Grüne: Hälfte der Bevölkerung versteht Amtsdeutsch nicht

12. September 2017, 14:49
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Behindertensprecherin Jarmer: "Staat muss dafür sorgen, dass allen Bürgern alle Informationen zur Verfügung gestellt werden"

Wien – Keine Illusionen macht sich der grüne Klubobmann Albert Steinhauser bei der Präsentation des Inklusionsberichts 2017: "Es ist klar, dass das kein Massenbuch ist, das uns aus der Hand gerissen wird."

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Dabei sind die darin präsentierten Forderungen zur Chancengleichheit für Menschen mit mobilen und intellektuellen Beeinträchtigungen, mit Sinnesbeeinträchtigungen und chronischen Erkrankungen keineswegs ein Nischenthema.

So habe mehr als die Hälfte der Bevölkerung Probleme damit, Beamtendeutsch zu verstehen, kritisieren die Grünen, die sich dabei auf die "Level-One"-Studie aus Deutschland stützen. Diese könne auch auf Österreich umgelegt werden.

Viele Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, jene mit Lernschwächen oder auch Menschen mit Behinderungen hätten Schwierigkeiten damit, Behördensprech vollständig zu erfassen.

Recht auf Information

"Alle Menschen haben das Recht auf Information. Der Staat muss dafür sorgen, dass allen Bürgern alle Informationen zur Verfügung gestellt werden", fordert Helene Jarmer, Behindertensprecherin der Grünen, im Gespräch mit dem STANDARD.

Wie das funktionieren könnte, machen die Grünen mit ihrem Wahlporgramm vor. Dieses ist in einer leichter zu lesenden Version verfügbar. Der programmatische Werbefolder steht in Brailleschrift oder mit QR-Code zur Verfügung, über den man sich die Forderungen digital vorlesen lassen kann.

Umgang mit dementen und behinderten Menschen

Bezüglich des Umgangs mit dementen und behinderten Menschen fordert Jarmer einen bewusstseinsbildenden Prozess in der Gesellschaft. Unter dem Motto "Demenzfreundlicher Bezirk" werden bereits jetzt Polizisten und Apotheker im Umgang mit dementen Menschen geschult.

Jarmer – sie ist gehörlos – erzählt dem STANDARD, viele Menschen wüssten nicht, wie sie mit ihr umgehen sollen. "Sie fangen dann an, Englisch zu reden, lauter zu reden, oder sie fangen sogar an zu schreien." Die Botschaft einfach aufzuschreiben wäre der Umgang, den sich Jarmer für sich wünschen würde.

Rechte statt Almosen

Bundeseinheitliche Standards für die persönliche Assistenz, Maßnahmen am Arbeitsmarkt und generell die vollständige Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bis 2020 zählen zu den weiteren Forderungen der Grünen.

Jarmer hebt erfolgreiche Projekte hervor, etwa die Umsetzung des One-Stop-Shop-Prinzips in der Steiermark, um Menschen mit Behinderung Amtswege zu erleichtern. Bei der Umsetzung der Inklusion ist aus grüner Sicht noch vieles offen. Gefordert wird etwa die Herstellung umfassender Barrierefreiheit mit bundeseinheitlichen Bauvorschriften.

Gefordert werden zudem "Rechte und Pflichten statt Almosen und Mitleid", wie es in dem Bericht heißt. Es brauche die Schaffung eines Inklusionsfonds, die Entfernung diskriminierender Bestimmungen aus allen österreichischen Gesetzen und die Abschaffung des Pflegeregresses auch für behinderte Menschen, die in Einrichtungen leben. (burg, APA, 12.9.2017)

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