1:5 – Ein Mailänder Lehrspiel für die Austria

    14. September 2017, 21:07
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    Die Wiener Austria unterlag bei ihrem ersten Auftritt in der Europa-League-Gruppenphase dem AC Milan 1:5 und war dabei in allen Belangen unterlegen

    Wien – Milan begann, wie es einem Favoriten geziemt. Obwohl die Austrianer durchaus zu Störung gewillt waren, zirkulierte der Ball am Donnerstag beim ersten Auftritt in der Europa-League-Gruppenphase im Wiener Happel-Stadion unangefochten durch die mit 230 chinesischen Millionen aufgepeppten italienischen Reihen.

    Hakan Çalhanoğlu nötigte Tormann Osman Hadžikić mit einem Schuss bereits nach drei Minuten zu einer Parade. Der zweite Versuch des türkischen Teamspielers aber saß: Mohammed Kadiri hatte in der Vorwärtsbewegung recht leichtfertig den Ball verloren, Nikola Kalinic Çalhanoğlu auf der linken Seite freigepasst – für Hadžikić gab es angesichts eines rechtschaffen unter die Latte geknallten Balls nichts zu halten (7.).

    Es wurde nicht besser für die Wiener, insbesondere nicht für den armen Kadiri. In einem Laufduell grätschte Çalhanoğlu dem Innenverteidiger den Ball vom Fuß, André Silva, Nationalspieler Portugals, vollendete abgeklärt zum 0:2 (10.).

    Milans eindeutige Antwort

    Die Frage, ob Milan angesichts von elf Neuzugängen bereits eine Mannschaft sei, war beantwortet. Für die Austria ging es schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt nur noch um Schadensbegrenzung. Dieser kam Österreichs Vizemeister in der 18. Minute recht nahe, als Christoph Monschein einen Freistoß Raphael Holzhausers abfälschte und Milan-Keeper Gianluigi Donnarumma die ihm attestierte Weltklasse zu beweisen hatte.

    Doch die Austria blieb defensiv naiv: Als es schnell ging, verschlief Heiko Westermann den Aufbau der Abseitsfalle, und nach einem so weiten wie herrlichen Pass Çalhanoğlus erhöhte der 21-jährige Silva kühl wie gehabt auf 0:3 (20.). Spätestens jetzt durfte einem Hadžikić leidtun. Zuletzt hatte die Austria vor 34 Jahren in einem Uefa-Bewerb drei Goals in einer Halbzeit kassieren müssen, genauer im November 1983 bei Stade Laval.

    Das Unglück nahm seinen Lauf

    Das mit fünf Mann großzügig ausgestattete Milan-Mittelfeld schaltet und waltete nach Belieben, nützte das Spielfeld in all seinen Weiten. Kapitän Leonardo Bonucci führte radaräugig aus der letzten Reihe Regie. Die Austria hatte dem wenig bis nichts entgegenzusetzen. Sie verlor kurz vor der Pause zu allem Überfluss Abwehrchef Westermann, der nach einem unglücklich verlaufenen Zweikampf mit Ignazio Abate verletzt ausgetauscht werden musste (42.). Die in diesem Bereich dünne Personaldecke nötigte Trainer Thorsten Fink, die Innenverteidigung mit dem 18-jährigen Alexandar Borkovic aufzufüllen. Milan beschied sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit Kontrolle auf hohem Niveau.

    Der Austria-Anhang, immerhin 31.400 waren erschienen, zeigte sich genügsam. Holzhauser erntete für das Herausholen eines Corners beinahe frenetischen Applaus (46.). Und dann schrieb der Fußball eine jener Geschichten, zu denen der Sport eben doch prädestiniert ist.

    Anfang und Ende aller Hoffnungen

    Nach einem weiteren Eckball von der linken Seite stand es mir nichts, dir nichts 1:3 – und wer hatte getroffen? Natürlich der junge Borkovic, Austria-Eigengewächs und U19-Internationaler, der mustergültig den Kopf hinhielt (47.). Dass es mit den Wienern nun ein bisschen aufwärts ging, wurde auch dadurch illustriert, dass es Kadiri plötzlich gelang, einen Zweikampf erfolgreich zu bestreiten.

    In diese Aufwachphase hinein platzierte Milan das 1:4. Franck Kessié schob in den freien Raum, Silva verlud Hadžikić erneut und hielt nun bei einem Hattrick (56.). Endgültig hergestellt war die alte Ordnung nach einem Kunstschuss des eben erst eingewechselten Spaniers Suso aus großer Distanz, der nicht nur den Austria-Keeper verblüfft zurückließ – 1:5 (63.). Hernach ging die Partie in Geplätscher über. Kurz vor Schluss musste Torschütze Borkovic blessiert vom Platz (85.), dann war es vorbei und das Lehrgeld bezahlt. (Michael Robausch, 14.9.2107)

