"PES 2018" im Test: Hochklassiger Kick auf Entschleunigungskur

    17. September 2017, 11:00
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    Konami nimmt Geschwindigkeit aus dem Spielgeschehen

    Neuer Herbst, neues Kräftemessen am grünen Rasen. Nicht nur am realen Grün rollt wieder der Ball, auch digital geht der bekannte Zweikampf zwischen EAs "Fifa"-Reihe und "Pro Evolution Soccer" ("PES") von Konami in die nächste Runde.

    Letzteres Studio ist mit "PES 2018" zuerst in die Saison gestartet. Versprochen wird das Übliche. Verbesserte Grafik und Animationen, noch feinere Kontrollen, mehr Realismus. Quantitativ besser messbar: Erweiterungen bestehender Spielmodi sowie Koop-Partien (2v2 und 3v3) über das Internet. Auch nicht zu vergessen: Die PC-Version von "Pro Evo" soll nun der Konsolenausgabe (endlich!) ebenbürtig sein und nicht mehr aussehen, wie eine grafisch leicht aufgehübschte Fassung für die Xbox 360.

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    PC-Version endlich gleichwertig

    Eines vorweg: Konami hat Wort gehalten. Das grafische Grandeur von "Fifa" erreicht "PES" zwar weiterhin nicht, dennoch sieht das Spiel aber schön aus. Matches werden angemessen präsentiert, Stadionpublikum erweckt nicht mehr den Eindruck, ein lieblos hingeworfener Haufen Klone zu sein. Die Atmosphäre stimmt. Allerdings: Wie immer hat "Fifa" bei den Lizenzen klar die Nase vorne. "PES" liefert auch heuer nur Stückwerk aus einigen lizenzierten Bewerben, Teams und Spielern – ein Highlight wären diesmal etwa der FC Liverpool samt allen Spielern und Stadion.

    In puncto Animationen ist das Spiel eine Augenweide. Übergänge von der einen in die andere Animation sind nur extrem selten dezent zu bemerken. Kollisionen zwischen den Kickern wirken realistisch. Es wird realistisch geschubst, gestolpert und gefallen.

    Der Kommentar ist in seiner Einschätzung des Spiels besser geworden, neigt aber auch zu Ausfällen, in denen Fehlpassorgien zu spannenden Kopf-an-Kopf-Matches stilisiert werden. Unvermeidbar ist, dass sich verschiedene Phrasen auf Dauer oft wiederholen. Der geneigte Purist löst dies, indem er den Kommentar deaktiviert.

    Langsamer, realistischer

    Was zählt, ist aber bekanntlich "auf‘m Platz", um eine teutonische Fußballweisheit zu zitieren. Und da hat Konami sein Game merklich entschleunigt. Auch dies soll dem Realismus dienen. Tatsächlich wirken Matches echter im Sinne der Mehrheit der Spiele, die man in Echt zu sehen bekommt. Ein schneller Schlagabtausch zwischen guten, offensiv ausgerichteten Teams kann im Gegenzug dafür aber ein wenig behäbig aussehen.

    In Steuerungsbelangen hat auch "Real Touch+" nichts grundsätzlich verändert. Die Kontrolle des Balles am Körper fühlt sich sehr direkt an. Es gilt, gut auf Ausrichtung zum Ball und die Laufgeschwindigkeit aufzupassen. Im Gegenzug allerdings erscheint die Ausführung von Pass- und Schussbefehlen unnötigerweise etwas verzögert.

    Mehr Zwang zur Technik

    Ein Trend setzt sich bei "PES" fort: Lange konnte man auch mit mäßigen Technikskills mithalten, solange die eigenen Balltreter hinsichtlich ihrer Attribute menschlichen und KI-gesteuerten Gegnern halbwegs ebenbürtig waren und man eine clevere Taktik parat hatte. Mittlerweile ist mehr Finesse erforderlich, andernfalls ist es für Gegner zu leicht, mal eben mit einem guten Stürmer an 3 Verteidigern vorbei zu spazieren.

    Taktik entscheidet oft

    Das heißt freilich nicht, dass Taktik jetzt egal ist. Im Gegenteil – Spielidee und Kader sollten gut zusammenpassen und es zahlt sich aus, an der eigenen Formation zu basteln, sobald man die Stärken und Schwächen des Gegners ausgelotet hat. Einstellungsoptionen gibt es serientypisch viele. Wer mag, lässt es bei den Basics (Aufstellung, Formation, grundsätzliche Taktikvorgaben), Tüftler konfigurieren die Arbeitsverteilung für Standardsituationen, können jedem Spieler spezifische Rollen zuweisen und noch einiges mehr.

