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18. September 2017, 11:51

Beim Weltrekord war ich 15 Jahre und vier Monate alt. Ungefähr ein halbes Jahr zuvor hatte ich zum ersten Mal Oral-Turinabol bekommen, ein starkes Anabolikum. Man musste schon in der Pubertät sein, um OT zu kriegen. Das hat bei mir richtig gut angeschlagen. Schon bei der EM Mitte August in Jönköping war ich Zweite über 100 Meter Schmetterling gewesen, hinter Andrea Pollack, auch eine DDRlerin. Sie 1:00,61, ich 1:00,71.

"Ich kann mich erinnern, dass ich gar nicht schwimmen wollte. Mein Vater hat gesagt, reiß dich zusammen."

Doch am 28. August hat das Küken zurückgeschlagen. Länderkampf gegen die USA im Ostberliner Friesenstadion. Das ist jetzt fast genau vierzig Jahre her. Die USA, das war der Klassenfeind, deshalb kam dem Ereignis eine besondere Bedeutung zu. Ich kann mich erinnern, dass ich eigentlich gar nicht schwimmen wollte. Ich war müde, auch sauer, weil sie mich bei der EM nicht über 200 Meter Schmetterling schwimmen ließen. Aber mein Vater hat gesagt, reiß dich noch einmal zusammen.

foto: gws
Die Urkunde für den Weltrekord über 100 Meter Schmetterling, aufgestellt 1977 in 0:59,78 Sekunden.

59,78 Sekunden. Ich war fast eine Sekunde schneller als bei der EM. Was beim Weltrekord anders war? Da muss ich Markus Rogan zitieren, der ja ungefähr, wenn auch ein bisserl ungeschickt, gesagt hat, dass man die besten Leistungen bringt, wenn man das Hirn ausschaltet. Und mir war an dem Tag, wie gesagt, alles egal.

Meine Siegerzeit hab ich zuerst gar nicht gecheckt. Ich hab nur mitgekriegt, dass es Weltrekord war. Es waren schon einige Tausend Zuseher zugegen, die haben ordentlich gejubelt. Der Sport war extrem wichtig für das Regime. Die DDR hatte nicht viel zum Herzeigen. Was willst du mit dem Trabant? Aber die Schwimmerinnen, die Leichtathleten, später Katarina Witt, die waren herzeigbar.

Über den Sport konnte die DDR nicht nur dem Ausland etwas beweisen, sondern auch im eigenen Land mobilisieren und die Leute bei der Stange halten. Deshalb haben sie das Dopingsystem so groß aufgezogen und in jenen Sportarten, in denen das möglich war, schon bei Kindern und Jugendlichen damit angefangen.

Der Mann mit dem Koffer

Minderjährigen haben sie nichts sagen müssen. Außerdem war es billig. Uns haben sie keine Wohnung, kein Auto geben müssen. Da ist es eher um einen guten Schul- oder später Studienplatz gegangen. Gut, ab und zu gab es Geld.

"Vielleicht war der Mann mit dem Koffer bei uns nicht so oft, weil wir Westverwandte hatten."

Der Mann mit dem schwarzen Koffer war unter den Sportlern berühmt. Bei den jungen Schwimmerinnen war er selten, bei uns daheim ist er vielleicht zweimal aufgetaucht. Ich weiß nicht mehr, wie viel er gebracht hat, 1000 oder 3000 Mark.

Tausend Mark, das waren zwei durchschnittliche Monatseinkommen. Doch in Miete umgerechnet war das viel Geld. Ich hab, nachdem ich daheim ausgezogen bin, zwanzig Mark Miete bezahlt für 150 Quadratmeter.

Vielleicht war der Mann mit dem schwarzen Koffer bei uns nicht so oft, weil wir Westverwandte hatten. Die haben ab und zu ein bisserl Westgeld dagelassen oder Pakete geschickt.

Ich kam aus orthopädischen Gründen zum Schwimmen, weil ich leichte O-Beine und mit den Füßen Probleme hatte. Außerdem hat meine Mutter in der Organisation des NOK-Meetings mitgeholfen, das war ein riesiger Event in Ostberlin.

foto: jürgen sindermann
Hallenmeisterschaften der DDR Februar 1978: Favoritinnen auf der 25-Meter-Bahn waren die vier Schwimmerinnen des SC Dynamo Berlin: Christiane Knacke, Carola Nitsche, Andrea Pollack und Barbara Krause.

