Elke Ludewig, die Wetterversteherin vom Sonnblick

Reportage17. September 2017, 11:00
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Seit Mai 2016 ist die 30-jährige Meteorologin Chefin des Observatoriums am Rauriser Sonnblick

Irgendwo brummt ein Elektromotor, Arbeiter wuchten massive Gitter aus Baustahl in die richtige Position, ein Techniker des Kärntner Energieversorgers Kelag checkt derweilen die Starkstromanschlüsse: Gipfelromantik sieht anders aus.

Auf dem Rauriser Sonnblick steht allerdings auch kein Kreuz, auf dem Gipfel thront stattdessen ein unförmiger, rot gestrichener, mehrere Stockwerke hoher Kubus, aus dem allerlei Antennen, Parabolspiegel und sonstige Gerätschaften in den Himmel ragen.

Mächtige Felsanker aus Stahlbeton halten das Felsplateau am Gipfel zusammen, auf dem das raumschiffähnliche Gebilde thront. Daneben steht das bewirtschaftete Zittelhaus der Rauriser Alpenvereinssektion; die Hütte nimmt sich neben dem meteorologischen Observatorium geradezu bescheiden aus.

foto: thomas neuhold
Der Alien am Sonnblick-Gipfel: Die Wetterwarte gleicht einem High-Tech-Labor – nur steht sie eben auf über 3100 Meter.

Der Alien auf dem 3106 Meter hohen Sonnblick-Gipfel, an der Grenze zwischen dem Pinzgau und Kärnten, ist der Arbeitsplatz von Elke Ludewig. Sooft es gehe, komme sie zum Observatorium auf den Sonnblick, erzählt Elke – wir dürfen sie mit dem Vornamen ansprechen, schließlich ist man auf dem Berg ja per Du.

Die Arbeit auf dem Berg liegt ihr offensichtlich mehr als jene im Büro der ZAMG im Salzburger Stadtteil Nonntal. Erfahrungen mit extremeren Bedingungen hat sie bereits vor dem Sonnblick gesammelt. Elke überwinterte 2015 ein halbes Jahr auf einer Forschungsstation in der Antarktis.

foto: thomas neuhold
Arbeitsplatz mit Fernsicht bis zum Anschlag: Meteorologin und Klimaforscherin Elke Ludewig auf der Instrumentenplattform des Sonnblick-Observatoriums auf über 3100 Meter Seehöhe.

Nun ist die 30-jährige Meteorologin und Klimaforscherin aus dem Salzburger Pongau seit Mai vergangenen Jahres die Chefin auf dem Sonnblick mit seinen insgesamt rund zehn Mitarbeitern. Je zwei Wetterbeobachter machen turnusmäßig 14 Tage Dienst auf dem Berg, dann werden sie vom nächsten Team abgelöst.

Die Antarktiserfahrung Ludewigs sei damals auch ein Grund gewesen, sich für eine erst 29-jährige Wissenschafterin als Sonnblick-Chefin zu entscheiden, sagt der Leiter der ZAMG Salzburg-Oberösterreich, Bernhard Niedermoser. Zudem sei sie wissenschaftlich "extrem breit aufgestellt". Das soll wohl heißen, die junge Frau versteht was vom Wetter, und darum geht es ja auf dem Sonnblick in erster Linie.

foto: thomas neuhold
Alt und neu: Links der Wetterturm aus dem 19. Jahrhundert – rechts das moderne Wetter-Labor.

Seit September 1886 werden auf dem mächtigen Dreitausender die Wetterdaten gemessen. Damit verfügt die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) über die weltweit längste Messreihe in so großer Höhe.

Dass ausgerechnet auf dem Sonnblick vor 131 Jahren eine Wetterbeobachtungsstelle errichtet wurde, hat mit der Bergbaugeschichte des Rauriser Tales zu tun. Der Talschluss Kolm Saigurn war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Bergbauindustrie gut erschlossen. Bergnamen wie Silberpfennig oder Goldzechkopf zeugen von den Erzvorkommen.

Und mit dem Bergwerksbesitzer Ignaz Rojacher gab es einen für die Naturwissenschaften aufgeschlossenen Unternehmer, der Material und Leute für den Bau des Observatoriums bereitstellte.

foto: thomas neuhold
Der erste Turm auf dem Sonnblick stammt aus dem Jahr 1886.

Seilbahn statt "Kisterl"

Bergsteiger, die heute auf den Sonnblick gehen, können die Reste des Bergbaus bestaunen: die Ruinen des Knappenhauses oder des Radhauses, wo einst ein mit Wasser betriebener Schrägaufzug das Gestein beförderte.

Elke Ludewig hat für den fünfstündigen Aufstieg keine Zeit. Sie fährt mit einer kleinen Seilbahn vom Talschluss Kolm Saigurn zum Observatorium hinauf. 20 Minuten schwebt das kleine "Kisterl" über dem bedrohlichen Abgrund der Sonnblick-Nordwand. Damit soll im Oktober 2018 Schluss sein. Eine ihrer Hauptbeschäftigungen als neue Sonnblick-Chefin, erzählt Elke, sei die Planung und Organisation des Neubaus der Seilbahn gewesen.