    Insbesondere beim Verteidigen sollte man das eigene Konzept aber auch diszipliniert umsetzen. Das schönste Defensivbollwerk wird im Nu sturmreif geschossen, wenn man unnötig mit dem gerade kontrollierten Akteur zu weit ausschert, und die Raumdeckung ins Chaos stürzt.

    Dabei ist zu beachten, dass diese Konsequenz auch wichtig für die computergesteuerten Teamkollegen ist. Denn insbesondere Innenverteidiger sind besonders fehleranfällig, wenn sie durch Fehler des Spielers ungeplante Zusatzaufgaben übernehmen müssen. Der Klassiker: Öfters werden dann Querpässen in den Strafraum nicht abgefangen, obwohl in Reichweite, weil der Computerkicker lieber beharrlich einen Offensivspieler betreut, der seinerseits weder Rezipient des Passes wäre, noch diesen erwischen könnte.

    KI nicht immer nachvollziehbar

    Während man hier in der Regel Spielerversagen als Ursache orten kann, sind andere Aussetzer dann doch eher Konami zuzuordnen. Die Passstärke bestimmt, welcher Spieler in der jeweiligen Richtung sich zur Annahme verpflichtet fühlt. Die vom Spiel dargelegte Interpretation ist aber nicht immer nachvollziehbar.

    Mitunter werden bereits gemächlich kullernde Bälle vom direkten Nachbarn durchgelassen, obwohl der nächste Kicker zu weit weg ist, um das Leder realistischerweise noch erreichen zu können. Dazu erfolgt die Umschaltung oft zu langsam, um dem Ball wenigstens rechtzeitig entgegen gehen zu können.

    Ein Feld für ewige Verbesserungsmöglichkeiten sind wie immer die Goalies. In dieser Saison sind sie gefühlt etwas zu anfällig für Kopfbälle, dafür aber supertalentiert bei Distanzschüssen. Hier scheinen sie fast nur von abgefälschten Bällen bezwungen werden zu können. Dafür verhalten sie sich sonst recht realistisch und erweisen sich als stark im Entgegenlaufen.

    Was die Spieler am Platz zeigen können, hängt freilich auch von ihren Werten ab. "Pro Evo" ist seit jeher recht konsequent darin, den Unterschied zwischen einem – Hausnummer – Kicker mit einem 60er-Wert in der Schnelligkeitsrubrik und einem mit einer Bewertung jenseits der 80 auch spürbar zu machen. Die Abbildung von individuellen Stärken und Schwächen gelingt immer noch exzellent.

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    Online-Karriere als Geldmaschine

    Während der Meisterliga-Modus in "PES" auf einen einigermaßen realistischen, langfristigen Aufbau eines Teams konzentriert, ist der Online-Modus myClub (ähnlich wie bei "Fifa") offenkundig als Geldmaschine konzipiert. Fast alles kann mit erspielbaren Punkten (GP) bezahlt werden. Wenn diese ausgehen, müssen allerdings "myClub Coins" herangezogen werden. Die gibt’s nur sehr selten gratis, aber sie lassen sich freilich gegen Echtgeld erwerben. Einzelne Features kosten neben GP auch Münzen.

    Dass das Prinzip darauf gründet, von den Spielern langfristig zusätzlich Geld zu bekommen, ist am besten bei der Rekrutierung von Spielern ersichtlich. Der Kader lässt sich noch einigermaßen problemlos mit Kickern im Bereich einer Gesamtstärke von 70 bis 80 füllen, darüber wird es aber schwer. Wer gezielt eine Position mit einem guten Kicker verstärken will, braucht dafür wenigstens zwei passend starke Scouts (Position, besondere Stärke). Nach jedem absolvierten Online-Game erhält man zwar einen Scout, dessen Stärke und Expertise ist aber zufallsbestimmt. Jeder Scout ist zudem nur einmal verwendbar.

