Wenn Kinder zum ersten Mal fremdbetreut werden

Blog8. September 2017, 08:00
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Eltern erleben zwiespältige Gefühle, lassen sie ihr Kind zum ersten Mal in fremder Obhut. Sie schwanken zwischen Loslassen, Festhalten und der Angst vor Machtverlust

Viola hat für ihren dreijährigen Sohn Hannes die letzten Monate eine gute Betreuungseinrichtung gesucht. Sie hat sich mehrere Tagesmütter und Kindergärten angesehen und sich schließlich für einen Kindergarten in der Nähe ihrer Arbeit entschieden. Nächste Woche soll ihr Sohn zum ersten Mal allein dorthin gehen. Während sich Hannes schon auf das Spielen mit den anderen Kindern freut, hat Viola große Bedenken, ihren Sohn allein dort zu lassen.

Alina und ihr Mann Markus haben sich die Karenzzeit für ihre beiden Kinder geteilt. Während der große Bruder Alexander (6) gerade mit der Schule begonnen hat, wird Matthias (2) zum ersten Mal zu einer Tagesmutter gebracht. Alina fürchtet diese Umstellung, weil jetzt beide Kinder erstmals fremdbetreut werden und sich damit für die Familie viel verändert.

Florian führt Marina anlässlich des Jahrestages zum Essen aus. Sie haben ihre kleine Tochter frisch gewickelt und gefüttert. Jetzt darf erstmals die Oma auf die vier Monate alte Vivi aufpassen. Marina freut sich einerseits auf den ersten Abend ohne Kind, aber andererseits bereitet es ihr ein wenig Sorgen, weil sie Angst hat, dass Vivi vielleicht weint, schreit und sie nicht da ist, um ihre Tochter zu beruhigen.

Die Suche nach der idealen Betreuungseinrichtung

Immer wieder geschehen im Zusammenleben mit Kindern Dinge zum ersten Mal. Das Kind macht seinen ersten Schritt, es sagt zum ersten Mal "Mama" und "Papa". Die Liste lässt sich unendlich lange fortsetzen. Ganz oft sind Ereignisse, die zum erstem Mal vorkommen, mit Spannung und Freude verbunden.

Doch das Kind zum ersten Mal von einer fremden Person betreuen zu lassen, ist ein großer Schritt, der vielen Eltern und Bezugspersonen dann doch sehr schwer fällt.

Die Wahl der Kinderbetreuungseinrichtung wird nach den unterschiedlichsten Kriterien getroffen. Eltern entscheiden sich für eine Betreuung, bei der sie das Gefühl haben, dass das Kind dort gut aufgehoben ist. Sie reden mit Freunden und anderen Eltern, recherchieren im Internet, schauen sich die Betreuung am Tag der offenen Tür an, um die passende zu finden.

Zwiespältige Gefühle

Wenn sie die "richtige" Kinderbetreuungseinrichtung oder Schule gefunden haben, dann macht sich bei Eltern und Bezugspersonen meistens Erleichterung breit.

Wenn es dann allerdings zum ersten Mal geschieht, dass Mama und Papa ihr Kind dort abgeben, dort allein lassen und weggehen, dann sind sie oftmals hin und hergerissen zwischen Freude und Stolz auf ihr Kind und Unsicherheit und Sorge.

Zum ersten Mal passieren viele Dinge, bei denen Kinder die Welt ohne ihre Eltern und engsten Bezugspersonen erleben. Sie sind auf sich gestellt und dürfen ihr Umfeld ohne direkten Schutz der Eltern erforschen.

Zum ersten Mal

Erstmals macht das Kind die Erfahrung, dass Mama und Papa weggehen und es allein zurücklassen. Dadurch hat es viele Möglichkeiten, sich eigenständig wahrzunehmen und Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen.

Zum ersten Mal erfährt das Kind, dass es andere Regeln gibt, andere Menschen und Dinge vorhanden sind und der Umgang mit diesen nicht direkt von den Eltern bestimmt wird. Es erlebt zum ersten Mal, dass die Bezugspersonen nach einer gewissen Zeit wiederkommen und an seinen Erlebnissen interessiert sind und danach fragen. Zum ersten Mal kann es von seinen neuen Erfahrungen erzählen.

Zum ersten Mal erleben die Eltern aber auch, dass das Kind anderen Einflüssen ausgesetzt ist. Dadurch beginnt es sich in Richtungen zu entwickeln, in die es sich vermutlich durch die alleinige Prägung des Elternhauses nicht entwickelt hätte. Oft hört man dann Aussagen wie "Seit sie im Kindergarten ist, spricht sie so, macht sie das!" oder "Das hat er in der Schule gehört!".

Machtverlust der Eltern

Der Einflussbereich der Eltern wird zum ersten Mal viel kleiner und das, was die Pädagogen sagen, für das Kind viel gewichtiger. Auch Freundschaften werden präsenter, und das Kind erlebt, wohl auch zum ersten Mal bewusster, dass es Unterschiede zwischen Menschen gibt und es nicht immer von allen gemocht wird.

Zum ersten Mal also wird der Einfluss, den Eltern auf ihr Kind haben, geringer. Sie erleiden sozusagen einen Machtverlust dadurch, dass sie ihr Kind von anderen Menschen fremdbetreuen lassen. Die Welt des Kindes dreht sich ab diesem ersten Mal nicht mehr nur um Mama und Papa.

Freunde werden zum ersten Mal von den Kindern selbst und nicht nur von den Eltern ausgesucht. So entscheidet der Umgang, den die Fremdbetreuungseinrichtung den Kindern bietet, mit welchen Kindern sich das eigene Kind umgeben will. Zum ersten Mal wird den Eltern vielleicht bewusst, dass sie mit der Entscheidung für eine Einrichtung auch die Entscheidung über Freunde und den Umgang der Kinder mitgetroffen haben.

Loslassen und festhalten

Vielen Eltern und Bezugspersonen wird auch klar, dass ab dem Zeitpunkt, in dem die Fremdbetreuung startet, sie es sind, die ihre Kinder einerseits langsam loslassen und andererseits noch viel mehr festhalten müssen, als sie es zuvor getan haben. Loslassen, weil sie ihrem Kind trauen können, dass es zeigen und sagen wird, wenn es dort nicht für den Nachwuchs passend ist.

Festhalten, weil mit der größeren Freiheit auch ein viel größeres Augenmerk darauf zu legen ist, wie es dem Kind geht, welche neuen Erfahrungen es macht, wo es Unterstützung braucht und wie Eltern und Bezugspersonen dem Kind helfen können, alles Neue zu verarbeiten.

Das ganze Leben lang wird es immer wieder ein erstes Mal geben. Später ist es die erste Schularbeit, die erste Übernachtung auswärts, die ersten Ferien ohne Eltern, die erste Liebe und auch der erste Liebeskummer.

Jedes erste Mal ist für alle Beteiligten eine Herausforderung, die mit Vorfreude aber auch mit Ängsten und Sorgen verbunden ist. Es ist immer eine Lernerfahrung, an der man wächst.

Ihre Erfahrung?

Wann und von wem wurden Ihre Kinder erstmals fremdbetreut? Wie schwer oder einfach war es für Sie, Ihr Kind von jemandem anderen betreuen zu lassen? Nach welchen Kriterien haben Sie die Betreuungseinrichtung ausgesucht? Posten Sie Ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 8.9.2017)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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