Steckt der universitäre Gründergeist im Flaschenhals?

    Userkommentar15. September 2017, 10:54
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    Minister Mahrer wünscht sich mehr akademische Spin-offs, also Unternehmen, die Forschungswissen kommerziell verwerten. Was es braucht, damit Gründergeist nicht nur ein guter Wille bleibt

    Das Thema Entrepreneurship und Unternehmensgründungen hat es auch in Österreich längst zu einer prominenten Rolle an den Universitäten geschafft. Nach den Universitäten mit Wirtschaftsdisziplinen hat bereits in den 90er-Jahren die größte Technische Universität Österreichs begonnen, Unternehmensgründerseminare anzubieten, und mittlerweile gehören derartige Kurse zu den Standards vieler universitärer Curricula. Tatsächlich gibt es heute in Österreich auch schon die eine oder andere Erfolgsgeschichte über eine aus dem universitären Umfeld entsprungene Unternehmensgründung. Etwa das heute in der Computertechnik weltweit agierende Unternehmen TTTech.

    Auch die Wirtschafts- und Technologiepolitik ist auf diesen Zug aufgesprungen und hofft auf entsprechende quantitative Effekte (hochqualifizierte Arbeitsplätze) und qualitative Effekte (die Unterstützung des Strukturwandels in Richtung innovativere Branchen).

    Neue Karriereoptionen

    Dabei stellt sich durchaus die legitime Frage: Welchen Nutzen haben eigentlich die Universitäten selbst davon? Sollen sich Universitäten überhaupt für diese Form von Technologie- und Wissenstransfer engagieren? Oder verlieren sie mit diesen Ausgründungen nicht ihre unter Umständen dynamischsten und innovativsten Mitarbeiter?

    Die Antwort ist: Ja, denn so wird universitäre Grundlagenforschung verstärkt in die Anwendung übergeführt, Studenten und Absolventen können ihre Ausbildung direkt umsetzen. Es entstehen neue Karriereoptionen für Studierende ebenso wie für etablierte Wissenschaftler.

    Hoffnung auf Schneeballeffekt

    Aber auch die Universitäten selbst profitieren von Spin-offs. So sind es gerade Forschungskooperationen, die langfristig aufgebaut werden, die Vielzahl von Kontakten, das Netzwerk zur Wirtschaft, die fruchtbringende Rückkopplungen in Richtung akademische Forschung und Ausbildung zustande kommen lassen können. Und nicht zuletzt gibt es natürlich auch so etwas wie die Hoffnung auf einen Schneeballeffekt: dass das Weitertragen von Geschichten, das Erzählen von erfolgreichem Handeln ermutigt, wieder neue Gründungen entstehen zu lassen. Neben Lehre und Forschung wird damit auch die Verantwortung der Universitäten für die Gesellschaft – Stichwort "Third Mission" – hervorgehoben.

    Ein "Geben und Nehmen"

    Die Beziehung zwischen Universität und Spin-off beruht immer auf einem "Geben und Nehmen". Dies zeigt sich auch dadurch, dass Spin-offs in ihrer Gründungsphase vor allem als Kooperationspartner in F&E-Projekten mit der Herkunftsuniversität eine besondere Rolle spielen, sie darüber hinaus oftmals auch in der Lehre eingebunden sind und sie die Rolle des Mentors für Gründungsinteressierte oder andere jüngere Spin-offs einnehmen.

    Insgesamt ist damit die Verbindung zur Herkunftsuniversität gerade in der Anfangsphase meist sehr eng, zusätzlich unterstützt von einschlägigen Fördertöpfen auf nationaler Ebene wie auch auf EU-Ebene, die auf kooperative Forschungsvorhaben abzielen. Aus Sicht des Spin-off-Unternehmens zählt die Verbindung zur Herkunftsuniversität – und dadurch der Zugriff auf Kompetenzen und Know-how wie auch der Zugang zu Infrastrukturen – damit wohl zu den wichtigen Faktoren in ihrer weiteren Unternehmensentwicklung.