    Man kann sie freilich nach Zufallsprinzip auch zukaufen, oder bei Auktionen mitmachen und sie ersteigern. Gelingt es nicht, die Spielerauswahl halbwegs einzudämmen, wird ein neuer Spieler in einer Art Glückskarussell angeworben. Dabei fährt eine Auswahl an Plaketten über das Display, deren Verteilung in verschiedene "Güteklassen" von der Stärke der Scouts abhängt. Mit einem Tastendruck bringt man den "Automaten" zum Bremsen und darf dann hoffen. Die Chance auf Superstars ist allerdings relativ verschwindend.

    Solider Onlinemodus

    Freilich kann auch "normal" online gespielt werden. Mit einem Land oder Klub der eigenen Wahl kann man gegen Freunde oder zufällige Unbekannte antreten. Der Kick über das Internet läuft dabei schön flüssig, in zehn Testpartien waren lediglich kürzere Hänger zu bemerken. Das Spiel kompensiert hier allerdings und setzt stets dort fort, wo die Verzögerung begonnen hat. Dass ein Hänger einen Kontrahenten bevorzugt, ist nicht vorgekommen.

    Das Matchmaking in den Koop-Modi kann mitunter ein Weilchen dauern, scheint aber schneller zu werden, wenn man ein paar Level aufgestiegen ist. Das Spiel verteilt Erfahrungspunkte, die von der eigenen Performance abhängen und offenbar mannschaftsdienliches Verhalten sinnvollerweise zu bevorzugen scheinen.

    Während die technische Umsetzung grundsätzlich passt, hängt der Spaß beim Kick im Netz mit Unbekannten wie immer von den Teilnehmern ab. Auch in der "PES"-Gemeinde finden sich Ragequitter, Egodribbler und nervige Pedanten, die gefühlt bei jeder Standardsituation das Pause-Menü und die Nerven ihrer Mitspieler bemühen.

    Emotionen!

    Lockt ein Fußballspiel seinen Teilnehmern Gefühle hervor, ist das üblicherweise ein gutes Zeichen. Außer natürlich, wenn seine Schwächen dauerhafte Frustration hervorrufen. Das ist hier üblicherweise nicht der Fall. Gegen den Computer zu spielen und in Minute 93 den Ausgleich aus einem scheinbar unabwehrbaren Eckball zu erhalten, entlockt auch dem höflichsten Games-Redakteur in kürzester Zeit ein laut gebrülltes und erstaunlich großes Repertoire an Schimpfwörter. Der Mantel der Zivilisation ist manchmal etwas dünn.

    Der gleiche Redakteur sitzt aber breit grinsend mit triumphal erhobenen Händen und nicht minder laut vor Freude schreiend auf dem Sofa, wenn der letzte Angriff in Minute 94 per sattem Weitschuss doch noch den Erfolg sichert. Dann ist der Niveau-Talsturz abrupt beendet und die Welt wieder gut.

    Und täglich grüßt die Menühölle

    Bleibt zu guter Letzt noch ein traditioneller Rant zu erledigen: Es wäre wirklich interessant zu wissen, was Konami dazu bewegt, Jahr für Jahr das Interface unerträglich zu gestalten. Grafisch ist die Oberfläche nett gestaltet, jedoch ist der Aufbau nicht immer intuitiv. Viel schwerer wiegt allerdings, dass jede noch so kleine Information in ein eigenes Popup verpackt wird, das man wegklicken muss. Es besteht wohl wenig Hoffnung, dass der Hersteller diese frustrierende Angewohnheit noch in diesem Millenium einstellt.

    Fazit

    "PES 2018" ist eine starke Vorlage an den großen Konkurrenten. Trotz der genannten Defizite ist das Spielerlebnis gleichzeitig realistisch und unterhaltsam, wenn auch zeitweise etwas zu langsam. Wer damit (und dem Lizenzmangel) kein Problem hat und sich noch dazu gern beim Taktik-Feintuning austobt, ist hier richtig.

    Unentschiedene sollten noch knapp zwei Wochen abwarten. Ende des Monats ist dann Ankick bei "Fifa", wobei eine Demo-Version heute schon Einblick in dessen spielerische Qualitäten gibt. Wem Originalnamen wichtig sind, ist dort besser aufgehoben, auch wenn "PES"-Fans sich am PC mit mit Fanpatches behelfen können. PC-Spieler dürfen sich heuer ohnehin besonders freuen, denn Konami hat sie nun den Konsolengamern endlich gleichgestellt. (Georg Pichler, 17.09.2017)

    Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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    PES 2018

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