Diese soll dann eine Kabinenbahn für bis zu sechs Personen sein und mit einem doppelten Tragseil ausgestattet sein. Elke Ludewig strahlt. "Dann können wir auch bei höheren Windgeschwindigkeiten fahren. Aktuell ist bei 30 km/h Schluss." Und das komme am Sonnblick doch öfter vor. Gebaut werden muss dann übrigens im Eiltempo: In dieser Höhe ist das Zeitfenster auf ein paar Wochen im August und im September beschränkt.

Sensible Messgeräte

Neben der Seilbahn beschäftigt die Meteorologin auch eine neue Stromleitung, von der Südseite aus, auf den Berg hinauf. Die gesamte Anlage mit unzähligen Messgeräten, Kühlaggregaten und Heizungen wird nämlich elektrisch betrieben. "Wir müssen emissionsfrei arbeiten", sagt die Wissenschafterin.

Die Messgeräte seien dermaßen sensibel, dass beispielsweise schon ein paar Zigaretten, die in der Nähe geraucht werden, ihren Niederschlag bei der Aerosolmessung fänden. "Nur im Eingangsbereich des Zittelhauses tolerieren wir das Rauchen", sagt sie. Ihr Gesichtsausdruck verrät: und das nicht gerne.

Auch Besuchergruppen von 20 Personen würden schon den Kohlendioxidgehalt der Luft im Freien messbar verändern. Aber genau da liege der Vorteil des Sonnblicks als Observatorium. Es gebe keinen Massentourismus, keine Pistenraupen weit und breit, auch der Luftraum über dem Nationalpark ist gesperrt. Auf dem Sonnblick ist nichts als reine Luft.

Insgesamt laufen derzeit parallel 43 wissenschaftliche Projekte. Die Station ist ebenso in das "Global Atmosphere Watch"-System eingebunden wie in das weltweite Messnetz für radioaktive Strahlung. Manche Messreihen werden auch von externen Partnern betreut.

So finden sich auf der Messplattform unzählige Seile, Bandschlingen und Schnüre verschiedenster Stärke. Hier beobachtet der Deutsche Alpenverein den Einfluss von Wind, Wetter und UV-Strahlung auf das für Bergsteiger oft überlebensnotwendige Material.

foto: thomas neuhold
Material-Test des Deutschen Alpenvereines am Sonnblick: Seile und Schlingen werden auf Haltbarkeit im UV-Licht getestet.

Zerrissene Gletscher

Dauerthema hier oben ist klarerweise der Klimawandel. "Das Ökosystem ändert sich gewaltig", sagt die Forscherin. Die Bewuchsgrenze wandere nach oben, auch die Insekten erreichten immer größere Höhen. Es gehe alles "rapide in eine Richtung".

Der Sommer 2017 sei auch auf dem Sonnblick besonders heiß gewesen. "Plus fünf Grad ist heiß", sagt Ludewig. Wobei das den Wissenschaftern schon Probleme macht. Die Geräte müssen stärker gekühlt werden, und durch die erhöhte Blitzneigung sind externe Messstationen stärker gefährdet.

foto: thomas neuhold
Der Gletscherrückgang im Hochgebirge ist selbst für den Laien deutlich sichtbar. Im Bild die letzten Reste des Sonnblick-Kees.

Für die Bergsteiger, die auf den Sonnblick wollen, hat sich der Berg auch verändert. Die Gletscher zerreißen, es kommt zu vermehrtem Steinschlag. "Gefahren entstehen selbst dort, wo man jahrzehntelang von halbwegs sicheren Zonen ausging", schreibt ZAMG-Regionalchef Niedermoser in einem Bericht für den Salzburger Alpenverein.

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È pericoloso sporgersi: ziemlich ausgesetzt geht es über den Südostgrat auf den Hohen Sonnblick.

Auf dem Sonnblick bedeutet das unter anderem, dass im Sommer die einst so gemütliche Gletscherroute unbegehbar geworden ist. Wer den Sonnblick und das Observatorium besuchen will, muss nun zwangsweise über den recht luftigen Südostgrat hinauf- und auch wieder hinunterturnen. (Thomas Neuhold, 17.9.2017)

Schon 1892 war das Sonnblick-Observatorium – noch keine zehn Jahre alt – das erste Mal in finanziellen Schwierigkeiten. Auslöser war damals der überraschende Tod des Bergwerkbesitzers Ignaz Rojacher. Um die Einrichtung zu erhalten, wurde der Sonnblick-Verein gegründet. Dieser ist bis heute Eigentümer des Observatoriums. "Wir freuen uns über jedes neue Mitglied", sagt Sonnblick-Chefin Elke Ludewig. Der Jahresbeitrag zur Unterstützung der Einrichtun kommt auf 25 Euro.

www.sonnblick.net

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