Heimische Grünfinken leiden unter Bakterienbefall

    8. September 2017, 11:00
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    Entzündungen setzen den Grünlingen massiv zu. Wiener Forscher suchen nun nach Merkmalen, um die Krankheiten eindeutig zu diagnostizieren

    Wien – Grünfinken oder Grünlinge sehen – grob gesprochen – aus wie gelbgrüne Spatzen und gehören zu den 15 häufigsten Singvogelarten Österreichs: Die Brutvogelerfassung durch den Verein Birdlife ergab im Jahr 2012 einen bundesweiten Bestand von rund 235.000 Brutpaaren. In den vergangenen fünf Jahren hat sich diese Zahl allerdings um mehr als die Hälfte verringert. Schuld daran dürften ein Bakterium und ein mikroskopisch kleiner Parasit sein, der die Art bevorzugt als Wirt benutzt.

    Bei dem Parasiten handelt es sich um Trichomonas gallinae, einen Einzeller, der sich im Wasser oder in feuchter Umgebung mithilfe einer Geißel bewegt und so in die Schnabelhöhle und den Kropf von Vögeln gelangt. Der Kropf ist eine Aussackung der Speiseröhre am Hals, die als Nahrungsspeicher und zum Vorquellen von eingespeichelter Nahrung dient. Dort nisten sich die Parasiten in der Schleimhaut ein, indem sie durch Mikroverletzungen in das Gewebe eindringen. Anschließend können sich Bakterien drauflegen, die die Entzündung noch weiter verstärken. Die Folge sind bis zu mehrere Millimeter große, knopfartige, gelbe Gebilde, die der Krankheit neben dem wissenschaftlichen Namen Trichomoniasis den deutschen Namen Gelber Knopf eingetragen haben.

    Abgesehen davon, dass eine solche Infektion mit erheblichen Schmerzen einhergehen dürfte, engen diese Beläge die Speiseröhre ein, sodass die befallenen Vögel nicht mehr schlucken können und oft auch Atemprobleme haben. Häufig würgen sie bereits aufgenommene Nahrung wieder aus, außerdem fliegen kranke Tiere nicht weg, wenn man sich ihnen nähert, und sitzen aufgeplustert herum, als sei ihnen kalt. Letztes ist vor allem deshalb auffällig, weil die Krankheit nur im Sommer auftritt, wenn die Vögel gewöhnlich keinen Grund haben, sich aufzuplustern. Mit Beginn der kalten Jahreszeit und mit dem Einsetzen tieferer Temperaturen verliert der Einzeller seine Fähigkeit, sich fortzupflanzen, und damit seine Gefährlichkeit für die Vögel.

    Salmonellen führen zu Entzündungen

    Umso erstaunter waren die Pathologen, als im Winter 2009/10 in Österreich zahlreiche tote Grünfinken auftraten, die ganz so aussahen, als seien sie an Trichomoniasis gestorben. Bei der Untersuchung der Vögel stellten René Brunthaler und seine Kollegen am Wiener Institut für Pathologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien denn auch einen ganz anderen Erreger fest, nämlich Salmonellen. "Die Bakterien führen bei den Grünfinken zu Entzündungen des Darmtraktes, also auch des Kropfes", wie Brunthaler erklärt. "Dabei entstehen ebenso knopfartige, gelblich-weißliche Beläge in der Schleimhaut. Das klinische Erscheinungsbild der kranken Vögel ist auch dem bei Trichomoniasis ähnlich, das heißt, sie fressen nicht, fliegen nicht weg und sehen allgemein krank aus."

    Ein so massives Auftreten von Salmonellen wie 2009/10 hat es seitdem zwar nicht mehr gegeben, aber "es gibt schon immer wieder Fälle", sagt Brunthaler. In seiner Doktorarbeit sucht er nun eindeutige diagnostische Merkmale, die es erlauben, die Ursachen von Kropfentzündungen bei Vögeln rasch und eindeutig zu bestimmen – auch ohne zu wissen, in welcher Jahreszeit sie krank wurden. Dazu werden die toten Vögel obduziert und ihre Organe, vor allem die Kropfschleimhaut, mithilfe mikrobiologischer Methoden untersucht.

    Übertragung an Vogeltränken

    Hotspots für beide Krankheitserreger sind Futterplätze und Vogeltränken. Trichomonaden sind im Wasser möglicherweise bis zu 24 Stunden lebens- und fortpflanzungsfähig, sodass sie leicht aus der Schnabelhöhle eines kranken Vogels über das Wasser in der Tränke zu einem anderen, bis dahin gesunden Vogel geraten können. Die Übertragung von Salmonellen erfolgt hingegen über den Kot erkrankter Tiere, was besonders leicht an klassischen Futterhäuschen passiert, bei denen die Vögel längere Zeit auf mit Nahrung bestreuten Plattformen verweilen, die sie dabei auch verkoten.

    Gemeinsam dürften Parasiten und Bakterien zumindest massive Mitschuld am rapiden Rückgang der Grünfinken haben. Warum es diese Vogelart viel massiver trifft als alle anderen, ist bislang ungeklärt. "Ihre Anfälligkeit könnte genetisch bedingt sein,", sagt Brun-thaler, "aber das wissen wir nicht. Wir hoffen, zumindest eine tragfähige Hypothese dafür zu finden."

    Keine Heilung für Wildvögel

    Und wie steht es um die Heilungschancen? "Wenn Wildvögel wie Grünfinken einmal befallen sind, kann man gar nichts machen", so der Vogelpathologe. "Für Vögel im Heimtierbereich gibt es Medikamente, die man ins Trinkwasser der Tiere gibt und mit denen man gute Chancen hat, sofern man die Krankheit früh genug erkennt. Das ist bei Wildtieren nicht möglich."

    Bleibt also nur, Futterplätze gründlich zu überwachen: Sobald kranke oder gar tote Vögel in der Nähe auftauchen, sollte die Fütterung sofort eingestellt, Futterreste sollten entfernt und Futtergeräte sowie Vogeltränken mit heißem Wasser gesäubert werden. Für den Menschen sind beide Krankheitserreger bei Einhaltung grundsätzlicher Hygienemaßnahmen wie Händewaschen ungefährlich. Auf die Fütterung im Sommer kann man übrigens ganz verzichten: In der warmen Jahreszeit ist der Tisch für die Vögel durch die Natur ausreichend gedeckt. (Susanne Strnadl, 8.9.2017)


    Birdlife Österreich ersucht, kranke oder tote Vögel unter office@birdlife.at oder 01/523 46 51 zu melden

    • Grünfinken zählen zu den 15 häufigsten Singvogelarten Österreichs – doch in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Population halbiert.
      foto: otto samwald

      Grünfinken zählen zu den 15 häufigsten Singvogelarten Österreichs – doch in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Population halbiert.

    • An Futterplätzen stecken sich Grünfinken besonders leicht mit Salmonellen an – über den Kot erkrankter Artgenossen.
      foto: harald tarnowiecki

      An Futterplätzen stecken sich Grünfinken besonders leicht mit Salmonellen an – über den Kot erkrankter Artgenossen.

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