Preisgekrönter Mist und übersehene Perlen: Lasst uns über die Emmys reden

Video14. September 2017, 07:00
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Wer macht das Rennen – "Better Call Saul", "The Handmaid's Tale" oder doch "House of Cards"? Und vor allem: Wer hat den Preis verdient und wer nicht?

Am Sonntag ist es so weit: Dann werden im Microsoft Theater in Los Angeles die wichtigsten Fernsehpreise der USA verteilt – die Emmys. Rote Teppiche, Blitzlichter und Frauen in glitzernden Roben, dazu wird dieses Jahr Moderator und Late-Night-Fernsehstar Stephen Colbert durchs Programm witzeln.

Aber interessiert es über noch jemanden, wer für welche Serie eine 40 Zentimeter hohe und drei Kilo schwere Statue nach Hause tragen darf? Die Zuschauerzahlen bei solchen Fernsehevents sind seit Jahren rückläufig. Sind die ausgezeichneten Schauspieler also wirklich die besten der Branche? Die preisgekrönten Serien wirklich die besten? Was oder wer fehlt in der Nominiertenliste? Auf was oder wen ließe sich verzichten?

DAS IST EIN SPOILER-NON-ALERT: Wir schaffen es tatsächlich, diesmal spoilerfrei zu sein. Also lesen Sie weiter, hier sind Sie sicher, Ihnen kann nichts passieren.

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Daniela Rom: Jeder gewinnt gerne, und niemand mag es, zu verlieren. Wenn wir also bei den diesjährigen Emmys auch wieder "Es war mir schon eine Ehre, nur nominiert gewesen zu sein, wer gewinnt, ist egal" hören werden, dann wird da nur ein Körnchen Wahrheit darin stecken. Aber Fakt ist: Wer gewinnt, kriegt das Scheinwerferlicht ab, kriegt die Interviews, kriegt am Schluss wahrscheinlich auch mehr Geld für das nächste Projekt oder ein paar Vorschusslorbeeren für die neueste Serienidee.

foto: michele k. short/amc via ap
Nominiert als beste Drama-Serie: "Better Call Saul", das Spin-off der Drogengeschichte "Breaking Bad", die übrigens dreimal den Emmy als beste Serie mit nach Hause nehmen konnte.

Michaela Kampl: Mir sind diese Preise eigentlich so was von wurscht. Am ehesten schaue ich da noch aus einem Fashion- und Klatschinteresse zu. Also wer von den Damen welches Gwandl anhatte oder wie die Schauspieler außerhalb ihrer Rollen ausschauen, wie lustig der Moderator sein wird oder wer die Dankesrede vergeigt. Wobei ich eigentlich auch nicht zu-, sondern vielmehr nachschaue. Also Zusammenfassungen, Ansichtssachen und so. Selbst wenn ich in den USA wäre, würde ich glaube ich nicht zum Zeitpunkt der Ausstrahlung vorm Fernseher sitzen. Da bin ich aber anscheinend kein Einzelfall – siehe sinkende Einschaltquoten. Noch vor wenigen Jahren waren die Quoten aber nicht schlecht. Die These damals lautet ungefähr, die Zuschauer wollen sich zur Ausstrahlungszeit via Social Media über die Veranstaltung austauschen. Kanäle wie Twitter und Facebook würden damit bestimmte Fernsehereignisse stärken. Und wenn mehr Leute gleichzeitig zuschauen, freut das natürlich auch die Werbung, die auch immer schwerer ihre Zielgruppen erreicht. Diese Theorie hat sich in den vergangenen zwei Jahren allerdings nicht bestätigt. Vielleicht geht's mehr Menschen wie mir – und sie pfeifen auf diese "Fernsehereignisse". Was aber – unabhängig vom eigentlichen Event – interessant sein kann, sind die Nominiertenlisten: Manchmal sind da Dinge dabei, die ich noch nicht kenne. Also als Anregung dafür, was da so in den kommenden Monaten zu schauen wäre, ist das ganz okay.