Also bin ich hineingehüpft. Es ist nicht nur um den Spaß gegangen, sondern um einen Platz in der Kinder- und Jugendsportschule, um bessere Ausbildung, Ganztagsbetreuung. Meine Eltern waren beide berufstätig.

Ich hab bei Dynamo Feuerwehr begonnen. Das erste Auswahlverfahren gab es knapp vor Beginn des ersten Schuljahrs. Die Mädchen von allen Dynamo-Vereinen sind vorgeschwommen. Sichtungslehrgang hieß das. Und es wurde auch nach der Körpergröße der Mutter gefragt – war die unter 1,65, wurdest du nicht aufgenommen. Meine Mutter wusste das, sie war 1,62 groß, hat ein paar Zentimeter dazugeschwindelt, und keiner hat nachgemessen.

Die ersten Tabletten hab ich mit zehn bekommen. Vitamintabletten, in der DDR gab es nicht viel Obst. Am Anfang waren das ein, zwei Pulver, später war das ein ganzer Plastikbecher mit sieben bis zehn Tabletten. Die Trainer haben aufgepasst, dass man alles genommen hat.

Mit Oral-Turinabol wurde ab Frühling 1977 nachgeholfen. Vor allem in der UWV, in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung. Sie haben, wie gesagt, auf meine erste Periode gewartet. Da hab ich auch Spritzen bekommen. Nichts Schlimmes, sagten die Trainer, das kriegt ihr, damit das Training leichter fällt.

Habe ich gewusst, was ich da kriege? Das diskutiere ich heute noch oft mit meinem Mann, der mich fragt: Warum hast du nicht früher das Hirn eingeschaltet? Ich kann es nicht sagen. Sag einer 14-Jährigen, sie soll das Hirn einschalten. Damals und dort haben wir die Dinge zur Kenntnis genommen. Friss oder stirb, das war die Devise. Wir waren Missbrauchsopfer, wir hatten keine Wahl.

Wir haben abgeschottet in einem Vakuum gelebt. Subjektiv gesehen ist es uns vielleicht besser als anderen gegangen. Und worüber willst du denn da nachdenken, wenn es dir eigentlich gutgeht?

Eine Mauer des Schweigens

Der Tag hat aus Schwimmen, Essen, Lernen bestanden. Nach 14 Stunden bis du heimgekommen, warst fertig. Warum ich mein Hirn nicht eingeschaltet habe? Wahrscheinlich weil es zu dem Zeitpunkt und in diesem System noch nicht genug entwickelt war. Als ich mitbekommen habe, was lief, hab ich dem System den Rücken gekehrt.

"Zu schnelles Muskelwachstum. Das hat der Körper nicht mehr auf die Reihe gekriegt."

Als wir mit zunehmendem Alter alles hinterfragt haben, sind wir gegen eine Mauer des Schweigens gerannt. Wir haben gemerkt, immer, wenn wir das Zeug kriegen, kriegen wir Muskelkater ohne Ende. Solche Arme, solche Beine, solche Ballons. Oft waren wir verspannt bis zum Gehtnichtmehr.

Zu schnelles Muskelwachstum. Das hat der Körper nicht auf die Reihe gekriegt. Du konntest innerhalb von drei Wochen massive Veränderungen an deinem Körper feststellen. Du konntest den Muskeln fast beim Wachsen zusehen. Aber du hast das Training durchgedrückt, du hast jeden Tag zwanzig Kilometer geschafft.

foto: gws
Nominierung für die olympischen Sommerspiele 1980 mit einem Gruß von Erich Honecker.

Man hat gegenüber uns Kindern ganz harmlos getan, wir konnten die Gefahren nicht erkennen. Wir waren Schutzbefohlene. Das Wort Doping ist nie gefallen. Das Programm wurde als etwas Legales dargestellt. Es hieß, wir bekommen das, damit wir viel trainieren können. Unrechtsbewusstsein kam, wenn überhaupt, erst während des DDR-Dopingprozesses um die Jahrtausendwende auf.

