand der Werkshalle blicken.

    foto: tod's
    Ohne das richtige Leder, keine hochqualitativen Schuhe. Seit 44 Jahren prüft der 70-jährige Toni Ripani die Qualität der Lederhäute.

    Hier hängt das Bild des ehemaligen Padrone: getönte Brillen zum zurückgekämmten schlohweißen Haar, weißer Pulli zu weißen Hosen und dazu einen Gehstock mit Silberknauf in der Hand. Auf Sizilien würde man an einen Mafiapaten denken, hier in den Marchen, etwa eine halbe Stunde südlich von Ancona, ist der ehrenwerte Herr der Meister über weiche Mokassins und edle Handtaschen. Beziehungsweise war es. Vor nunmehr fünf Jahren ist Dorino Della Valle verstorben, mit seinem Fahrrad kreuzte er bis zuletzt über das Werksgelände.

    Der große Boss über das Milliardenunternehmen Tod's ist schon seit geraumer Zeit Sohn Diego (der jüngere Sohn Andrea ist Vizepräsident), der, spricht man ihn auf Toni Ripani an, zufrieden auflacht. "Wir sind zusammen aufgewachsen, ein guter Mann." Vier Tage in der Woche kommt Signore Ripani immer noch in die riesigen Hallen, in denen etwa 30 Millionen Fuß Lederhäute gelagert werden. Seit 2005 ist er schon in Pension, doch die Arbeit lässt ihn nicht los. "Zuhause sitzt nur meine Frau", lacht er: "Die sehe ich sonst noch oft genug."

    Um italienische Familienunternehmen wie Tod's zu verstehen, muss man sich wahrscheinlich mit Leuten wie Toni Ripani unterhalten. Ihre Geschichte ist auch die Geschichte des Unternehmens, die Handwerkskunst, die sie von Jugendbeinen auf gelernt haben, lebt auch heute noch in den lichtdurchfluteten Werkshallen fort. "Ich schneide Leder zu", erklärt Ripani: "Wenn der Zuschneider nichts taugt, taugt auch der Schuh nichts." Daran hat sich – seitdem Ripani in die Lehre ging – nichts geändert, auch wenn ansonsten kein Stein auf dem anderen blieb.

    foto: tod's
    Die Erfindung des berühmten Gommino, also des Mokassins mit den vielen Noppen, geht auf ihn zurück: Diego Della Valle ist Herr über Tod's.

    Aus dem kleinen italienischen Schuhmacherunternehmen ist ein italienisches Schuh- und Bekleidungsimperium mit insgesamt vier Marken geworden (neben Tod's Hogan und Fay und die französische Couture-Marke Roger Vivier). Insgesamt über 5.000 Menschen arbeiten für die Gruppe, seit dem Jahr 2000 ist man an der Mailänder Börse gelistet, weltweit betreibt man über 270 eigenständige und über 100 Franchisegeschäfte. Die Schuhe, die dort verkauft werden, werden bis heute allesamt in den Marchen hergestellt – also dort, wo zu Anfang des vorigen Jahrhunderts mit Diegos Nonno Filippo alles seinen Ausgang nahm.

    Schuhzentrum Italiens

    Hier in der tiefsten italienischen Provinz ist das italienische Schuhzentrum. Santoni hat hier seinen Sitz und auch Cesare Piaciotti, auf dem Weg zu Tod's kommt man an einer Schuhfabrik von Prada vorbei und an unzähligen kleineren Schuhbetrieben mehr. Um zu verstehen, warum es Tod's zu einer solchen Größe gebracht hat, muss man Toni Ripani Lebewohl sagen und den Arbeitern eine marmorne Werkshalle weiter über die Schultern schauen. Zwei Dutzend Männer sitzen hier, alle tragen weiße Kittel. Sie fertigen die Prototypen der neuen Modelle. Gerade sind zwei Arbeiter mit einer neuen Variante des Gommino beschäftigt. So nennt sich der Mokassin mit den 133 Noppen auf der Sohle und den Fersen, mit dem Ende der 1970er der Aufstieg von Tod's zur Weltmarke begann.

    Inspiriert von seinen Reisen in die USA, in denen sich die Leute wesentlich legerer kleideten als in Italien, tüftelte Diego Della Valle an einem Schuh, der gleichermaßen bequem wie elegant sein sollte – und der zum Autofahren genauso geeignet sein sollte wie zur Arbeit im Büro. Der Gommino ward geboren, ein Mokassin, in dessen Ledersohle Löcher für Gumminoppen gestanzt werden. "Ein besonders schwieriger Schuh", sagt einer der Arbeiter, während er eines der vielen Lederteile zuschneidet, die einen Platz weiter 22.10.2017)

    foto: tod's
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    foto: tod's
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    Tod's in Wien: Graben 17, 1010.

    Die Reise erfolgte auf Einladung von Tod's.

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