Hurrikan Irma tobt in Florida: Mehrere Tote, Kuba schwer getroffen

    Video10. September 2017, 18:48
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    Mehr als 2,5 Millionen Haushalte ohne Strom – Bis zu 4,5 Meter hohe Sturmfluten möglich

    Miami/Tampa – Hurrikan Irma traf am Sonntagnachmittag mit voller Wucht auf die Florida Keys im Süden des US-Bundesstaates. Der Sturm wurde mittlerweile auf Kategorie 3 herabgestuft, gilt aber dennoch als extrem gefährlich. Er droht katastrophale Schäden anzurichten. Nach Mitteilung des Hurrikanzentrums hat er eine ständige Windgeschwindigkeit von 195 Kilometern pro Stunde und zog mit rund 13 Kilometern pro Stunde weiter. In mehr als 2,5 Millionen Haushalten fiel der Strom aus. Polizeiangaben zufolge starben mindestens drei Menschen. Sie kamen bei wetterbedingten Verkehrsunfällen ums Leben.

    Der Korrespondent des ARD in Miami.

    Irmas Kurs hat sich weiter leicht westwärts verändert und sollte in seinem Kern etwas vor der Küste entlang ziehen. Meteorologen machten deutlich, dass das für die Küstenbewohner eine schlechte Nachricht sei, schaufele der Sturm so doch mehr Wasser auf die Küste. Von Fort Myers bis hoch nach Tampa bereiteten sich die verbliebenen Menschen auf das Schlimmste und bis zu 4,5 Meter hohe Sturmfluten vor. Nach Angaben von Meteorologen könnten diese bis zu elf Kilometer ins Landesinnere vordringen.

    grafik: apa

    Weil Irma so groß ist, werden auch auf der Ostseite Floridas schwere Schäden und Überflutungen erwartet. Für Miami und andere Gebiete auf dieser Seite galt keinerlei Entwarnung. "Einen so katastrophalen Sturm hat unser Bundesstaat noch nie erlebt", sagte Floridas Gouverneur Rick Scott. "Beten Sie für uns", bat er in einem Interview mit ABC News.

    Florida: 6,3 Millionen sollen ihre Häuser verlassen

    In Florida wurden 6,3 Millionen Bewohner aufgefordert, wegen des herannahenden Wirbelsturms ihre Häuser zu verlassen. Florida hat 20,6 Millionen Einwohner. Auf den Autobahnen bildeten sich lange Staus, Notunterkünfte waren überfüllt. Tankstellen ging der Sprit aus. Mehr als 54.000 Menschen fanden den Angaben zufolge Zuflucht in rund 320 Notunterkünften, die in Florida eingerichtet wurden. Hunderttausende weitere Menschen hätten sich selbst um eine Notunterkunft gekümmert.

    Ein Atomkraftwerk in Turkey Point an der Südostspitze Floridas wurde nach Angaben des Betreibers vorsorglich heruntergefahren. Sämtlichen Österreichern, die sich zuletzt im "Sunshine State" befunden hatten, dürfte rechtzeitig die Flucht gelungen sein. "Wir gehen davon aus, dass bei allen die Evakuierung funktioniert hat", sagte Thomas Schnöll, der Pressesprecher des Außenministeriums. Man habe bisher auch keine Anrufe besorgter Angehöriger erhalten – ein gutes Zeichen, dass kein Österreicher vermisst wird.

    Jose verschont Karibikinseln

    Erleichterung herrschte unterdessen auf Saint-Barthelemy und Saint-Martin: Das Zentrum von Hurrikan Jose, der auf Irma folgt, hat die Karibikinseln verschont und zog in der Nacht auf Sonntag im Norden an den Inseln vorbei. Frankreichs Wetterdienst Meteo France hatte für die französischen Überseegebiete die höchste Sturm-Warnstufe ausgerufen. Doch kurz vor Mitternacht (Ortszeit) kam die Entwarnung: Das Zentrum des Hurrikans der zweithöchsten Kategorie vier liege 125 Kilometer nördlich von Saint-Martin. Die Auswirkungen auf die Überseegebiete seien damit weniger gravierend, teilte Meteo France mit. Es wurden Windstärken von bis zu 60 Kilometer pro Stunde gemessen. Die Wellen waren mit drei Meter Höhe ebenfalls weniger hoch als zunächst befürchtet.

    orf
    ORF-Korrespondent Uitz-Dallinger berichtete in der ZiB um 9 Uhr aus Miami.

    Die Lokalbehörden hatten an Samstag eine nächtliche Ausgangssperre angeordnet. Die bei Touristen beliebten Inseln waren vor wenigen Tagen von Hurrikan Irma schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. In den französischen Überseegebieten starben mindestens neun Menschen. Saint-Martin ist der nördliche Teil einer Insel, der südliche gehört zu den Niederlanden. Insgesamt hat Irma mindestens 25 Menschen in der Karibik in den Tod gerissen.

    foto: reuters/carlos barria
    Hurrikan Irma nimmt Weg auf Miami.