    Ziel: Gründerland Österreich

    Die nationale Politik hat sich klar – und parteiübergreifend – zur Positionierung Österreichs als Gründerland ausgesprochen, zahlreiche Initiativen und Aktivitäten auf Bundes-, Landes- und Regionalebene – erwähnt seien hier die regionalen A-plus-B-Gründerzentren oder auch die verschiedenen Finanzierungsinstrumente der Förderbank des Bundes, der aws – bezeugen und bestärken dieses Ziel. Die Gründungen aus den Universitäten sind nur als Teil des nationalen Gründungsökosystems anzusehen, dennoch es ist ein überaus wichtiger Teil und ein Teil, wo noch breiter Raum für das Lernen aus den Erfahrungen anderer Länder und Universitäten besteht.

    Die Initiative "Spin-off Austria" greift dies auf und soll nun weiteres Geld zur Verfügung stellen, um die Gründerszene an den Universitäten zu forcieren. Studien über die wesentlichen Erfolgsfaktoren für Ausgründungen mit IP-Transfer im universitären Bereich zeigen allerdings, dass hierfür noch weitere Faktoren essenziell sind: erstens das Vorhandensein exzellenter Forschung an den Universitäten, die laufend ein Portfolio "ausgründungsfähiger" Projektergebnisse generiert; zweitens klare Regelungen bezüglich IP-Transfer; und drittens das "perfekte" Team aus Wissenschaftern, Technikern und Personen mit einschlägigen Wirtschafts- und Marktkenntnissen.

    Transparente Spin-off-Politik

    Vor diesem Hintergrund ist es daher essenziell, dass es auch innerhalb der jeweiligen Universität eine transparente, öffentlich kommunizierte Spin-off-Politik gibt. Diese muss zuallererst auf einer guten – auch im internationalen Vergleich herzeigbaren – Finanzierung der universitären Forschung fußen. Darüber hinaus muss es ein klares Signal vonseiten der Leitungsebene geben, dass Spin-offs erwünscht sind; es müssen klare Richtlinien kommuniziert werden, wie mit Intellectual Property, Beteiligungen, Zugang zu Infrastrukturen, Arbeitszeitmodellen für Gründungsinteressierte et cetera umgegangen wird. Aus Investorensicht ist es ferner wünschenswert, dass all diese Regelungen überregional Geltung erfahren, damit könnte man auch so manche Kleinkariertheit überwinden.

    Kein Gießkannenprinzip

    Noch viel wichtiger aber ist, dass Österreichs Universitäten auch flexible, freie (individuell verfügbare) Mittel für den Wissens- und Technologietransfer zur Verfügung gestellt werden. Ein Gießkannenprinzip gerade bei der Unterstützung des Wissens- und Technologietransfers ist kontraproduktiv. Jede Universität hat diesbezüglich eigene Visionen und Ziele, weist einen anderen Entwicklungsstand auf – und das ist legitim. Eine Technische Universität hat sui generis andere Ziele bezugnehmend auf den Wissens- und Technologietransfer als eine Medizinische oder gar eine Volluniversität. Damit gilt es – wie in so vielen Bereichen der Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik –, die richtigen Signale zu setzen, die öffentlichen Mittel dort einzusetzen, wo sie die größte Wirkung haben, und last but not least die Gründungscommunity für Investoren auch identifizierbar zu machen. Ansonsten ist und bleibt der Gründergeist ein guter Wille. (Brigitte Ecker, Helmut Gassler, 15.9.2017)

    Brigitte Ecker ist Senior Researcher im Bereich FTI-Politik und Hochschulforschung und Geschäftsführerin der WPZ Research in Wien.

    Helmut Gassler ist Projektleiter im Bereich Forschungspolitik und Entwicklung am Zentrum für Soziale Innovation in Wien.

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