Daniela Rom: Ich kann ja eine Award-Veranstaltung, die noch nie "The Americans" als beste Serie auch nur nominiert oder "The Good Wife" als beste Serie ausgezeichnet hat, nicht ernst nehmen. Scherz beiseite. Die Liste der Nominierten für Best Drama liest sich eigentlich eh sehr gut. Es fehlt ein bisschen das Außergewöhnliche.

foto: craig blankenhorn/fx via ap
Matthew Rhys und Keri Russell als Philip und Elizabeth Jennings, jene russischen Spione, die im Amerika der 1980er-Jahre ein idyllisches Vorstadtfamilienleben führen und hin und wieder einen Auftrag für das Vaterland erledigen: "The Americans" oder die beste Serie der Welt (D. Rom). Rhys ist als Spion übrigens heuer als bester Hauptdarsteller in einer Dramaserie und als bester Nebendarsteller mit seinem Auftritt als creepy Schriftsteller in "Girls" nominiert. Keri Russell für "The Americans" geht ebenfalls ins Rennen als beste Schauspielerin.

Michaela Kampl: Mir geht's da ähnlich. Es gibt keine Überraschungen. Das ist zum Großteil altbekanntes erfolgreiches Serienmaterial wie "Better Call Saul" oder der Klassiker "House of Cards". Aber okay, es geht bei diesen Fernsehpreisen halt auch um Zuschauer und Werbung, und da braucht es auch bekannte Darsteller und Serien, damit überhaupt wer einschaltet.

Anya Antonius: Für mich sind dieses Jahr schon einige gute Serien dabei, vor allem in der Kategorie Comedy. Von "Master of None" war ich begeistert, wobei die erste Staffel noch besser war als die zweite. "Kimmy Schmidt" wird zwar auch immer flacher, finde ich aber dennoch unterstützenswert. "Modern Family" wird aber tatsächlich immer uninteressanter, besonders wenn man die ersten paar Staffeln im Kopf hat. Es gibt kaum eine Weiterentwicklung der Charaktere, irgendwann wird das langweilig.

foto: ap
Aziz Ansari ist der "Master of None" – nominiert als beste Comedy.

Michaela Kampl: Boah, "Master of None", mich nervt dieser Aziz Ansari unglaublich. Der ist wie so ein unkontrollierbarer Gummiball – und richtig lustig finde ich ihn auch nicht. Diese "Suche nach der Liebe"-Geschichten sind für mich seit "How I Met Your Mother" einfach durch. Vielleicht habe ich zu viele davon geschaut. Und noch etwas zum Thema nerven: Da fange ich gar nicht erst an bei "Kimmy Schmidt". Ich halte sie nicht aus – und ich bin ansonsten immer pro Optimismus. "Modern Family" ist supernett, aber halt mittlerweile ein Klassiker. Ich hätte mir vielleicht so etwas wie "Speechless" mit Minnie Driver gewünscht. Das ist zwar bei uns noch nicht zu sehen, aber der Trailer ist schon mal richtig, richtig gut.

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Noch nicht in Österreich zu sehen, aber vielversprechend: "Speechless".

Anya Antonius: Ich verstehe schon, was du meinst – bei beiden Serien finde ich auch die Nebencharaktere mittlerweile besser als die Protagonisten. Aber ihnen wird in den Serien auch der Raum gegeben. Meine Lieblings-"Master of None"-Folge in dieser Staffel war die, in der Denises Outing und dessen Folgen in der Familie thematisiert werden. Aziz Ansari ist in der Folge nur eine Nebenfigur. Alleine für diese eine Folge haben sie den Emmy schon verdient, finde ich.

Daniela Rom: Weiter zu den nominierten Drama-Serien. "Better Call Saul" ist, glaube ich, so ein Dauerburner, ich kann ja nicht wirklich was damit anfangen und sage hie noch etwas, wofür mich die Community wahrscheinlich prügeln wird: Ich bin auch kein großer Fan von "Breaking Bad". Also, es ist schon okay, aber mich hat es nicht vom Hocker gerissen und eher gelangweilt, da gibt es Besseres, wie ich finde. Habe ich "The Americans" schon erwähnt? Wenn schon langsame, charaktergetriebene Geschichten, dann bitte so. Aber zurück zu den Nominees. "The Crown" ist eine nette, brave Biografiegeschichte – Matt Smith ist ein sehr superiger Prinz Philip, mir aber als Doctor dann doch lieber. "House of Cards": Hm. Hm. Hm. Ich fand ja die letzte Staffel eigentlich ganz gut, aber eigentlich ist die Luft spätestens seit Staffel 2 draußen – zu viel Drama, zu wenig Sinn, zu viel Holzhammer, zu wenig vom Spark der ersten Staffel. "Stranger Things" – eh nice, aber beste Serie? Geh bitte! Von "This Is Us" habe ich nur die erste Folge gesehen – da kann ich nicht mehr dazu sagen. "The Handmaid's Tale" habe ich nicht gesehen – kenne nur das Buch, und das ist hervorragend. "Westworld" mochte ich sehr, in seiner verschachtelten Geschichte mit Metametametaebenen, weil Metaebene ist immer noch die beste Ebene.

