43 Jahre Haft für Journalismus – Etat-Wochenschau zwischen Türkei und ORF

    11. September 2017, 07:00
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    Journalisten einsperren und aussperren, ORF verliert im Vorabend, Programmpläne beim RTL-Vermarkter, ein Jahr Fellner-TV

    1. Bis 43 Jahre Haft für Journalismus

    Das Schlimmste zuerst: Ab Montag könnte das Verfahren der Türkei gegen eine Reihe von Mitarbeitern der regierungskritischen "Cumhuriyet" zum Schluss kommen. Ihnen drohen bis zu 43 Jahre Haft, weil sie ihren Job gemacht haben: Journalismus. Die türkischen Behörden sagen ihnen Unterstützung einer bewaffneten Terrororganisation nach. Pressefreiheits-Organisationen wie das IPI werden das Verfahren weiterhin vor Ort beobachten.

    foto: apa/afp/ozan kose
    "Freiheit für Cumhuriyet": Ein Demonstrant am Rande des Prozesses gegen Journalisten der regierungskritischen Zeitung im Juli in Istanbul.

    Es ist ein weiter Weg und, das möchte ich betonen, kein Vergleich zum nächsten Programmpunkt der Wochenschau.

    2. Trennungsgrundsatz: Abgeschirmt von Journalisten

    Erstmals schirmt der ORF diese Woche seine Aufsichtsräte baulich und technisch gründlich von Medienjournalisten (und ORF-Mitarbeitern) ab. – Just, wenn sich die Stiftungsräte über sinnvolle Auswege aus dem etwas aus dem Ruder gelaufenen 300-Millionen-Bauprojekt Küniglberg unterhalten. Und just, wenn sie erstmals am riesigen, dem Oval des ORF-Auges nachempfundenen Stiftungsrats-Tischmonster aus Corian tagen, in einem auf 800.000 Euro aufwärts taxierten Sitzungssaal-Komplex. Auch Sicherheit vor Journalisten kostet, aber wohl nicht soviel wie ein Tafelrund aus kostspieligem Kunststoff.

    Soviel lässt sich sagen: Der Tisch mit seinen an die 40 Plätzen spricht jedenfalls gegen die immer wieder diskutierte Verkleinerung des ORF-Stiftungsrats, der bisher 35 Mitglieder zählt. Dagegen hätten auch die Landeshauptleute und die Länderstiftungsräte was.

    3. Die heikle ORF-2-Reform

    Wo wir schon bei den Kosten, dem Regionalen und dem ORF sind: Sehr wahrscheinlich wird diese Woche am großen Corian-Tisch die seit 21. August neue Daytime von ORF 2 gelobt, mit dem bis in den Vorabend erweiterten Frühstücksfernsehen aus dem mobilen Studio.

    Der Vorabend ist eine Schlüsselzone für TV-Sender, hier gilt es, die – in der Zeitzone insgesamt mehr und mehr – TV-Zuschauer und Marktanteile zu sammeln, damit der Hauptabend läuft, hier baut man Quote auf für die wichtigste und teuerste Werbezeit des Tages.

    Drei Wochen nach dem Start wird jeder Befund über eine Sendung nur ein vorläufiger sein können. Und diese Aussage scheint "Daheim in Österreich" entgegenzukommen. Denn, so zeigen erste genauere Stichproben: Im Sendungsverlauf baut "Daheim" nicht selten markant Marktanteile ab.

    Nun passierte das auch beim Vorgängerformat "Heute Leben", im Vorabend schläft eben auch die Konkurrenz nicht. "Daheim" scheint den Abwärtstrend aber ein Stück konsequenter zu verfolgen. "Heute konkret" leistet im Anschluss wieder Aufbauarbeit. Danach warten die langjährigen Quotenmuskel – neunmal "Bundesland heute"

    Hier schlaglichtartig zwei Beispiele aus der vorigen Woche: ein Vergleich des Quotenverlaufs von "Daheim" am 7. September 2017 (Donnerstag) mit "Heute Leben" vom 7. September 2016 (Mittwoch) und ein Vergleich von Dienstag zu Dienstag (5. September 2017 zu 6. September 2016).

    Teletest-Haushalte vergeben auch Noten für Sendungen, unter vier geht man im ORF eher nicht von begeistertem Publikum aus. Der Notenschnitt von "Daheim" lag in den ersten zweieinhalb Wochen knapp über 3,8. Jener von "Heute Leben" langfristig bei fast 4,2.

    Gänzlich unbestätigt und also mit Vorsicht zu konsumieren sind meine Zahlen über Anrufe beim Kundendienst wegen einer Sendung: Ich hörte von rund 460 Kundenstatements zu "Daheim". Beim Start von "Heue Leben" (nach "Frühjahr/Sommer/Herbst/Winterzeit") soll es rund ein Zehntel davon gegeben haben.

