Hurrikan Irma: Apokalypse im karibischen Inselparadies

    8. September 2017, 05:40
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    Der Tropensturm verwüstet Karibikinseln wie Saint-Martin oder Saint-Barthélemy auf seinem Weg zum US-Festland. Tote sind zu beklagen. Kubas Behörden brachten 36.000 Touristen in Sicherheit

    Ich habe nichts mehr", sagte Kevin Barrollon am Donnerstag zu einem französischen TV-Sender, nachdem ihm sein Haus auf der Insel Saint-Barthélemy davongeflogen war. Nur seinen Kopf rettete er – vielleicht, weil er während des Hurrikans einen Helm aufgesetzt hatte.

    Die Lokaljournalistin Maeva-Myriam Ponet konnte als eine der ersten aus dem Unglücksgebiet der 80.000-Einwohner-Insel Saint-Martin berichten. "Die Lage ist apokalyptisch", schilderte die Vertreterin des Senders Guadeloupe Première. "Ich sehe Häuser ohne Dächer, umgestürzte Autos, ausgebrannte Schiffe. Das Spitaldach ist weg, die Präfektur eingestürzt. Es gibt keine Elektrizität, kein fließendes Wasser, kein Internet, erst vereinzelt wieder Telefonverbindungen."

    Groß ist die Angst von Angehörigen im fernen Frankreich. "Wir sind dabei, unser Dach zu verlieren, und sind in das kleine Badezimmer geflüchtet", teilte eine Mutter aus Saint-Martin ihrer Tochter daheim per SMS mit. Die letzte SMS lautete: "Es läuft von überall ins Haus hinein." Seither ist Sandrine Meyer in höchster Sorge um ihre Mutter.

    "95 Prozent der Insel"

    Laut dem Präsidenten des Inselrats von Saint-Martin, Daniel Gibbs, sind "95 Prozent der Insel verwüstet". Sie sei quasi unbewohnbar geworden. Von hier soll der Großteil der Todesopfer, die Irma verursacht hat, stammen – namentlich in Sandy Ground. Rund um das Armenviertel im französischen Teil kam es offenbar auch zu Plünderungen. "Wenige Minuten nachdem sich der Wind etwas gelegt hatte, sah ich Dutzende von Jugendlichen, die in die Läden einbrachen", schilderte Rinsky Xieng, ein Journalist aus dem französischen Teil der Insel. Am Donnerstagnachmittag hat die französische Regierung die Opferzahl auf Saint-Martin von acht auf vier gesenkt. Die Zahl könnte sich aber noch ändern. Ein Todesopfer gab es auf Barbuda, ein weiteres in Barbados.

    Fast noch schwieriger war es, Informationen von der ebenso hart getroffenen Insel Saint-Bar thélemy zu erhalten. Das von 10.000 Menschen bevölkerte Villenparadies war zuerst völlig von der Außenwelt abgeschnitten, da auch der Flugplatz unter Wasser stand.

    "Wettlauf gegen die Zeit"

    Auch ohne genaue Informationen richtete die Regierung in Paris eine Luftbrücke ein. "Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit", sagte Innenminister Gérard Collomb. "Neben der ersten Hilfe brauchen die Inselbewohner Stromgeneratoren, um die Entsalzungsanlage wieder in Betrieb zu nehmen und Trinkwasser herzustellen."

    Auch Großbritannien und die Niederlande leisten Hilfe in ihren Überseegebieten. Ein Schiff der niederländischen Marine wollte am Donnerstag an Sint Maarten anlegen, hatte aber Probleme, anzudocken. Auch Großbritannien schickte eine Marinebesatzung auf die Britischen Jungferninseln. Auf den amerikanischen Jungferninseln kamen infolge des Tropensturms vier Menschen ums Leben, wie der Fernsehsender CNN am späten Donnerstagabend unter Berufung auf den Sprecher des Gouverneurs berichtete.

    Die Experten des Wetterdienstes Météo-France bezeichnen Irma als den längsten je erfassten Hurrikan der Stufe 5. "Eine solche Intensität über so lange Zeit hat es seit Beginn der Satellitenära noch nie gegeben." Donnerstagnachmittag wies Irma immer noch Windspitzen von 285 km/h auf.

    Macron kündigt Besuch an

    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der seinen baldigen Besuch ankündige, machte die Klimaerwärmung für die Hurrikanstärke verantwortlich. Es gelte, die "tieferen Ursachen" dieser Umweltkatastrophe zu bekämpfen.

    Donnerstagnacht wurde Irma über der Dominikanischen Republik und Haiti erwartet, die Nordküste galt als besonders gefährdet. Die Warnung des US-Hurrikanzen trums sprach von "lebensbedrohlichen Winden, Sturmfluten und Gefahren durch Niederschläge". Außerdem wurden Sturmfluten von bis zu sechs Metern Höhe erwartet. Auch Kuba musste in der Nacht auf Freitag mit Folgen des vorbeiziehenden Hurrikans rechnen. Irma sollte die Nordküste streifen. Kubas Behörden brachten 36.000 Touristen an sichere Orte.

    Am Sonntag soll Irma auf Florida treffen. In den US-Staaten Florida und Georgia wurde eine Million Menschen zum Verlassen ihrer Häuser aufgerufen. Da nur zwei Hauptverkehrsrouten von den Keys in Floridas Norden führen, kam es zu Staus und Treibstoffengpässen. Zwangsräumungen werden erwartet. Auf dem internationalen Flughafen Orlando starten ab Samstag, 17.00 Uhr Ortszeit, keine kommerziellen Flüge mehr. Floridas Gouverneur Rick Scott appellierte an die Bevölkerung, die Anweisungen der Behörden ernstzunehmen: "Wir können eure Häuser wiederaufbauen aber nicht eure Leben." (brä, bbl)

    • Katia (Hurrikan der Kategorie 1), Irma (Hurrikan der Kategorie 5) und Jose (Hurrikan der Kategorie 1) auf einem Satellitenbild.
      foto: apa/afp/noaa/rammb/jose romero

      Katia (Hurrikan der Kategorie 1), Irma (Hurrikan der Kategorie 5) und Jose (Hurrikan der Kategorie 1) auf einem Satellitenbild.

    • 95 Prozent der Karibikinsel St. Martin sind zerstört.
      foto: apa/afp/lionel chamoiseau

      95 Prozent der Karibikinsel St. Martin sind zerstört.

    • Rund 50 Prozent der Bevölkerung ist obdachlos.
      foto: gerben van es/dutch defense ministry via ap

      Rund 50 Prozent der Bevölkerung ist obdachlos.

    • Am Wochenende soll Irma auf das US-Festland treffen.
      grafik: apa

      Am Wochenende soll Irma auf das US-Festland treffen.

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