Wir sind hier nicht angetreten, um zu singen, sondern um zu schwimmen. Das hat mein Trainer Rolf Gläser gesagt, als er gefragt wurde, warum wir DDR-Schwimmerinnen so tiefe Stimmen haben. Wenn ich an die Schwimmerinnen aus den USA und anderen Ländern zurückdenke, glaube ich nicht, dass nur wir gedopt waren. Auch die Amerikanerinnen waren nicht zierlich, das waren ja auch solche Tiere.

Das Verhältnis zu meinen Eltern war immer gut. Man hat sich selten gesehen. Natürlich haben sie gefragt, wie das Training war. Aber sie haben nicht gefragt, was wir gekriegt haben. Die wären nicht auf die Idee gekommen, dass wir manipuliert werden. Es war ja alles selbstverständlich.

Über den Friedhof zum Erfolg

Ich hab zu meinem Trainer Gläser, der nach der Wende auch in Österreich tätig war, ein gutes Verhältnis gehabt, aber kein großes Naheverhältnis. Ich hatte ein intaktes Elternhaus. Andere, wo die Ehen der Eltern zerrüttet waren, haben vielleicht eher eine Schulter zum Anlehnen gesucht. Mir war aber klar, dass er notfalls über einen Friedhof zum Erfolg geht.

"Wenn man aufmüpfig war, war es eine Form der Strafe, dass man weniger bekommen hat."

Das Oral-Turinabol haben wir ohne Verpackung bekommen. Ärzte und Trainer haben die Einnahme überwacht. Wenn Andrea Pollack mehr bekommen hat, wollte ich auch mehr kriegen. Ich fand das damals gut, wenn ich etwas bekam. Das haben nur die Guten bekommen. Und ich war eine Zeitlang sicher froh, dazuzugehören. Man wollte ja bei den Guten sein.

Heute weiß ich, ich war ein Versuchskaninchen, wir waren Versuchskaninchen. An uns wurden Medikamente getestet, die schwere Folgeschäden verursachten, ohne dass wir oder unsere Eltern das wussten. Sie haben uns süchtig gemacht. Wenn man schlecht trainierte oder aufmüpfig war, war es eine Form der Strafe, dass man weniger bekommen hat.

Du siehst dich im Spiegel. Du merkst, dass sich etwas verändert, aber das ist eben so. Wir haben tiefe Stimmen bekommen, und wir mussten uns pausenlos die Beine rasieren. Wahnsinn, wie behaart die Unterschenkel waren. Wir sind in unserem Auftreten immer herber geworden. Aber wie willst du, wenn du in deinem eigenen Körper steckst, wissen, wie es anders sein könnte oder wie es wirklich sein sollte? Du weißt ja nicht, wie es normal wäre.

1978 bin ich meiner WM-Titel beraubt worden. Ich war schon draußen, in Westberlin, wo die WM stattfand. Damals wurde erstmalig auch im Training kontrolliert, und das war der DDR zu heikel.

Ich hab das OT wohl nicht schnell genug abgebaut, sie haben mich nicht mehr heruntergekriegt. Sie haben sich verrechnet, bei mir und bei Petra Thümer, die schon zweimalige Olympiasiegerin war. Daraufhin haben sie uns wieder zurückgeholt, wir konnten nicht antreten. Ich wäre dreimal um Gold geschwommen. Aber es ist, wie es ist. Und es hat etwas Gutes gehabt.

Ich wollte mehr vom Leben

So konnte ich mich aus dem Dopingprogramm verabschieden. Am liebsten hätten sie mich ganz ausgemustert, weil ich Westverwandte hatte. Aber eine Weltrekordlerin lässt man nicht einfach verschwinden, man hat mich mit rumdümpeln lassen.

"Wir sollten Medaillen heimbringen, so lautete der Parteiauftrag. Da wollte ich nicht mehr mitspielen."

1980 bin ich ohne geschwommen. Ohne, damit meine ich ungedopt. Dennoch war ich Olympiadritte über 100 Meter Delfin, und ich war im Vorlauf für die Lagenstaffel dabei, die dann Gold geholt hat. So gesehen darf ich mich Olympiasiegerin nennen, auch wenn mir das Nüsse bringt.

Nach Olympia 1980 hab ich aufgehört. Ich habe im Schwimmsport und in der DDR keine Perspektive gesehen. Ich wollte mehr vom Leben. Ich wollte eine Familie. Ich wollte mich bewegen können. Ich war mit 18 schon drei-, viermal operiert worden am Bewegungs- und Stützapparat. Und wenn dir der Arzt sagt, das kriegen wir nicht mehr ordentlich hin, gibt dir das zu denken.

