Europa muss seine Arroganz nach außen aufgeben

    17. September 2017, 17:15
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    Forscher diskutieren über Europas Selbstbild: Es braucht eine Renaissance und neue Wege, um mit anderen Kulturen in Beziehung zu treten.

    Wien – Flüchtlingsbewegungen Richtung Europa, Brexit und ein erneutes Erstarken von Nationalismen: "Die Europäische Union muss sich nach 2015 neu erfinden", lautet der Befund der deutschen Kulturwissenschafterin und aktuellen Balzan-Preisträgerin Aleida Assmann über die gegenwärtige Verfasstheit der EU. Welchen Beitrag die Kulturwissenschaften in der politischen Debatte um Europa leisten können, wurde bei der Konferenz "The Idea of Europe: The Clash of Projections" vergangene Woche am Institut für Slawistik der Universität Wien diskutiert. Was die Definition der "europäischen Idee" so schwierig macht, ist, dass sie ein nicht abschließbarer Prozess ist. Anders gesagt: Europa ist eine Einheit, die ihre Einheitlichkeit beständig hinterfragt.

    Der luxemburgische Literaturwissenschafter Rodolphe Gasché ortet einen aktuell kursierenden "Irrationalismus Europas", der mit der europäischen Gründungsidee von Vernunft und Universalismus im Widerspruch stehe. Das Christentum und die Etablierung der göttlichen Wahrheit habe eine neue Art des Wissens hervorgebracht: ein Wissen der Dominanz über eine objektivierbare Welt. "Erinnern wir uns daran, dass ein Europa der Vernunft und Universalität auch den Mut haben muss, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen", sagt Gasché. Es müsse seine Arroganz nach außen aufgeben und neue Wege finden, mit anderen Kulturen in Beziehung zu treten. Gasché fordert daher: "Europa braucht eine neue Renaissance."

    Vladimir Biti, Professor für Slawistik an der Universität Wien und einer der Organisatoren der Tagung, betonte die Wichtigkeit, unterschiedliche Perspektiven in die Diskussion um Europa einzubinden. Die europäische Einheit definiere sich häufig über "die anderen". Doch das Eigene über Abgrenzung zu denken, bringt Ausschlussmechanismen hervor – dabei kann das Geschlecht oder die Klasse eine Rolle spielen.

    Kollektive Ideen

    Wie kollektive Ideen, die in einer Kultur oder einem Land über andere Kulturen und Länder verbreitet werden, wird im Forschungsfeld der Imagologie untersucht. Joep Leerseen, Vergleichender Literaturwissenschafter an der Universität Amsterdam, ist einer der führenden Vertreter auf diesem Gebiet. Er erforscht die Charakteristika der "Idee Europa" derzeit anhand des Bildes der Kasbah. Diese Art der Zitadelle, eine kleine Festung, die vor allem in maghrebinischen Städten anzutreffen ist, zeichnet sich durch verwinkelte, labyrinthische Gassen aus und wurde in europäischer Literatur und Film als unheimlich, chaotisch und bedrohlich gezeigt – prominent etwa im Film Casablanca. "Die Kasbah wurde das Gegenbild zur Häuslichkeit, über die sich Europa definierte", sagt Leerssen. Ein warmes, geordnetes Inneres, das den Menschen vor einem dschungelhaften Äußerem beschützt, wurde das europäische Selbstbild.

    Die Plakate, die für den Brexit warben, zeigten einen Zug von geflüchteten Menschen auf ihrem Weg nach Europa. "Das ist die moderne Kasbah", sagte Leerssen, ein Bild, das einen Gegensatz zur europäischen Idee darstellen soll. "Die Kulturgeschichte ist keine Abfolge, sondern eine Anhäufung", sagt Leerssen, Ideen und Moralvorstellungen würden sich nicht ablösen, sondern akkumulieren. "Das Ergebnis ist ein riesiges Repertoire, aus dem wir schöpfen, um uns zu definieren, und ein Diskurs enormer Widersprüche", sagt Leerssen. Diese müssten für ein Zusammenleben verstanden werden.

    Wie und ob man aus Geschichte lernen kann, ist eine der Fragen, die auch Aleida Assmann beschäftigen. Sie betont zwei entscheidende Lektionen der EU: "Todfeinde können Freunde werden und totalitäre Regime Demokratien." Das, was man unter "Erinnerungskultur" versteht, habe erst ab 1990 eingesetzt: "Es gab einen Wechsel in der nationalen Identität von einem heroischen zu einem post-heroischen Narrativ. Nationale Erinnerungen wurden dialogischer, und man war zunehmend bereit, auch negative Aspekte darin zu inkludieren", sagt Assmann.

    Ohne Angst und Verbote

    Die europäischen Länder hätten aber sehr Unterschiedliches aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Fall des Kommunismus gelernt, was ihre Rolle in der EU oder ihre Beziehung zu Europa nach wie vor prägt. Für Deutschland heißt "Never Again", nie wieder Täter zu werden, für Israel hingegen, nie wieder Opfer zu werden. Für Länder, die historisch Besatzungsmächte waren, sei die EU eine Chance gewesen, ihren Nationalismus aufzuweichen.

    Hingegen hätten Länder, die lange besetzt waren, in der Union vor allem Schutz für ihre eigene nationale Identität gesehen. Diese unterschiedlichen historischen Bedingungen müssen auch in aktuellen Diskussionen rund um den Zusammenhalt der EU berücksichtigt werden, fordert Assmann. Auch der Soziologe Gerard Delanty von der University of Sussex erforscht, wie sich Europa in einem produktiven Sinn mit seiner Geschichte verbinden könne – und zwar auch mit ihren dunklen Seiten. Die Pluralisierung sei dabei die heute wichtigste Entwicklung. "Man holt in die Geschichtsschreibung, was vorher exkludiert wurde." Dazu brauche es allerdings eine neue Vision, "außerhalb der Komfortzone".

    Für Damir Arsenijevic vom geisteswissenschaftlichen Institut der britischen De-Monfort-Universität in Leicester besteht die Rolle der Wissenschaften in der Politik vor allem darin, Konflikte zwischen Nationen "ohne Angst, Zensur oder Verbote" zu erforschen und dadurch neue Möglichkeiten aufzeigen zu können. "Diese Möglichkeiten sind nicht auf Tinte und Papier beschränkt, sondern sie verändern das soziale Zusammenleben." (Julia Grillmayr, 17.9.2017)

    • Ein Bild, das das Gegenteil der europäischen Idee darstellt: Nigel Farage von der UK Independence Party (Ukip) präsentierte ein Plakat mit Flüchtlingen, die es nach Europa zieht, um für den Brexit zu werben.
      foto: picturedesk/franks

      Ein Bild, das das Gegenteil der europäischen Idee darstellt: Nigel Farage von der UK Independence Party (Ukip) präsentierte ein Plakat mit Flüchtlingen, die es nach Europa zieht, um für den Brexit zu werben.

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