Aus der Festrede von Georg Friedrich Haas zu 50 Jahren Steirischer Herbst: Der Herbst, Nazi-Nebel und Kunst über Graz

Kommentar der anderen15. September 2017, 17:26
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Es gibt einen Zusammenhang zwischen in signifikanter Stärke aufblühendem Kunstschaffen und den ebenfalls in signifikanter Stärke lebendigen Resten von Nazismus

Vor mehr als 40 Jahren war zum ersten Mal eine Komposition von mir im Steirischen Herbst aufgeführt worden. Es war ein missglücktes Werk. Am nächsten Abend ging ich mit einem Freund zum Grazer Hauptplatz, um die dort ausgestellte Konzertrezension zu lesen. Die Kritik war kurz. "Unter den aufgeführten Stücken erwies sich ein einziges als brauchbar (es war nicht meine Komposition) – alles andere war ein Sammelsurium verwaschener Klänge." Ich drehte mich um und fragte den Freund: "Du, glaubst du, ist das negativ?"

Diese Erfahrung war von größter Bedeutung für mich. Ich fühlte mich aufgenommen – als Novize – in den Kreis der Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart. Auch wenn mein Werk den Ansprüchen noch nicht entsprach, die Maßstäbe waren gesetzt: 1972 hatte ich Friedrich Cerhas monumentales Orchesterwerk Spiegel I bis VII gehört. Im Jahr meines Debuts wurde György Ligetis Klavierkonzert uraufgeführt. Daran durfte, daran musste ich mich messen. Jetzt, ein paar Jahrzehnte später, kehre ich von außen wieder an diesen Ort zurück.

Damals, im selben Jahr 1976, plante eine Gruppe von politisch sehr weit rechts stehenden Personen, ein Volksbegehren zur Abschaffung des Steirischen Herbstes zu initiieren. Eines der Mitglieder des Proponentenkomitees war mein Vater. Sie hatten keinen Erfolg. Sie konnten nicht einmal die notwendigen Unterschriften zur Einleitung des Volksbegehrens zusammenbringen.

Mein Vater war einer von jenen Hunderttausenden, vielleicht sogar Millionen von Österreichern, die auch nach 1945 im Weltbild der Nazis verblieben sind. Er verstand den 8. Mai 1945 als Tag der Niederlage – er nannte es den "Zusammenbruch". Er empfand die Politiker der Zweiten Republik als Kollaborateure der "Siegermächte". Er warf dem Verbotsgesetz vor, ihm in undemokratischer Weise das Recht auf freie Meinungsäußerung zu verweigern. Er war stolz darauf, "trotz allem" seiner "Gesinnung" treu geblieben zu sein. Er fühlte sich bis an sein Lebensende an den Eid gebunden, den er 1942 als Soldat der Wehrmacht für "den Führer" geleistet hatte.

Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich begriff, dass nicht alle Menschen, die Neue Kunst ablehnen, deshalb auch automatisch Nazis sein müssen. Aber der Anteil von Nazis unter jenen, die Neue Kunst bekämpfen, ist signifikant hoch. Hier hatten sie ein Thema, wo sie ungestört agieren konnten. Wenn sie antisemitische Äußerungen machten oder den Holocaust leugneten, konnten sie schnell mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Aber gegen entartete Kunst durften sie hetzen, soviel sie wollten – solange sie nur diesen Begriff vermieden und stattdessen z. B. von "Scharlatanerie" oder der "Zerstörung des Menschenbildes" sprachen. Denn sie wussten: Kunst ist für sie gefährlich.

Extreme Kunst

In auffälliger Weise finden sich in Werken österreichischer Künstler Aspekte des Extremen, des Gewaltsamen, des Dunklen. Der Wiener Aktionismus ist um Größenordnungen aggressiver, zerstörerischer und selbstzerstörerischer als etwa die Fluxus-Bewegung. Denken wir an die "Uni-Ferkelei", an die Überschreitung der Grenze der eigenen körperlichen Unversehrtheit durch Schwarzkogler und Brus, an Valie Export. Das Zelebrieren ihrer Verletzlichkeit als Frau – und denken wir dann an die ästhetisch-verspielten Arbeiten von Nam Jun Paik oder Yoko Ono.