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In Österreich noch nicht zu sehen, aber vielversprechend und vieldiskutiert in den USA: "The Handmaid's Tale".

Anya Antonius: Also die Nominierung für "Stranger Things" finde ich schon gerechtfertigt. Und bald kommt endlich die zweite Staffel! "This Is Us" habe ich mir zwar angeschaut, war aber gleichzeitig genervt davon, wie sehr die Serie es unbedingt will, dass man vor dem Bildschirm sitzt und heult. Ich bin mir sehr manipuliert vorgekommen. Davon abgesehen fand ich es eigentlich nett. Ich freue mich auch, wenn man bei uns endlich "The Handmaid's Tale" schauen kann. Die Romanvorlage von Margaret Atwood ist extrem lesenswert, und was man so an Schnipseln und im Trailer sehen konnte, wirkt vielversprechend. Außerdem freue ich mich, Alexis Bledel, die ewige Rory, endlich in einer anderen Rolle zu sehen – immerhin hat sie vergangenen Sonntag auch schon den Creative Arts Emmy bekommen. Und ich freue mich auch für "Big Little Lies", das war wirklich eine großartige Miniserie mit ebenso großartiger Besetzung.

Daniel Rom: Was mir abgeht in der Liste der Nominierten, ist zum Beispiel "Halt and Catch Fire"; "Young Pope" ist nur in irgendwelchen Minikategorien nominiert; "Crazy Ex-Girlfriend" – nur für die Musik, die tatsächlich ein Kracher ist, nominiert; "The Americans" – das fasse ich immer noch nicht, und "Girls" ist auch nur in Nebenkategorien nominiert.

Michaela Kampl: Oh ja, "Girls" fehlt eindeutig. Was derzeit viele in den USA bemängeln, ist die fehlende Nominierung für "The Leftovers". Ich muss zugeben, ich habe es noch immer nicht geschafft, das zu schauen. Von euch wer?

Anya Antonius: Leider noch nicht – ich hebe es mir für den Herbst auf ...

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Zwei Prozent der Weltbevölkerung sind einfach verschwunden, und keiner weiß, warum: "The Leftovers". Bei den Emmys wurde die vielgefeierte Serie aber eher übergangen. Nominiert ist "nur" Ann Dowd als beste Gast-Schauspielerin für ihre Rolle als Sektenführerin Patti Levin. Als beste Nebendarstellerin ist Dowd heuer auch nominiert, und zwar für ihre Rolle als Tante Lydia in "The Handmaid's Tale".

Daniela Rom: Ich habe "The Leftovers" geschaut und bin dankbar dafür, dass sie nach Staffel drei aufhörten. Und das meine ich als absolutes Qualitätsmerkmal. Viele Serien werden elendig in die Länge gezogen, sechs, sieben, acht Staffeln lang – es gibt kaum eine Geschichte, die das wirklich gut verträgt. Bei "The Leftovers" hat man drei Staffeln lang eine spannende Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die sehr vielschichtig und durchaus langsam erzählt wird – was ich grundsätzlich mag, mir aber auch sehr auf die Nerven gehen kann, wenn sich das dann wie ein Strudelteig zieht, bloß weil man noch eine Staffel machen muss. "The Leftovers" ist definitiv eine Empfehlung. Und wenn wir schon dabei sind: "Sherlock" zu nominieren für die vierte Staffel hätte man sich auch sparen können. Und ich bin ein Riesenfan der ersten zwei Staffeln und kann mir das immer noch mit großer Freude anschauen. Aber Staffel vier hat sich mit ziemlicher Sicherheit keinen Preis verdient. Noch nicht einmal einen Blumentopf. Auch wenn die nominierte Folge eh die beste von den dreien war.

Anya Antonius: In der Kategorie ist auch die Folge "San Junipero" von "Black Mirror" nominiert – und das für mich sehr berechtigt. Wenn ich an die dritte "Black Mirror"-Staffel denke, dann kommt mir immer diese Folge als Erstes in den Sinn, sie wirkt wirklich lange nach. (Anya Antonius, Michaela Kampl, Daniela Rom, 14.9.2017)

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