    Und wo der ORF mitten in den Spar-Budgetverhandlungen für 2018 steht: Womöglich befassen sich die Stiftungsräte diese Woche auch mit Fragen wie dem Verbleib jener ORF-Angestellten, die seit "Daheim" nicht mehr für den ORF-2-Vorabend arbeiten (von Wolfram Pirchners Handshake weiß man), und erwartbaren Mehrkosten für den Studiotruck und dessen Team.

    4. Eine Arbeitsgruppe für ORF 1

    Etwas mehr Reformbedarf als ORF 2 in diesem Sommer hat ORF 1 schon eine Weile. Der nicht friktionsfreien Managementklausur auf dem Kahlenberg Ende August folgen nun doch Taten. Oder jedenfalls Entwicklungen.

    In diesen Tagen soll sich eine Reformarbeitsgruppe für den Sender erstmals zusammengesetzt haben, wohl mit dem Ziel, von der Ideenfindung in Wien-Döbling langsam an die Finanzierung in knappen Budgetzeiten und Umsetzung in Wien-Hietzing zu gehen.

    Bemerkenswert daran: Zwar leitet der bisherige Favorit für das Channel Management von ORF 2 – Roland Brunhofer – die Daytime in ORF 2 schon selbst überarbeitete und nun auch interimistisch verantwortet. Die Arbeitsgruppe für ORF indes leitet Programmdirektorin Kathrhin Zechner und nicht etwa ORF-1-Favoritin Lisa Totzauer. Totzauer, gerade mit dem ORF-1-Quiz "Nationalraten" in Wochenend-Sonderschichten etwa für Drehs mit Sebastian Kurz und Matthias Strolz gut beschäftigt, soll für die erste Arbeitsgruppensitzung lieber nicht auf einen schon geplanten freien Tag verzichtet haben.

    foto: orf/thomas ramstorfer
    Bei der Präsentation von "Nationalraten", ab 18. September in ORF 1 (von links): ORF-eins-Infochefin Lisa Totzauer, Lisa Gadenstätter, Hanno Settele, Peter Wälter.

    Beide Besetzungen könnten auf einem ähnlichen Gedanken des ORF-Generals basieren, der eine oder die andere mögen ihr Können an durchaus risikoreichen Aufgaben erproben. Aber da bewegen wir uns selbst für Wochenschau-Verhältnisse sehr weit im Bereich der Spekulation.

    5. Jobs im guten Dutzend

    ORF-Chef Alexander Wrabetz soll Stiftungsräten bedeutet haben, er werde die Channel Manager und Chefredakteure von ORF 1 und ORF 2 noch im Oktober ausschreiben und den ORF-Personalchef bis Ende November. Ausschreiben muss ja noch lange nicht besetzen heißen.

    Wenn die nächste Regierung antritt, hat Wrabetz nicht weniger als 15 gewichtige Jobs im ORF frei, rechneten mir dieser Tage mehrere Menschen mit ORF-Bezug vor. Je zwei Channel Manager und -Chefredakteure, Personalchef, Leiter der Rechtsabteilung, wohl pensionsbedingt auch absehbar ein paar TV-Hauptabteilungsleiter etwa für Fiction-Eigenproduktion, für Wissenschaft, Religion und noch ein paar Stellen mehr.

    Im Radio hat Wrabetz gerade Ö1 einen auch formalen Senderchef verordnet, aus den Ö1-Hauptabteilungen werden nun Abteilungen, mehr dazu hier.

    6. Programm, Programm für Österreich

    Die 15 leitenden ORF-Jobs können im Umgang mit neuen Regierungsmehrheiten helfen, senden kann man sie eher nicht. Was der ORF da so vorhat in der neuen Saison 2017/18, bringt er der Werbekundschaft – neben einigen TV-, Radio- und Onlinewerbepreisen – am Donnerstag dieser Woche näher. Für ein bahnbrechend neues ORF-1-Programm dürfte das – siehe oben – eher zu früh sein.

    Schon am Dienstag präsentiert IP-Chef Walter Zinggl mit einer Riege Sendermanager die Programmpläne von RTL bis R9 für die kommende Saison. Ich bin gespannt, ob die RTL-Vermarkter nicht doch noch einen Anlauf nehmen für österreichische Programmelemente in den bisher allein mit Werbefenstern bespielten Österreich-Versionen.

    7. Ein Jahr Fellner-Fernsehen

    Wo wir schon bei Österreich sind: Ö24TV der Mediengruppe Österreich ist bald, am 26. September, ein Jahr on air. Reiner TV-Tagesmarktanteil in den ersten Septembertagen (bis 7.) 2017 beim Gesamtpublikum laut Teletest: im Schnitt knapp unter 0,2 Prozent. TV-Tagesreichweite laut Teletest im Schnitt: rund 84.000 Zuschauer, die zumindest eine Minute dabei waren.

    Es war jedenfalls ein Jahr mit durchaus beeindruckend ausgiebigem persönlichem TV-Einsatz von Wolfgang Fellner und seiner Crew. Fellner sprach schon im Frühjahr von "Break even" bei dem Sender, das tut er bei seinen Gründungen meist und rasch.

    foto: ö24tv screenshot
    Wolfgang Fellner, Isabelle Daniel auf Ö24TV.