    Europa League, Gruppe D, 1. Runde, Donnerstag

    FK Austria Wien – AC Milan 1:5 (0:3)
    Ernst-Happel-Stadion, 31.400 Zuschauer, SR Gözübüyük (NED)

    Torfolge:
    0:1 (7.) Calhanoglu
    0:2 (10.) A. Silva
    0:3 (20.) A. Silva
    1:3 (47.) Borkovic
    1:4 (56.) A. Silva
    1:5 (63.) Suso

    Austria: Hadzikic – Klein, Kadiri, Westermann (42. Borkovic, 86. Gluhakovic), Martschinko – Serbest – Prokop, Lee (74. De Paula), Holzhauser, Pires – Monschein

    Milan: G. Donnarumma – Zapata, Bonucci, Romagnoli (74. Musacchio) – Abate, Kessie (62. Bonaventura), Biglia, Antonelli – Calhanoglu – A. Silva, Kalinic (62. Suso)

    Gelbe Karten: Kadiri bzw. Kessie

    Stimmen:

    Thorsten Fink (Austria-Trainer): "Das Spiel war nach neun Minuten erledigt. Wenn man gegen so eine Mannschaft irgendwie nur gut aussehen will, dann muss man erst einmal in Ballbesitz bleiben, und das haben wir nicht geschafft. Am Ende waren sie in allen Belangen haushoch überlegen. Die Fehler darf man natürlich auch nicht machen gegen so eine Mannschaft. Heute waren sie sehr nervös. Sie haben nicht drei Pässe hintereinander hinbekommen, das war gar nichts eigentlich. Die Mannschaft ist sehr jung, und sie muss halt noch sehr viel lernen."

    Florian Klein (Austria-Verteidiger): "Wir wollten schon mutig auftreten, gleich von Beginn an, auch in Ballbesitz. Wenn du dann zu viele Fehler machst, gerade in ganz heiklen Situationen, dann wird das von so einer Mannschaft ausgenutzt. Natürlich kann man sich reinstellen und hoffen, dass nichts passiert. Wir wollten halt auch ein bisserl agieren. Wir müssen schauen, dass wir aus so einem Spiel viel lernen."

    Alexandar Borkovic (Austria-Verteidiger und -Torschütze): "Erstes Tor in der Europa League gegen den AC Milan ist ein Wahnsinn. Aber 5:1 zu verlieren ist dann doch sehr hoch. Da hätten wir in der Defensive besser stehen müssen, taktisch besser arbeiten müssen. Wir sind eine junge Partie. Es ist natürlich schwer, in der Europa League fehlt es uns an Erfahrung."

    Raphael Holzhauser (Austria-Mittelfeldspieler): "Man muss es einfach akzeptieren. Milan ist eine andere Liga als wir, sie haben 320 Millionen Marktwert, wir haben 20 Millionen Marktwert. Das hat man heute eindrucksvoll gesehen. Ich glaube, sie haben das ganze Spiel kontrolliert. Wir wollten die Null halten so lange, wie es geht. Jetzt kommen für uns die entscheidenden Spiele gegen Rijeka und Athen, Milan war sowieso nicht der unmittelbare Gegner für uns."

    Hakan Calanologlu (Milan-Offensivspieler): "Die Austria hat eine starke Mannschaft, eine junge Mannschaft. Heute sind wir sehr gut gestartet, haben direkt unsere Torchancen ausgenutzt. Deswegen war es in der ersten Halbzeit sehr gut. Ich glaube, wenn mann früh genug in Führung geht, ist das immer sehr gut. Ich freue mich, dass ich der Mannschaft helfen konnte, insgesamt war das sehr gut. Wir sind auf jeden Fall auf einem sehr guten Weg."

    Vincenzo Montella (Milan-Trainer): "Ich bin sehr zufrieden. Die Mannschaft hat nach der Niederlage am Sonntag eine Reaktion gezeigt. Sie hat von Beginn an Autorität gezeigt. Wir müssen aber mental stärker werden über 90 Minuten. Wir haben auch ein Gegentor kassiert. Daran müssen wir noch arbeiten. Unsere Stürmer haben hervorragend gespielt, Silva nicht nur wegen seiner Tore. Er hat auch viel für die Mannschaft gearbeitet. Wir müssen uns trotzdem noch weiter finden."

    • Austrias Tormann Hadzikic wurde vom Mailänder Ensemble ordentlich eingeschenkt.
      foto: apa/punz

      Austrias Tormann Hadzikic wurde vom Mailänder Ensemble ordentlich eingeschenkt.

    • Der Lichtblick: Austrias 18-jähriger Jungspund Alexandar Borkovic traf per Kopf.
      foto: apa/hochmuth

      Der Lichtblick: Austrias 18-jähriger Jungspund Alexandar Borkovic traf per Kopf.

    • Milans Hakan Calhanoglu präsentierte sich in bestechender Form.
      foto: apa/hochmuth

      Milans Hakan Calhanoglu präsentierte sich in bestechender Form.

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