Glosse "Wortkunde": Ranzen

    Glosse9. September 2017, 14:00
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    Der Ranzen ist eine am Rücken getragene Tasche

    Viele Kinder haben jetzt ihre erste Schulwoche hinter sich, andere stehen kurz vor dem Schulbeginn. Die Kleinen naschen aus der Schultüte, die Größeren ziehen zum Schulstart eine durch, und alle tragen sie Schultaschen. Die hießen früher Schulranzen beziehungsweise Ranzen.

    Der Begriff hält sich hartnäckig, dabei ist Ranzen kein schönes Wort. Schon sein Ursprung in der Gaunersprache scheint in einer idealen Welt jedem schulischen Erfolg zu widersprechen. Der Ranzen ist eine am Rücken getragene Tasche. Früher war sie aus Leder gefertigt, heute ist sie meist aus leichtem Kunststoff. Das ist gut, denn schwer zu tragen haben die Schüler ohnehin an der Schule als solcher.

    Während ein Schulranzen im Schattenwurf einen Buckel zeichnet, beschreibt eine andere Bedeutung des Ranzens eine Wampe. Dieser Ranzen entsteht, wenn es einem noch schmeckt, obwohl man gar keinen Hunger mehr hat. Erstaunlicherweise nennt man solche Personen aber nicht ranzig, erst wenn ihr Fett verderben würde, wäre es in der Sache richtig, von einem ranzigen Ranzen zu sprechen, wiewohl die sprachliche Korrektheit die politische außer Acht ließe.

    Das wiederum kann ranzige Blicke verursachen. So sagt man, wenn jemand grimmig bis beleidigt dreinblickt oder von wenig gewinnendem Wesen ist. Siehe etwa – Ladys first – eine ranzige Oide oder ein ranziger Oida.

    Auch in der Tierwelt kommt das Wort zur Anwendung. Dort ist die Ranz ein Synonym für die Brunft, also die Paarungszeit, und das Ranzen beschreibt den Paarungsakt. Wie für die Brunft gilt für die Ranz, dass dieser Begriff nur in Hinblick auf die Tierwelt Anwendung finden sollte. Verspürt ein Mensch einen Fortpflanzungsdrang und bewirbt sich deshalb als brunftig, stößt diese animalische Direktheit nur selten auf Verständnis.

    Dasselbe gilt für die Ranz. Die Information, man sei gerade total ranzig, ist der Vollzugswahrscheinlichkeit nicht unbedingt zuträglich. – Wobei das eigentlich seltsam ist: Denn eine gewisse Verdorbenheit erhöht den Reiz der Paarung ja doch beträchtlich. (Karl Fluch, 9.9.2017)

    • Der Ranzen hält sich hartnäckig, dabei ist es kein schönes Wort.
      foto: karl fluch

      Der Ranzen hält sich hartnäckig, dabei ist es kein schönes Wort.

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