Hermann Nitsch arbeitet mit Blut – er hätte sich auch (wie Josoph Beuys) für Fett und Filz entscheiden können. Thomas Bernhards Werk ist um Größenordnungen schärfer, härter, aggressiver als Heinrich Böll, Günter Grass oder Friedrich Dürrenmatt. Ilse Aichingers Texte sind ein Kosmos schwermütiger Traurigkeit.

Ich selbst werde als "Spektralist" bezeichnet, gemeinsam mit Gerard Grisey und Tristan Murail. Griseys Musik wird "Leuchtkraft" zugeschrieben, meiner "Dunkelheit". Warum? Woher kommt diese signifikante Fokussierung auf Schmerz, Verbitterung, Dunkelheit und Verzweiflung in den Werken so vieler österreichischer Künstlerinnen und Künstler?

Die Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich nach 1948 muss erst geschrieben werden. Die historische Forschung wird sich dazu neuer Methoden bedienen müssen, denn diese Geschichte ist schriftlos. Schriftlos wie Steinzeit.

Als die ehemaligen NSDAP-Mitglieder das Wahlrecht zurückbekamen, setzte ein Wettrennen um deren Stimmen ein. Man bot den Nazis Jobs an – im öffentlichen, im halböffentlichen Bereich. Falls nötig, schuf man Dienstposten. Sie waren wieder da. Und sie gingen so weit, wie man sie gehen ließ. Innerhalb weniger Jahre unterwanderten sie weite Teile des öffentlichen Lebens. Geheim. Oder – besser gesagt – halböffentlich.

Mein Großvater, der Architekt Fritz Haas, war eine der Schlüsselfiguren der Grazer Altnaziszene. Er war an der Gründung des alpenländischen Kulturvereines Südmark beteiligt und an der Neugründung des Vereines Deutscher Studenten zu Graz. In seinem engsten Umfeld befanden sich Universitätsprofessoren (einer davon wurde später sogar Vorsitzender der Rektorenkonferenz), der Präsident der AKM und ein Träger des Peter-Rosegger-Literaturpreises. Alle waren überzeugte Nazis, die genau wussten, wo sie ihre Ansichten verbergen mussten und wo nicht. Das war kein organisiertes Netzwerk. Das war ein loses Zusammenspinnen von Gleichgesinnten. Man wusste, wer ein "anständiger Mensch" war, und förderte ihn. Selbstverständlich konnte ich nur einen kleinen Ausschnitt dieses Gespinstes wahrnehmen. Aber wir müssen leider annehmen, dass es Österreich durchdrungen hat.

Das Verbotsgesetz hatte versagt. Der Staat hatte sich gegenüber den Nazis als machtlos erwiesen. Der Journalismus konnte oder wollte das nicht aufdecken. Die Einzigen, die darüber reden konnten, waren die Künstler. Sie taten es mit ihren Mitteln. Die einen sprachen direkt darüber. Andere indirekt. Die Dunkelheit, der Schmerz, die Radikalität hat hier ihren Ursprung.

Wenn ich komponiere, stehen die Toten hinter mir, und ich fühle, dass sie auch jetzt, wo ich hier spreche, hinter mir stehen: Die jüdische Familie, die versucht hatte, in Wien zu überleben, in dem sie tagsüber durch die Straßen zog und nachts irgendwo anläutete und um Übernachtung bettelte. Mein Großvater bat sie in die Küche und rief die Gestapo an. Die Zwangsarbeiter – KZ-Insassen und Kriegsgefangene -, die auf den Baustellen meines Großvaters unter Arbeitsbedingungen schuften mussten, in dem tödliche Unfälle bewusst einkalkuliert waren. Die Einwohner jenes französischen Dorfes, dessen Namen ich nicht kenne, in das mein Vater eine Fliegerabwehrrakete gejagt hatte. Und die vielen, von denen ich nichts weiß.

Ich fühle mich nicht schuldig. Aber ich fühle Scham und Trauer. Und besonders schäme ich mich für das, was ich selbst gedacht – und geredet – habe. Als Kind, als Jugendlicher, als Student. Ich habe viel zu lange gebraucht, bis ich bereit war, Wahrheit zu sehen.

