Großmanöver sorgt für Nervosität im Baltikum und in Polen

    14. September 2017, 07:03
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    Litauens Außenminister: "Gefährliches Säbelrasseln muss aufhören"

    Im Baltikum herrscht gespannte Stimmung: Die litauische Führung hat Russland dazu aufgerufen, das Truppenmanöver "West" (Sapad 2017) abzusagen. Litauens Außenminister Linas Linkevicius zeigte sich "besorgt". Moskau hat 4.000 atomwaffenfähige Trägersysteme nach Weißrussland und an die Grenzen des Baltikums verlegt. Dieses "gefährliche Säbelrasseln muss aufhören", sagte er.

    Ähnliche Ängste werden in Riga und Tallinn artikuliert: Der lettische EU-Abgeordnete Artis Pabriks kritisierte den "aggressiven Charakter der Manöver" und meinte, Russland isoliere sich damit weiter. Die estnische Tageszeitung Postimees schimpfte, der beschworene reine Verteidigungscharakter der Übung sei "erlogen". Das gehe schon aus dem Szenario hervor, in dem die fiktiven Feindstaaten Vaisnorija, Wesbarija und Lubenija genannt werden. Es sei wohl kein Zufall, dass der Chef des litauischen Generalstabs Vitalijus Vaiksnoras heiße, mutmaßt das Blatt. Wesbarija sei dem litauischen Namen Vizbaras entlehnt, Lubenija leite sich von einem lettischen Flussnamen ab.

    Wenn Russland die Übung als Antiterrorkampf bezeichne, dann erkläre es die Nato zur Terrororganisation, mahnte der estnische Parlamentarier und General a. D. Ants Laaneots. Selbst wenn das Manöver keine direkte Bedrohung darstelle, so übe Moskau doch den Überfall auf seine Nachbarn, sind Militärexperten überzeugt.

    Kurz vor Beginn des Manövers analysiert auch das polnische Nachrichtenmagazin Polityka die "Übungen aus der Tarnung". Anders als seit Monaten vom Westen spekuliert, werde aber das Manöver viel bescheidener ausfallen als erwartet, da russische Soldaten ohnehin seit Jahren den Angriff auf den Westen trainierten.

    Manöver-Ballon

    Auch im Nato-Hauptquartier in Brüssel ist Nervosität zu spüren. Für Irritationen sorgte die von Moskau offiziell angegebene niedrige Zahl der Truppenstärke. Noch 2016 hatte Russlands Verteidigungsminister angesichts des Nato-Manövers Anakonda 16 in Polen, an dem 31.000 Soldaten teilnahmen, eine "strategische Antwort" angekündigt.

    Letztlich, so Marek Swierczynski, Sicherheitsexperte des Thinktanks von Polityka, gehe es darum, den im Westen auf bis zu 100.000 Teilnehmer aufgeblasenen Manöver-Ballon platzen zu lassen: "Seht her", könne dann Moskau sagen, "wir halten uns an alle offiziell angegeben Zahlen, und der Westen, der in Wirklichkeit uns angreifen will, sät in der eigenen Bevölkerung Panik."

    Wichtiger als Sapad 2017 seien aber die 124 Manöver, die Russland seit 2015 regelmäßig in einer Truppenstärke von etwa 1500 Mann durchgeführt habe. Beunruhigend sei auch, so Swierczynski, dass sich die Zahl der russischen Soldaten direkt an der russischen Grenze zur Ukraine und der weißrussischen zu Polen und Litauen von 2015 bis heute auf dauerhaft 300.000 erhöht habe.

    Gefährlich könne das aktuelle Routine-Manöver Russlands aber nur dann werden, wenn man den Dialog mit Moskau gänzlich abbrechen würde. (André Ballin aus Moskau, Gabriele Lesser aus Warschau, 14.9.2017)

    • Martialische Szenen einer russischen Militärübung.
      foto: ap / ivan sekretarev

      Martialische Szenen einer russischen Militärübung.

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