Rundschau: Es war einmal der Mensch

    Ansichtssache4. November 2017, 10:00
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    Neue Perspektiven auf "Star Wars" und Romane von Pierre Bordage, John Scalzi, David Marusek, Andreas Brandhorst und Roger Zelazny

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    foto: del rey

    Ken Liu et al.: "Star Wars. From a Certain Point of View"

    Gebundene Ausgabe, 496 Seiten, Del Rey 2017, Sprache: Englisch

    Zum 40-jährigen Jubiläum von "Star Wars" ist eine Anthologie mit ziemlich genialem Konzept erschienen: "From a Certain Point of View" erzählt die Handlung des Original-Films (also der, der uns später als "Episode IV" bzw. "A New Hope" verkauft wurde) aus der Perspektive von Neben- und Randfiguren nach. Durch die Beschränkung auf den einen Film, den wirklich alle kennen, muss man auch nicht die einschüchternden Weiten der Wookieepedia studiert haben, um dem Geschehen in den 40 hier versammelten Beiträgen folgen zu können: das ideale Weihnachtsgeschenk für "Star Wars"-Fans jeder Intensitätsstufe also.

    The Cast

    Die Bandbreite der ProtagonistInnen lässt sich grob in vier Kategorien teilen. Da sind zum einen namentragende Nebenfiguren des Films wie Captain Antilles, Tante Beru, Greedo oder Grand Moff Tarkin. Am anderen Ende des Spektrums stehen völlig neu erfundene Figuren, dazwischen solche, die man – möglicherweise – in Statistenrollen gesehen hat, Marke "dritter Sturmtruppler von links". Die vierte Gruppe schließlich sind Star-Wars-Stars aus anderen Filmen, die zum Zeitpunkt von "A New Hope" ja auch irgendetwas gemacht haben müssen. Alexander Freed beispielsweise schildert in "Contingency Plan" auf ernüchternde Weise, wie sich Senatorin Mon Mothma auf den (wahrscheinlichen) Fall vorbereitet, dass die Schlacht gegen den Todesstern verloren geht. Auftritte gibt es auch von Lando Calrissian, Yoda, Qui-Gon Jinn und Jabba the Hutt.

    Was Originalität bei der Protagonistenwahl anbelangt, schießt Nnedi Okorafor eindeutig den Vogel ab. Hauptfigur ihrer Kurzgeschichte "The Baptist" ist das tentakelbewehrte Monster, dem Han & Co in der Müllpresse des Todessterns begegnen. Okorafor macht daraus ein bemitleidenswertes Wesen namens Omi, das von seinem Sumpfplaneten entführt wurde und nur überleben will. Dass Omi im Verlauf des Geschehens von der Macht berührt wird, überdeckt freilich nicht ganz die Frage, zu welchem Zweck man das arme Geschöpf eigentlich gekidnappt hat – sinnvolles Recycling betreibt es ja nicht. Aber Logik war ohnehin noch nie Okorafors Stärke.

    Bekannte Namen

    Der neben Okorafor arrivierteste SF-Autor in dieser Anthologie ist Ken Liu, der mit seiner Schlawiner-Geschichte "The Sith of Datawork" ein vergnügliches Highlight abgeliefert hat. Im Zentrum steht ein Beamter an Bord von Darth Vaders Sternenzerstörer, der sich im Dschungel der imperialen Bürokratie zurechtfindet wie kein Zweiter. Er weiß genau, mit welchen Formularen man herumjonglieren muss, um sich der Verantwortung entziehen zu können – sein aktueller Kunde ist der Offizier, der die Rettungskapsel mit R2-D2 und C-3PO (und damit den Bauplan des Todessterns) entkommen ließ.

    Die nächsten in der Reihenfolge der Bekanntheit wären wohl Meg Cabot, Kelly Sue DeConnick und Mur Lafferty. Der Löwenanteil der AutorInnen hier arbeitet aber in der einen oder anderen Form für ein Franchise. Das muss nicht unbedingt nur "Star Wars" sein, die Palette reicht von "Doctor Who" bis zu diversen Comic-Reihen. Einen Sonderfall stellt Wil Wheaton dar, der als "Star Trek"-Schauspieler ja ursprünglich von der anderen Seite der Macht kam; mittlerweile ist er aber ohnehin eher Produzent und zentraler Akteur des medienübergreifenden Wil-Wheaton-Franchises. Mit "Laina" steuerte er der Anthologie die tragische Geschichte eines Mechanikers bei, der sich der Rebellion angeschlossen hat und sein Baby vom bedrohten Planeten Yavin evakuieren lässt.

    Auf gradem Kurs

    Die Anordnung der Kurzgeschichten folgt mehr oder weniger exakt dem Handlungsverlauf des Films, wenn auch einige Schauplätze überproportional vertreten sind. Recht lange halten wir uns beispielsweise auf Tatooine auf, und das Duell in der Cantina von Mos Eisley erleben wir aus den Augen (oder ähnlichen Sinnesorganen) von so ungefähr allen mit, die dort gerade einen trinken waren.

    Durch die Bank werden die Geschichten sehr straight erzählt, die wenigen Ausnahmen fallen dadurch umso mehr auf. Cavan Scott beispielsweise lässt in "Time of Death" Obi-Wan Kenobi buchstäblich aus der Zeit fallen, nachdem er sich im Zweikampf mit Vader entkörperlicht hat. Glen Weldon schildert sein "Of MSE-6 and Men" als Audio-Protokoll eines jener rollenden Mini-Droiden, die man im Film zwischen den Füßen der ProtagonistInnen herumhuschen sieht. Von dem menschlichen Drama, das er für uns aufzeichnet, hat der schlichte kleine Roboter natürlich keine Ahnung. Ian Doescher schließlich ist dem einen oder anderen vielleicht schon von seinen "Star Wars"-Übertragungen ins Shakespeare-Englisch bekannt ("Thou showest all the dark side of the Force ..."). Das wiederholt er hier und lässt Imperator Palpatine für einen Monolog vor den Vorhang treten.

    Eine Prise Humor

    Eine kleine Perle und mein persönliches Highlight ist "An Incident Report" der Journalistin Mallory Ortberg. Es ist der Wortlaut einer dienstlichen Beschwerde, die Admiral Motti eingereicht hat, nachdem er von Darth Vader gewürgt worden war. Gleichermaßen empört wie politisch korrekt gehalten, liest sich Mottis Text höchst vergnüglich – etwa wenn es um Vaders ständiges Gefasel von der Macht geht: "I wish to take this opportunity to point out that I have no objection to the gentleman's religious beliefs ..."

    Den humorvollen Abschluss der Anthologie macht Tom Anglebergers "Whills", in dem er die Geschichte und das Storytelling der "Star Wars"-Saga augenzwinkernd aufs Korn nimmt. Dabei fokussiert er vor allem auf die Unterschiede zwischen den Fan-Generationen, die mit der Original-Trilogie oder einer der späteren Ausgaben aufgewachsen sind. Mein persönliches Schlüsselerlebnis in Sachen Generationswechsel hatte ich übrigens schon in den 90ern, kurz bevor die verschlimmbesserten Neuversionen der ersten drei Filme in die Kinos kamen und das Franchise wieder ins allgemeine Bewusstsein hievten. Da legten im Supermarkt zwei kleine Buben vor mir einen Pez-Spender mit Darth-Vader-Kopf aufs Band und einer erklärte dem anderen: "Das ist der Lord Helmchen."

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