Gemeinschaften inszenieren sich immer mehr als Opfer

8. September 2017, 09:00
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Tagung in Wien beleuchtet Bedeutung von Opfermythen für zentraleuropäische Identitäten

Wien – Gemeinschaften nutzen zunehmend die Selbstinszenierung als Opfer traumatischer Ereignisse, um ihr Recht einzufordern, stellte der Germanist Christoph Leitgeb von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) fest. Opfermythen sind seit der Antike identitätsstiftende Motive. Ihrer Bedeutung widmet sich vom 7. bis 9. September eine Tagung in Wien.

"In Europa gibt es mehr Nationalstaaten, deren Identität auf Opfermythen aufbaut, als solche, in denen Opfermythen unwichtig wären", erklärte Leitgeb. In Deutschland sei die Nation aus den Opfern der napoleonischen Kriege geboren, in Spanien der deutsche Luftangriff auf Guernica zu einer Art Mythos geworden. "Aber auch die französische Jeanne d'Arc ist ein Opfermythos", so der Experte vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte (IKT) der ÖAW. "Grundlegend ist, dass die Opferrolle von den direkt Betroffenen durch eine Erzählung abgelöst und auf eine größere Gruppe übertragen wird."

Österreich als Opfer der NS-Ideologie

Für die Geschichte der Zweiten Republik sei der Mythos von Österreich als erstem Opfer der NS-Ideologie am virulentesten. Er habe geholfen, einen nationalen Neuanfang von einer "Stunde Null" aus zu begründen. "Eine Verkörperung dieses Mythos ist die rückblickende Stilisierung des Austrofaschisten Engelbert Dollfuß zum ersten Opfer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus", so Leitgeb. Auch auf der Seite der Arbeiterbewegung seien in der Zwischenkriegszeit Opfermythen entstanden, wie zum Beispiel durch die Ereignisse in Schattendorf, die bis heute eine Rolle spielten, ergänzte der Germanist.

Auch Länderidentitäten könnten so begründet werden, wie der Mythos des Tiroler Freiheitskampfes gegen Napoleon unter Andreas Hofer, der ein gegen Wien und Bayern gerichtetes Landesbewusstsein aufbaute. Ein weiteres Beispiel sei die Präsenz der Opfer der Bauernkriege in einzelnen Regionen, so Leitgeb. "Opfermythen begründen paradoxerweise mit ihren Protagonisten die Idee der Freiheit, weil sie häufig auch Erzählungen des Widerstands sind", erklärte der Experte.

Ohnmächtig und ohne Schuld

"In Opfermythen verschmelzen die Frage nach der Macht und die Frage nach der Ethik", so Leitgeb. Falsch handle per se, wer angeblich oder wirklich mächtig ist, sein Gegenüber wird als ohnmächtig und daher ohne Schuld dargestellt. Ein aktuelles Beispiel aus Österreich und Deutschland sei, dass es möglich geworden ist, sich mit Erfolg zum "Opfer der Lügenpresse", der "Political Correctness" und des "Mainstreams" sowie der "Überschwemmung durch das Fremde" zu stilisieren, erklärte Leitgeb. International habe in jüngster Zeit der Opfermythos auch eine große Rolle bei der Selbstdefinition des sogenannten "Islamischen Staats" gespielt.

Die Annahme von Opfermythen und auch ihre Konstruktion als Mittel der Herrschaft werde heute immer verlockender, da das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den äußeren Umständen zunähme und reale Zusammenhänge immer schwerer durchschaubar seien, erklärte Leitgeb.

Opfermythen bestärken Passivität

Sie seien aber keine brauchbare politische Option für eine friedliche, bessere Zukunft: "Opfermythen bestärken innerhalb der Gemeinschaft Passivität: Solidarität entsteht dann aus gemeinsamem Erleiden und nicht zum Beispiel aus einem Utopismus, der solidarisches und in die Zukunft orientiertes Handeln motiviert", so der Experte.

Den historischen und aktuellen Funktionen von Opfermythen für zentraleuropäische Identitätskonstruktionen widmet sich das gemeinsame Literatur- und Kulturwissenschaftliche Komitee der Österreichischen und der Ungarischen Akademie der Wissenschaften auf seiner diesjährigen Jahrestagung zum Thema "Opfermythen in Zentraleuropa" vom 7. bis 9. September. (APA, 8.9.2017)


Link

Opfermythen in Zentraleuropa
Tagung des bilateralen literatur- und kulturwissenschaftlichen Komitees, 7.-9.9.2017, Collegium Hungaricum, Hollandstraße 4, 1020 Wien

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