Die Vorgeschichte des Steirischen Herbstes begann meiner Meinung nach 1963. In diesem Jahr erhielt Joseph Papesch den Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark. Papesch war fast während der gesamten Nazizeit der höchste "Kultur"-Funktionär in der Steiermark gewesen. Dieser Preis wurde ihm – zumindest nach Ansicht meiner Familie – nur verliehen, um damit einen Anreiz an die Naziwählerschaft in der Steiermark zu setzen, sich noch stärker in die ÖVP zu integrieren. Im Wikipedia-Artikel über Joseph Papesch steht: 1963 wurde ihm trotz seiner NS-Vergangenheit der Peter-Rosegger-Literaturpreis verliehen – diese Aussage ist unwahr. Wahr ist, dass ihm dieser Preis WEGEN seiner NS-Vergangenheit verliehen wurde.

Laut Wikipedia war eines der Jurymitglieder, die diese Entscheidung fällten, Hanns Koren. Ich gehe davon aus, dass ihm sehr bald bewusst wurde, was da geschehen ist. Dass die steirische Kulturpolitik Gefahr lief, jeden Rest moralischer Integrität zu verlieren. Und dass es notwendig war, ein Gegengewicht zu schaffen gegen den in diesem Land sicht- und fühlbaren braunen Sumpf. Vier Jahre später, 1967, wurde der Steirische Herbst geboren. Das, was vorher als entartete Kunst diffamiert worden war, wurde nun in den Mittelpunkt eines die Identität des Landes mitdefinierenden Festivals gestellt.

Ja, Kunst kann missbraucht werden. Die Nazis haben Wagner, Bruckner und Beethoven benutzt. Kunst kann aber auch der archimedische Punkt sein, an dem die Welt der Inhumanität aus ihren Angeln gehoben wird. Meine persönliche Entwicklung ist ein Beispiel dafür, was Kunst bewirken kann: Die Auseinandersetzung mit dem Werk von John Cage und das Erfassen seines radikalen Begriffs von Freiheit haben mitgeholfen, mich aus jener finsteren Welt hinauszuführen, in die ich hineingeboren worden war. Das hat mein Leben zum Positiven verändert. Ich bin letztlich ein glücklicher Mensch geworden.

Kunst ist ein Ritual. Ein Ritual des "An-die-Grenzen-Gehens". Wenn wir Künstler die Grenzen des uns Möglichen ausloten, wenn wir die Traditionen immer von Neuem durch Infragestellen beleben, wenn wir unsere Existenz in die Waagschale werfen – dann haben wir die Chance – niemals die Gewissheit! -, dass sich die spirituellen Aspekte unseres Schaffens entwickeln können. Diese Spiritualität der Kunst ist – war schon immer – rational. Wir denken in Klängen, in Farben, in Formen, in Erzählungssträngen.

Fünf aus Fünfzig

Es ist erstaunlich, wie unverhältnismäßig groß der künstlerische Output der doch relativ kleinen Steiermark ist. Forum Stadtpark und neue Galerie, die erste Jazzakademie im deutschsprachigen Raum und der Steirische Herbst. Vor kurzem kam noch die neue Musik dazu: In einem Ranking der Musikzeitschrift Classic Voice, wo die 50 weltweit wichtigsten Komponisten des 21. Jahrhunderts aufgezählt wurden, sind die Ränge eins, acht, zehn, 28 und 39 von Personen belegt, die entweder in der Steiermark geboren bzw. aufgewachsen sind, oder an der Kunstuniversität in Graz lehren.

Ich glaube, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen in signifikanter Stärke aufblühendem Kunstschaffen und den ebenfalls in signifikanter Stärke noch lebendigen Resten von Nazismus in der Steiermark: Der Schmerz und die Wut und die Trauer stacheln uns an. Ich habe daher für die Zukunft der modernen Künste in diesem Land keine Sorge.

Wir haben noch viel zu tun. Und wir werden es tun. Faschismus und Fundamentalismus sind weltweit im Vormarsch. Unsere Herausforderung als Künstlerinnen und Künstler ist, dagegen den Virus der Humanität zu verbreiten. Wie auch immer wir das zu bewerkstelligen versuchen. (Georg Friedrich Haas, 16.9.2017)

Georg Friedrich Haas (Jg. 1953) ist Komponist und Professor an der Columbia University in New York.

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Die Langversion der Rede finden Sie hier

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