"Die Zauberflöte": Eine Ökumene des Grapschens

    18. September 2017, 17:22
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    Premiere von Mozarts Oper im Theater an der Wien: Regisseur Torsten Fischer setzt auf Themen wie Erotik, Freiheit und religiöse Vielfalt. Der Inszenierung stand eher glanzlose vokale Kunst gegenüber

    Wien – Auch im Theater an der Wien geht es von der Dunkelheit der Ängste und Konflikte Richtung Mozarts Sonnenlicht der Versöhnung. Auf dem Weg dorthin wird die Zauberflöte jedoch zum Hort des Begehrens – mit besonderer Berücksichtigung des Grapschens. Es "schätzt" hier quasi jeder jeden: Die gefährliche Schlange wird von einer Gruppe Tamino abtastender Damen ersetzt, zu denen sich die drei Ladys der Nachtkönigin gesellen. Auch sie werden zart handgreiflich, wie auch die Königin der Nacht an Prinz Tamino ranwill.

    Das wirkt schon nach kurzer Zeit redundant, aber immerhin: Jene, die Tamino begehrt, Pamina also, erscheint plötzlich als imposantes Bild, das die Inszenierung von Torsten Fischer für Minuten als glanzvoll erscheinen lässt. Über einer Schräge schwebt ein Spiegel, in dem sichtbar wird, wie Damen das Bildnis, das so bezaubernd schön sein soll, freistreicheln (Ausstattung: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos).

    Der Geschlechterdiskurs, den Fischer inszenieren will und dem er die Utopie von Frieden, Freiheit und Religionspluralismus hinzuwürzt, mutiert jedoch bald wieder zur Abfolge erotischer Anbahnungen. Sarastro begehrt Pamina, wie auch der ganzkörperlich tätowierte Monostatos (Michael Smallwood). Nicht zu vergessen Pamina und Papageno. Auch sie kommen einander kurz näher wie auch selbstredend Sarastro und die Königin der Nacht.

    Utopisches Konzept

    Zweifellos wurde hier viel klug gegrübelt und gestaltet: Manch Text wurde gestrichen, ein anderer passend gemacht. Musik wurde weggelassen, andere wiederum hinzugefügt. So erscheint Mozarts Kantate Die ihr des unermeßlichen Weltalls Schöpfer ehrt als Einfügung; sie soll das human-utopische Konzept unterstützen.

    Optisch materialisiert sich der Friedenstraum auch in einer Art Ökumene: Hinduistische, buddhistische, jüdische, islamische und christliche Würdenträger wandern durch Sarastros Reich. In diesem steht auch eine Art Klagemauer voller Buchstaben, die ein Gedicht von Komponist Luigi Nono vermitteln.

    Diesen bedeutungsschweren Szenen ist Papageno kein allzu blödelnder Kontrast. Jedoch wirkt er belebend als unverkrampfte Auflockerung, die einmal heiter über der Schräge schwebt und ansonsten jene ausgelassene Existenz gibt, die am freiesten von allen wirkt. Als Mix aus alpinem Jüngling mit Federschmuck und postapokalyptischem Krieger landet er mit seiner Papagena (prägnant Katharina Ruckgaber) schließlich zum Grapschstil des Abends passend in einem kleinen Zelt.

    Um das muntere Pärchen herum wird ebenso reichlich gelegen und wieder aufgestanden (engagiert der Schönberg-Chor), was ein bisschen nach bewegungstherapeutischer Verlegenheit roch.

    Gesanglich eher flach

    Wäre im Musikalischen Grandioses passiert, es hätte die zwischendurch erlahmende Inszenierung belebt. Doch leider: Dimitri Iwaschtschenko klang als Sarastro eher blass, gerade einmal Daniel Schmutzhard zeigte einen präsent klingenden Papageno. Eindringlich, wenn auch nicht durchgehend sauber intonierend, immerhin Nina Minasyan als tragische Königin der Nacht. Etwas blass jedoch Sebastian Kohlhepp (als Tamino) – wie auch Sophie Karthäuser (als Pamina). Die Akademie für Alte Musik Berlin unter dem kundigen René Jacobs mag den Sängern durch manch forsches Tempo atemtechnisch geholfen haben – auf der Strecke blieb jedoch ein Großteil der Poesie.

    Das Ensemble wirkte denn auch am überzeugendsten, so es beredt dynamische und klangliche Extreme evozieren konnte, es prägnant vorwärtstreibenden Ausdruck zu vermitteln gab. Die dunkle, sanfte und klangdiskrete Seite der Mozart-Medaille blieb eher unterbelichtet. Applaus für alle, auch für Fischer, der überrascht wirkte, keine Buhs hören zu müssen. (Ljubisa Tosic, 18.9.2017)

    Theater an der Wien, am 19., 21., 23., 26. und 28. 9.

    • Hin und wieder gab es im Theater an der Wien ein gelungenes Bild bei der "Zauberflöte": Der am Boden liegende Tamino (Sebastian Kohlhepp) erspäht das bezaubernde Bildnis einer Dame, der er bald begegnen wird.
      foto: apa/herbert neubauer

      Hin und wieder gab es im Theater an der Wien ein gelungenes Bild bei der "Zauberflöte": Der am Boden liegende Tamino (Sebastian Kohlhepp) erspäht das bezaubernde Bildnis einer Dame, der er bald begegnen wird.

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