    Schwere Schäden in Kuba

    Der Hurrikan hat auch in Kuba schwere Schäden verursacht. Besonders schlimm wurde unter anderem die Provinz Villa Clara getroffen. In dem Fischerort Caibarien wurden reihenweise Hausdächer abgedeckt, Bäume entwurzelt und es kam zu schweren Überschwemmungen. Über die Hälfte der 40.000 Einwohner wurde in Notunterkünften in Sicherheit gebracht, vor allem Kinder, Schwangere und alte Menschen.

    "Im Jahr 2012 hatte Hurrikan "Sandy" einen fast identischen Weg über Kuba genommen und 200.000 Häuser zerstört oder beschädigt", teilte der Kuba-Referent von Caritas International, Kilian Linder, mit. "Damals waren Windgeschwindigkeiten von bis zu 180 Stundenkilometern gemessen worden, diesmal waren es bis zu 260 Stundenkilometer. Wir vermuten deshalb, dass die Schäden bei diesem gigantischen Sturm deutlich schwerer ausfallen werden", erklärte Linder. Hoffnung mache aber, dass der Katastrophenschutz auf Kuba gut funktioniere und die Menschen in Notunterkünften in der Regel relativ gut Schutz fänden.

    foto: apa/afp/yamil lage
    Havanna.

    In der Nacht auf Samstag war das Zentrum von Irma auf das Camagüey-Archipel an der Nordküste Kubas getroffen. Dabei legte der Hurrikan noch einmal an Stärke zu und wurde vom Warnzentrum vorübergehend auf die höchste Kategorie 5 hinaufgestuft. Danach zog Irma als Sturm der Kategorie 4 an Kuba entlang.

    foto: afp/yamil lage
    Havanna.

    Auf Fernsehbildern waren hohe Wellen, starke Regengüsse, umgestürzte Bäume und beschädigte Gebäude zu sehen. Die Parteizeitung "Granma" berichtete von Überschwemmungen und Sachschäden. Meldungen über Tote lagen zunächst nicht vor.

    foto: ap photo/wilfredo lee
    Downtown, Miami.

    Nationalgarde mobilisiert

    Am Samstagmorgen verlor der Sturm etwas an Kraft. Das US-Hurrikan-Zentrum warnte aber davor, dass der Hurrikan vor seinem Eintreffen auf der Inselgruppe der Florida Keys wieder an Stärke gewinnen könnte. Gouverneur Rick Scott mobilisierte 7.000 Mitglieder der Nationalgarde. Die Rettungskräfte seien in Alarmbereitschaft, sagte er. Er schätzte aber, dass in Notunterkünften rund tausend Krankenschwestern und Pfleger gebraucht würden. Er rief Freiwillige auf, sich zu melden.

    foto: apa / afp / gaston de card
    Whale Harbour, Florida.

    Für die gesamte Südküste Floridas, vom Atlantik bis in den Golf von Mexiko, galt eine Warnung vor bis zu drei Meter hohen Fluten. Im Osten erstreckte sich die Gefahrenzone bis fast nach Melbourne, im Westen bis nach Tampa. Auch in den benachbarten Bundesstaaten wurde der Notstand ausgerufen. Modelle des Hurrikanzentrums sehen Irmas Zug bis hinauf nach Atlanta reichen. In seiner Folge werden Überflutungen auch an den Küsten Georgias sowie South und North Carolinas erwartet.

    Präsident Donald Trump appellierte an die Menschen in den betroffenen Gegenden, wachsam zu sein und auf die Empfehlungen der Behörden zu hören. "Dies ist ein Sturm mit einem absolut historischen Zerstörungspotenzial", erklärte er. (red, APA, Reuters, 10.9.2017)

    Wissen: Sturmfluten sind oft die größte Gefahr

    Sturmfluten stellen während eines Hurrikans oft die größte Gefahr für Menschen dar. Nach Angaben der US-Ozean- und Wetterbehörde NOAA kamen die meisten der 1.800 Todesopfer des Hurrikans "Katrina" im Jahr 2005 durch eine Sturmflut ums Leben. Durch den Wirbelsturm "Irma" drohen dem US-Bundesstaat Florida an der Küste Wasserstände von bis zu viereinhalb Meter über Normalhöhe.

    Sturmfluten entwickeln sich, wenn starker Wind über den Ozean fegt und die Wassermassen in Richtung der Küste drückt. So entstehen dort sehr hohe Wasserstände, unabhängig von den Gezeiten und Regenfällen. Sturmfluten sind deshalb tückisch, weil sie bereits beginnen, bevor ein Hurrikan auf Land trifft. Die Wassermassen können dutzende Kilometer ins Landesinnere vordringen und Gebäude und Straßen in kürzester Zeit unter Wasser setzen. Diese Unberechenbarkeit macht es schwer, Menschen rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

    Neben der Windstärke und der Größe des Sturms hängt das Ausmaß einer Sturmflut auch von anderen Faktoren ab. Die US-Wetterbehörde NOAA nennt hier vor allem die Beschaffenheit des Meeresgrunds. Bei flachen Ufern können die Wassermassen bis ins Hinterland vordringen, steil ansteigender Meeresgrund erschwert dies.

    Der Klimawandel könnte in den kommenden Jahrzehnten Auswirkungen auf Sturmfluten haben. Experten befürchten, dass sie wegen steigender Meeresspiegel und erhöhter Wassertemperaturen stärker ausfallen werden. Wissenschaftlichen Studien zufolge könnten sie auch weitaus häufiger geschehen.

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