20 Etüden und 20 Visuals ließen Ars Electronica Festival ausklingen

    12. September 2017, 11:38
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    Linzer Festival mit einem Gesamtkunstwerk aus Philip-Glass-Musik und Cori-Olan-Bildern fulminant beendet

    Mit einem audiovisuellen Gesamtkunstwerk ist am Montagabend das Linzer AEC-Festival 2017 im Industrialambiente der PostCity ausgeklungen. Die Pianistin Maki Namekawa interpretierte in einem wahren Marathon sämtliche 20 Etüden von Philip Glass, die wie bei der Weltpremiere des Projekts in New York vom heimische Videokünstler Cori Olan flankiert wurden. Ein hypnotisches Experiment für die Sinne.

    Linz hat das Glück, mit Namekawa eine absolute Spezialistin für die Musik von Glass als Wahlbürgerin zu haben. Die Ehefrau des einstigen Linzer Generalmusikdirektors Dennis Russell Davies – zu dessen 50. Geburtstag Glass einst einen Teil der Etüden geschrieben hatte – hat bereits mehrere Werke des Komponisten eingespielt, darunter 2014 auch die 20 Etüden.

    Zwischen 1991 und 2012

    Diese entstanden schubweise zwischen 1991 und 2012, wobei Glass die Übungsstücke anfänglich für sich selbst schrieb, dann aber zunehmend avanciertere für andere Pianisten komponierte. So hat auch Tastenshootingstar Vikingur Olafsson jüngst sein Deutsche-Grammophon-Debüt mit den Etüden gefeiert, die der Komponist teils als Derivat aus anderen Werken gezogen hat.

    Namakawa legt ihre Interpretation dabei etwas weniger mechanisch als der isländische Kollege an. Mal scheint sie der Melodielinie zu enteilen, dann wieder nimmt sie sich ruckartig zurück, wobei das Grundthema der Interpretation insgesamt hoch bleibt. Die Japanerin überlässt bisweilen der linken Hand die Dominanz, verschiebt Akzente und Rhythmen, verschleift, unterspielt.

    Die Interpretin versteht, dass man sich nicht im kuscheligen Fluss der Repetition der minimalistischen Werke einmümmeln darf, sondern die Bissigkeit, den Reichtum der Kontraste bewahren muss, will man nicht in die Beliebigkeit abgleiten. Glass schafft eine Musik, die auf der Stelle wirbelt. Sie drängt meist nicht vorwärts, sondern lässt den Moment verharren. Es ist eine Musik, der gelingt, die Zeit als solches, wenn schon nicht anzuhalten, so doch zum kurzen Verweilen zu bewegen.

    "Fantasia"

    Hierin ergänzt Cori Olan mit seinen Arbeiten den Klang kongenial. Seit Disneys megalomanischem "Fantasia" haben visuelle Künstler nach Wegen gesucht, Instrumentalmusik in Bilder zu übertragen – und nur den wenigsten gelingt dies so paradigmatisch wie dem Österreicher. Seine Visuals spielen sich nie in den Vordergrund oder reagieren zu platt direkt auf die Musik, sondern stellen die Transponierung einer Welt in eine andere dar. Mit drei Leinwänden wandelt sich die gigantische Gleishalle zum Bilderbogen. Olan lässt Sätze tanzen, erweitert eine Schallplatte zum dreidimensionalen Objekt und Uhrwerk, verschiebt Klötze zu unendlichen Perspektivweiten oder lässt Schindeln sich auf kleinen Füßchen ein Rennen liefern.

    Vieles entspricht den naheliegenden Assoziationen der stets bildaffinen Glass-Musik wie fließende Bewegungen, Wasser, Wind. Oftmals stellen die vermeintlich organischen Formen aber auch dezidiert ihre digitale Beschaffenheit aus, lassen ihr Gitternetz aufscheinen. Die Visuals sind dabei wie die Etüden keiner eindeutigen Handschrift zuzuordnen. Hochauflösende Farbspuren stehen neben vermeintlicher 80er-Jahre-Grafik, Filmaufnahmen neben Abstraktion, Monochromes neben Farbexzessen. Teils fühlt man sich als Zuschauer an die Frühzeit von Bildschirmschonern am eigenen Computer erinnert, dann wieder überwältigt einen die Plastizität des Gezeigten, das präzise auf die Sekunde mit der Musik abgestimmt ist.

    100.000 Besucher

    Der Abend krankt lediglich an einem: den Zuschauern. Für die fragilen Klavierwerke ist ein Teil des AEC-Festivalpublikums in der brechend vollen Anlage denkbar ungeeignet. Der handelsübliche Digitalkünstler ist mit instrumentaler Musik offenbar nicht vertraut genug, um nicht zu spät zu kommen, zu früh zu gehen, zu wenig zu schweigen oder zu laut über den Boden zu schlurfen. Der Prix Ars Electronica für das ignoranteste Konzertpublikum ist hier sicher.

    Nach fünf Etüden hatte sich immerhin das Gröbste beruhigt. Und am Ende klang der Abend und damit das heurige AEC-Festival mit der langen 20. Etüde und dem Tanz eines roten Fadens um seine eigene Existenz ruhig aus – ein würdiger Abschluss für eine Ausgabe, die heuer 100.000 Besucher anlockte. (APA, 12.9. 2017)

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