Mehrheit der Wahlberechtigten sieht sich selbst gerecht behandelt

17. September 2017, 17:54
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Gerechtigkeit und Fairness sind die Leitmotive der Parteikampagnen für die Nationalratswahl. Sie treffen auf eine Wählerschaft, die sich zum Großteil ohnehin gerecht behandelt fühlt. Ungerechtigkeit verspüren vor allem FPÖ-Wähler am eigenen Leib

Wien – Wenn es um Gerechtigkeit geht, bekommt die ÖVP derzeit die besten Noten (Schnitt: 2,45), knapp gefolgt von der SPÖ (2,64). Das geht aus einer Anfang September durchgeführten Market-Umfrage für den STANDARD hervor. Die Umfrage und die Grafik dazu zeigen, dass besonders viele Befragte den Grünen eine schlechte Note geben – diese Fünfer werden vor allem von Anhängern der FPÖ und der ÖVP sowie von älteren Befragten an die Grünen verteilt.

Ganz besonders schlechte Noten bekommen die Weißen, was Market-Institut-Chef David Pfarrhofer so erklärt: "Diese Parteien sind wenig bekannt. 65 Prozent trauen sich gar kein Urteil über die Weißen zu – und beim Rest sind sie nicht als Kämpfer für Gerechtigkeit aufgefallen." Ähnlich geht es den anderen Kleinparteien.

Politische Gerechtigkeitsversprechen

Was sich aus den Daten ebenfalls ablesen lässt: Drei von vier Wahlberechtigten antworten auf die Frage "Werden Sie da alles in allem gerecht behandelt oder ist das eher nicht der Fall?", dass sie selbst gerecht behandelt würden, nur 25 Prozent widersprechen. Dieses Empfinden ist in den Alters- und Bildungsschichten ziemlich gleichmäßig verteilt – mit einer markanten Ausnahme: Von den erklärten Anhängern der FPÖ sagt etwa jeder Zweite, er oder sie würde nicht gerecht behandelt.

"Hier könnten andere Parteien vielleicht auch mit einem Gerechtigkeitsversprechen Wähler abwerben", sagt Pfarrhofer, der gleichzeitig darauf verweist, dass unter den parteipolitisch Nichtdeklarierten der Anteil der ungerecht Behandelten nicht signifikant höher ist als im Rest der Bevölkerung.

Vermutete Ungerechtigkeit

Auffallend ist, dass sich in den vergangenen Jahren – unabhängig von der eigenen Gerechtigkeitserfahrung – das Gefühl breitgemacht hat, dass es in Österreich allgemein nicht gerecht zuginge. Meinten im Jahr 2011 noch 46 Prozent, dass "die Menschen alles in allem gerecht behandelt" würden, so sagen derzeit nur 32 Prozent, die Menschen würden im Allgemeinen gerecht behandelt.

Umgekehrt ist der Anteil jener, die Österreich grundsätzlich für ungerecht halten, von damals 50 Prozent auf jetzt 63 Prozent gestiegen (er war im Frühjahr 2015 mit 69 allerdings auch schon höher).

Falsches Bild vermittelt

Auch jene Mehrheit, die sich selbst als gerecht behandelt einstuft, glaubt damit einer Minderheit anzugehören: "Hier wird offenbar von Politik und Medien ein völlig falsches Bild vermittelt", sagt Pfarrhofer.

Fragt man nicht explizit nach der Gerechtigkeit, sondern danach, welche Partei "für ein funktionierendes Zusammenleben" oder "für ein lebenswertes Österreich" stünde, dann bekommt jeweils die SPÖ die meisten Nennungen. Auffallend ist, dass sie am meisten beim Thema Ausbildung und Schule punktet – einem Thema, von dem die Neos meinen, es gepachtet zu haben.

Die ÖVP ist weitgehend unangefochten in ihrer Kompetenz für Wirtschaft und Arbeitsplätze – im Vergleich zu vor zwei Jahren hat sie da sogar noch zulegen können.

FPÖ wird zugetraut, Sozialmissbrauch zu bekämpfen

Die größte Stärke der FPÖ ist der ihr zugeschriebene Einsatz gegen Sozialmissbrauch. Im Vergleich zum Oktober 2015 legte sie hier von 31 auf 41 Prozent der Befragten, die ihr das zutrauen, zu.

Noch in einem zweiten Punkt liegt die FPÖ vor den anderen Parteien: 38 Prozent trauen ihr "Schutz vor Terrorismus und Kriminalität" zu – hier sind es besonders die jungen und bildungsfernen Befragten, die den FPÖ-Vorsprung herstellen. Die ÖVP, die seit dem Jahr 2000 den Innenminister stellt, ist aber inzwischen mit 36 Prozent an die FPÖ herangerückt – im Jahr 2015, während der großen Flüchtlingsbewegung, lag ihr Wert nur bei 17 Prozent. (Conrad Seidl, 18.9.2017)

  • Die meisten Parteien und Bewegungen – wie im Bild die Anhänger von Gertraud Burtschers "Oma-Revolte" – heften sich Gerechtigkeit an die Fahnen.
    foto: heribert corn

    Die meisten Parteien und Bewegungen – wie im Bild die Anhänger von Gertraud Burtschers "Oma-Revolte" – heften sich Gerechtigkeit an die Fahnen.

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