Schwimm, schwimm, schwimm, hat es immer nur geheißen. Wir sollten Medaillen heimbringen, so lautete der Parteiauftrag. Da wollte ich nicht mehr mitspielen, das stand nicht dafür. Und für ein Kilogramm Orangen und ein Kilogramm Bananen zu Weihnachten haben auch die Westverwandten gereicht.

Körperliche Schädigungen

Mit den vollen Plastikbechern war es schon 1978 für mich vorbei. Das hat mir geholfen, zwei gesunde Kinder zur Welt zu bringen. Als sie richtig ausgeschenkt haben, war ich nicht mehr dabei.

"In meinem Jahrgang ist viel passiert, da gab es Schicksalsschläge. Mit schweren Schädigungen, mit Totgeburten."

Wenn ich mich im Umfeld von damals umschaue, muss ich sagen, Gott sei Dank hab ich nicht so viel gekriegt. Das hat mir viel Leid erspart. In meinem Jahrgang ist viel passiert, da gab es etliche Schicksalsschläge. Mit schweren körperlichen Schädigungen, mit Totgeburten, mit Kindern, die als Jugendliche verstorben sind.

Nach der Wende hab ich gar nicht so schnell schauen können, und mein Extrainer Gläser war als Betreuer in Österreich. So wie viele andere auch. Doch erst nach dem Dopingprozess hab ich gewusst, was wirklich geschehen ist.

foto: gws
"Certificate of recognition": Anerkennung aus Übersee.

Als ich noch unter Gläser in Berlin trainierte, haben sie mich einmal nach einer Infusion aus dem Becken gefischt. Ich bin wie ein Stein untergegangen. Ich kann mich an nichts erinnern. Ich weiß nur, dass ich nachher am Beckenrand gelegen bin und alle aufgeregt herumgelaufen sind.

Andrea Pollack und ein Schwimmmeister haben mich herausgezogen, aus zweieinhalb Metern Tiefe. Danach wollten sie rauskriegen, was die Ursache dafür war, sie haben mich nach Königsbrück geschickt, da stand quasi ein Ost-Nasa-Zentrum im Wald, dort haben sie die Kosmonauten auf Raumflüge vorbereitet. Dort haben sie mit mir Versuche gemacht, um zu sehen, wie mein Körper reagiert. Ich war ja kein Rohling mehr, ich war ein Diamant, die hatten schon genug in mich investiert.

Herausgefunden haben sie nichts. Ich weiß nicht, was damals los war. Vielleicht haben sie ein neues Mittel ausprobiert. Es war ihnen schon unangenehm, sie mussten ja auch meinen Eltern mitteilen, dass da etwas vorgefallen ist.

Königsbrück hat etwas hergemacht. Die DDR ist ja auch ins Weltall geflogen. Den Sigmund Jähn kannte jedes Kind, der ist als erster Deutscher ins Weltall geflogen. 1976 ist das gewesen. Ein Jahr vor meinem Weltrekord. (18.9.2017, Zugehört und aufgezeichnet hat: Fritz Neumann)

ZUR PERSON

Nach ihrem Rücktritt war Christiane Sommer, deren Mädchenname Knacke war, für das Olympische Komitee der DDR tätig. 1986 trafen sich Jugendgewerkschaften zwecks Völkerverständigung in Moskau. Christiane aus Berlin verständigte sich mit Gottfried aus Wien.

In der DDR stieß die Liebe auf wenig Gegenliebe, ein Antrag auf "Familienzusammenführung" , also Ausreise, wurde abgelehnt. Geheiratet wurde im Oktober 1988 in Berlin, Knacke hieß fortan Sommer. Ende 1988 übersiedelte sie doch nach Wien, Kanzler Franz Vranitzkys Beraterin Eva Nowotny hatte sich für sie eingesetzt.

In Wien war Sommer kurz Schwimmtrainerin, später tauchte sie im Personalwesen auf. Die 55-Jährige ist diplomierte Arbeitsrechtlerin und Personalchefin am Theater der Jugend. Ihr Mann ist Landesgeschäftsführer der Fraktion Sozialdemokratischer GewerkschafterInnen (FSG), ihre Tochter ist angehende Juristin, ihr Sohn IT-Spezialist. (red)