Auf der Balkanroute zurück nach Griechenland

6. September 2017, 11:30
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Migranten, die es nicht nach Deutschland schaffen, kehren zurück. Eine Frau in Veles versorgt sie mit Essen und Kleidung

Zuerst sah sie sie, wie sie zwischen den Eisenbahnwagons auf der Kupplung stehend an ihr vorbeirauschten. Das war im Frühjahr 2015, als die Balkanroute noch geschlossen war und die Flüchtlinge nicht legal durch Mazedonien durchreisen konnten. "Sogar dafür, dass sie auf diesen Kupplungen stehen durften, mussten sie bezahlen", erzählt Lence Zdravkin. Wie kaum jemand hat sie die Flüchtlingskrise mitverfolgt und half tausenden Menschen. Auf Facebook wurde sie zum Star der Flüchtlinge.

Die zierliche Frau lebt direkt an der Eisenbahn in der zentralmazedonischen Stadt Veles. Ihre Hausbank ist vielleicht zwei Meter von den Schienen entfernt. Am Anfang gab sie den Flüchtlingen zu essen und zu trinken. Später richtete Lence Zdravkin ein Kleiderdepot ein. Auch heute kann man hier noch Schuhe, Jacken, Decken oder sogar ein Fahrrad bekommen. Frau Zdravkin versorgt zudem bedürftige Mazedonier, von denen es ebenfalls sehr viele gibt.

Erneut Flüchtlinge

Heute, eineinhalb Jahre nach der Schließung der mazedonisch-griechischen Grenze und der vollen Umsetzung der Dublin-Regelung, kommen erneut Flüchtlinge zu Frau Zdravkin. Allerdings aus der umgekehrten Richtung – nämlich aus Serbien. Sie waren zuvor monatelang in meist illegalen Camps. In Serbien leben seit der Schließung der Balkanroute tausende Migranten. Die meisten schaffen es aber nicht weiter nach Norden. "Deshalb gehen sie nun Richtung Griechenland zurück", so Zdravkin. Dort wollen sie um Asyl ansuchen, weil es sich um einen EU-Staat handelt. Auf der Rückreise kehren sie zum zweiten Mal in das Haus an den Geleisen zurück und essen mit Frau Zdravkin, die zur bekanntesten Anlaufstelle für Mitmenschlichkeit auf dem Balkan wurde.

In Serbien selbst suchen die wenigsten um Schutz an. Die Migranten waren ja aus Afghanistan aufgebrochen, um nach Deutschland zu kommen, als die Route noch offen war. Ein paar von ihnen schaffen es trotz der massiven Grenzkontrollen nach wie vor ans Ziel. Deshalb kommen auch heute noch einige wenige über die Balkanroute nach Österreich.

In Serbien haben im Vorjahr 574 Personen um Asyl angesucht – über 100 Anträge wurden abgelehnt, viele Verfahren sind noch anhängig. Der heutige serbische Präsident Aleksandar Vucic meinte vor einiger Zeit, dass Serbien kein "Parkplatz für Afghanen und Pakistaner sein könne, die andere Länder nicht sehen wollen".

Wasser aus dem verschmutzten Fluss

Zdravkin erzählt auch von Einzelfällen, die noch von Griechenland nach Mazedonien kommen. "Oft sind sie schwer krank und völlig erschöpft, weil sie Wasser aus dem verschmutzten Fluss Vardar getrunken haben", meint sie. Die Flüchtlinge müssten sich schließlich permanent verstecken. Frau Zdravkin versucht, sie gemeinsam mit befreundeten Helfern ärztlich zu versorgen.

Sie hat auch Kontakt zu manchen Angehörigen jener 14 Flüchtlinge, die im April 2015 in Veles von einem Zug überrollt und getötet wurden. Sie waren auf den Eisenbahnschienen gegangen, um sich zu verbergen. Zdravkin denkt an, dass manche der afghanischen Angehörigen einmal nach Veles reisen könnten, um die Gräber der Toten zu besuchen.(Adelheid Wölfl aus Veles, 6.9.2017)

  • Lence Zdravkin hat tausenden Flüchtlingen geholfen.
    foto: wölfl

    Lence Zdravkin hat tausenden Flüchtlingen geholfen.

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