"Sommernachtstraum": Die Lust am Probieren als Aufschub der Theaterlust

    6. September 2017, 15:47
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    Ein "Proben"-Leitfaden nach der Burgtheater-Verschiebung von Leander Haußmanns Shakespeare-Inszenierung auf Sonntag

    Wien – Regisseur Leander Haußmann hat entschieden, mit der Veröffentlichung seiner Inszenierung von Ein Sommernachtstraum noch etwas zuzuwarten. Premiere ist nun am Sonntag, den 10. September. Das Stück, eines von Shakespeares rätselhaftesten und frivolsten, handelt unter anderem von zwei Liebespaaren, die sich wegen unklarer erotischer Verhältnisse im Athener Wald verlaufen. Von einer Elfenkönigin, die sich um ein Haar mit einem schreienden Esel vermählt.

    So schmerzlich sich die Premierenverschiebung für das Wiener Burgtheater ausnimmt: Es ist einem Inszenierungskünstler nicht zu verdenken, wenn er sich im Dunkel der Mittsommernacht verliert. Besonders sympathisch berührt an dem Malheur der Umstand, dass Haußmann für den Stoff schlicht übertrainiert wirkt.

    Dreimal hat der ostdeutsche Film- und Theatermann den Sommernachtstraum bereits inszeniert: in Weimar, bei den Salzburger Festspielen und in Berlin. Es hat den Anschein, die ganze Welt, einschließlich der verflossenen DDR und ihrer Spreewaldgurken, fände Platz im attischen Wald. Es würde auch nicht verwundern, wenn sich in Haußmanns Kopf zum Beispiel die Weimarer mit den Salzburger Bäumen vermengten – und er anschließend den Wald als Ganzen nicht mehr sähe.

    Proben bilden die natürliche Voraussetzung jeder Theateraufführung. Von der gemeinschaftlichen Verkostung des Stücktextes auf der Leseprobe führt ein äußerst gewundener Weg hin zu den Durchläufen. Von dort ist es nicht mehr weit zur Generalprobe und zur Premiere.

    In den guten alten Zeiten des deutschsprachigen Nachkriegstheaters konnte der Probenprozess für manche gar nicht lange genug dauern. Peter Zadek sperrte sich und sein Ensemble oft mehrere Monate im Probenraum ein. Dort hielt sich der Regisseur hinter Sonnenbrillen verschanzt und sah einer Meute verhaltensauffälliger Mimen ungerührt beim Quatschmachen zu. Fixiert wurde der Ablauf, sobald die Schauspieler mit ihrem Latein am Ende und mit den Nerven runter waren. Dann schlug die Stunde des Magiers. Er nahm die Brille ab, zieh seine Schutzbefohlenen der Lüge und mahnte mehr Fantasie ein. Zadek-Proben dauerten in den 1970ern länger, als eine durchschnittliche italienische Regierung im Amt war. Dafür vermittelte die Mehrzahl seiner Premieren das atemberaubende Gefühl, einer szenischen Gruppenverausgabung beizuwohnen.

    Wer den Prozess der Erarbeitung über das fertige Produkt stellt, verkennt den fragilen Charakter szenischer Gespinste. Natürlich muss ein Theater dafür sorgen, dass "der Lappen hochgeht". Umgekehrt stehen nicht jedem Regisseur die gleichsam buchhalterischen Fähigkeiten eines Rudolf Noelte zu Gebot.

    Dieser Titan betrat bereits die erste Probe mit komplett fertigem Regiebuch. Die Zeit bis zur Premiere? Verbrachten die Schauspieler damit, jeden Gang, jede mimische Einzelheit, die ihnen Noelte vorgab, einzupauken. Unzählige Noelte-Inszenierungen waren Wunderwerke der Einbildungskraft. Solches wird man Haußmanns Sommernachtstraum hoffentlich bald nachsagen. Wenn dann Premiere gewesen sein wird. (Ronald Pohl, 6.9.2017)

    • Muss sich sammeln: Regisseur Leander Haußmann.
      foto: robert newald

      Muss sich sammeln: Regisseur Leander Haußmann.

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