    8. Wieviel öffentliche Stellen werben

    Noch diese Woche, am Freitag spätestens, veröffentlicht die Medienbehörde KommAustria, welche öffentliche Stelle in welchem Medium für wieviel Geld geworben hat. Diese Medientransparenz-Daten erhellen die Werbetätigkeit erst für das zweite Quartal 2017 bis einschließlich Juni.

    Wer rascher Aufschluss über die Buchungslage im Intensivwahlkampf vor der Nationalratswahl sucht, wendet sich vertrauensvoll an Dossier.at – die Rechercheplattform beobachtet die Schaltungen von öffentlichen Stellen und Parteien seit 1. September in sechs bundesweiten Tageszeitungen und veröffentlicht Bruttowerbevolumina laut offizieller Tarifliste.

    9. Das Auto als Werbemedium und Entertainmentcenter

    Dass ich auf derStandard.at/Etat einmal auf die Internationale Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt (ab Donnerstag) komme, hätt' ich mir auch nicht gedacht. Aber wenn Autos den traditionellen Medien Konkurrenz als Werbemedium machen (und nicht nur Google und Facebook) – dann wird's langsam Zeit.

    Dank für die Erweiterung meiner medialen Schrebergartenwelt gilt Stefan Jenzowsky und dem Zeitungsverband (VÖZ), der den Senior Vice President Neue Produkte von Siemens im Juni zu seiner Jahrestagung lud. Damals war kein Platz und zuwenig Zeit für die Passage, die IAA liefert mir einen neuen Anlass:

    Machen (selbstfahrende) Autos tatsächlich klassischen Medien Konkurrenz? In US-Geschäftsmodellen definitiv, erklärte Jenzowsky Österreichs Verlegern. Werbung, gezielt ausgespielt nach dem Ziel auf dem Navi etwa. "Das Fahrzeug wird ein Medienabspielraum", sagte Jenzowsky – gar mit undurchsichtiger Frontscheibe.

    Geht es Richtung nächste Mediamarkt-Filiale, wird die Fahrzeit per Onlineauktion versteigert – Amazon bucht und versucht, schon auf dem Weg das gewünschte TV-Gerät zu verkaufen. Und wenn das Auto selbst fährt, hat man die Hände frei zum Bestellen (oder auch für Entertainmentprogramme).

    Das Beispiel bedroht zuallererst eine andere Branche: "Europas Automobilindustrie wird es gehen wie der Mobilfunkbranche vor zehn Jahren", warnte Jenzowsky. Da könnte Nokia gerade noch Weltmarktführer gewesen sein, und Europa Epizentrum der Handybranche. Bis zu iPhone und Co.

    Und wenn Uber darüber nachdenkt, dass man sein selbstfahrendes Auto als Taxi Geld verdienen schickt, während man selbst in der Arbeit sitzt – dann brauche es viel weniger Autos. Ein Fünftel der Arbeitsplätze in Deutschland hänge an der Automobilbranche, erinnerte Jenzowsky. Und, das sagt er nicht, viel Werbegeld.

    Wenig tröstlich für klassische Medienmacher, dass das Silicon Valley "die Zerstörung Ihres Geschäfts" (Jenzowsky) quer durch alle Branchen versucht –und nicht allein für das ihre.

    10. Beste Serien

    Wo bleibt das Gute? In der Nacht von Sonntag auf Montag, wenn Sie voller Vorfreude auf die nächste Ausgabe schlummern, bekommen die besten Serien, Fernsehfilme, TV-Schauspieler und -Schauspielerinnen die diesjährigen Emmy Awards, die wichtigsten Fernsehpreise der USA und wohl auch der Welt.

    foto: vh1/world of wonder production
    Ru Paul's Drag Race – bester Host bei den Creative Emmys.

    Diesen Freitag und Samstag wechselten schon die Creative Arts Emmys die Besitzer. Ru Paul zum Beispiel ist mit "RuPaul's Drag Race" (VH1) herausragendster Moderator einer Reality oder eines Reality-Bewerbs. ABC hat mit "Shark Tank" das beste strukturierte Reality-Programm – eine Art "2 Minuten 2 Millionen"-Investorenshow nach dem japanischen Format "Dragon's Den". Das beste unstruktuiertes Realityformat läuft bei CNN mit dem viel versprechenden Titel "United Shades Of America With W. Kamau Bell", bei dem augenscheinlich schon einmal ein paar Herren vom Ku Klux Klan ihre Weltsicht erklären.

    Alle Preisträger der Creative-Arts-Emmys finden Sie hier. (Harald Fidler, 11.9.2017)

    Die Etat-Wochenschau ist eine sehr subjektive Auswahl anstehender Ereignissen in der – vor allem österreichischen – Medien- und gelegentlich auch Werbebranche. Wie sich die Prognosen in der Medienrealität materialisieren, lesen Sie so rasch wie möglich auf derStandard.at/Etat.

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