Erik Haugsby: "Töpfern ist mit Beten vergleichbar"

    7. September 2017, 15:58
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    Von der Journalismusschule in Missouri ins Atelier nach Wien

    Noch vor wenigen Jahren krähte kaum ein Hahn nach Keramik. Mittlerweile sind Töpferwaren und Porzellan mit Handschrift heißbegehrt. Wir haben vier heimische Keramikkünstler in ihren Ateliers besucht und über Elefanten im Porzellanladen, Brad Pitt und den Zauber, der Keramik innewohnt, gesprochen.


    foto: nathan murrell

    Zur Töpferei bin ich auf Umwegen gekommen, ebenso nach Wien. Ich habe in Missouri Journalismus studiert, reiste dann nach Kathmandu, bin nach Bamberg übersiedelt und von dort nach Innsbruck, wo ich meine Freundin kennenlernte. Gemeinsam sind wir in Wien gelandet.

    Getöpfert habe ich zum ersten Mal im Rahmen eines Kurses am Ende meines Studiums. Das war 2010. Als ich in 2013 in Tirol landete, hatte ich noch drei von meinen Tassen aus Missouri dabei. Eines morgens habe ich aus einer getrunken und mir gedacht: "Das kannst du besser machen." Ich habe im Internet eine Töpferscheibe in St. Pölten aufgetrieben, und seither hat mich das Töpfern nicht mehr losgelassen. Mittlerweile habe ich ein Atelier im zweiten Wiener Bezirk, wo ich alles fertigen kann. Verkauft wird das meiste über meine Website, mittlerweile gibt es auch Stücke im Teehaus Schönbichler in der Wiener Innenstadt.

    Es gibt kein Zurück

    Keramik, Lehm, Ton, all das entspricht der Erde. Das Material ist älter als wir, und es wird noch da sein, wenn wir längst gegangen sind. Das ist doch faszinierend, oder? Und als Keramiker habe ich die Möglichkeit im Jetzt etwas mit diesem Element auszudrücken, das andauert. Weiters begeistert mich an der Arbeit, dass es nur eine Richtung gibt, und zwar nach vorn. Es gibt kein Zurück. Wenn ich Schriftsteller wäre, könnte ich Textstellen korrigieren oder löschen, auch ein Komponist oder ein Filmemacher kann im Nachhinein in seine Arbeit eingreifen. Einem Keramiker ist das nicht möglich.

    Oft kann ich erst nach einigen Wochen sagen, ob ein Objekt gut gelungen ist. Erst wenn ich eine Tasse benütze, berühre, aus ihr trinke, erfahre ich, ob sie das draufhat, was ich von ihr erwartet habe. Die Tasse und ich haben eine gemeinsame Geschichte, von der Idee, von der Drehscheibe bis hin zum gebrannten Objekt. Diese gemeinsame Geschichte fehlt dem Kunden. Er bekommt das fertige Objekt in die Hand. Deshalb muss ich genau prüfen, ob sie hält, was sie verspricht.

    Auch wenn es pathetisch klingt: Wenn ich an der Drehscheibe sitze, ist das mit Beten vergleichbar. Keramik hat eine Seele und eine Stimme, die zwar nicht wörtlich zu mir spricht, aber doch zu einem gewissen Teil zu einem Objekt beiträgt. Die Beschaffenheit der Seele und der Stimme hängt von der Mischung des Tons ab, mit der man arbeitet. Nie würde ich mit fixfertigem reinem Industrieton arbeiten. Der hat keine Stimme.

    Apropos arbeiten: Ich habe zwar einen Elektro-Ofen im Atelier, das ist im Prinzip ein Riesentoaster, liebe aber das Brennen mit Holz und träume von einem Ofen, der aus Steinen gebaut wird. In Japan gibt es Holzöfen aus Stein, die bis zu 70 Meter lang sind. In ihnen wird nur ein- bis zweimal im Jahr gebrannt, dafür fünf bis zehn Tage lang. Jede Minute muss neues Holz zugeführt werden. Unfassbar faszinierend.

    Wunderkammer

    Meine Tassen, Kannen und Vasen würde ich vom Stil her eher als rau bezeichnen. Betrachtet man meine Dinge, könnte man glauben, sie stammen direkt aus der Erde, gleich einem Grabfund. Meine Tassen sagen: "Wir haben irgendetwas überlebt, einen Prozess, die Hitze oder einfach nur Zeit." Die Tassen sind keine Prinzessinnen, eher Gladiatoren, aber ruhige, entlassene Gladiatoren. Aber unterm Strich gilt für meine Objekte, dass sie etwas zeigen sollen, ohne es beschreiben zu müssen.

    Man soll und kann an meinen Dingen immer wieder etwas Neues finden, etwas, das man vorher gar nicht gesehen hat. So wie wir uns verändern, verändert sich der Blick auf eine Tasse und auch die Berührung. Heute trinke ich von dieser Seite, morgen von der anderen. Es geht um ein Leben mit dem Objekt. So eine Tasse hat ja auch etwas sehr Intimes. Was führt man schon an seine Lippen? Die Lippen eines oder einer anderen, Essen, Besteck, und das war es schon.

    foto: haugsby
    Eric Haugsby: "Meine Tassen, Kannen und Vasen würde ich vom Stil her eher als rau bezeichnen."

    Ich denke, dass dieses Sinnliche einiges zu dem aktuellen Keramik-Hype beiträgt. Ich glaube, dass die Menschen genug von Einweggeschichten haben und mehr Beziehung zu den Dingen suchen. Auch die Analogfotografie ist wieder gefragt, Leute kaufen handgeschöpftes Papier etc. Menschen wollen Gegenstände, von denen sie wissen, dass Menschen sie gemacht haben, aber nicht irgendwelche Kinder in Südostasien.

    Wenn man mich fragt, was ich einem Anfänger des Töpferns raten würde, dann sage ich: "Überleg nicht, wie die Vase aussehen soll, die du machen willst, sondern frage dich, was du mit diesem Objekt sagen willst und ob dies das richtige Material für dich ist." Ich zum Beispiel arbeite mit Keramik, weil ich das, was ich ausdrücken will, nicht mit Wörtern oder Textilien sagen kann. Ganz einfach.

    Was mir durch den Kopf geht, wenn ein Stück zu Boden geht und zerbricht? Nun, ich sag mir: "So ist das Leben" und bin dankbar, dass ich eine Zeit mit dem Stück habe verbringen dürfen. Außerdem kann ich dann das Innenleben studieren und etwas daraus lernen. (Michael Hausenblas, RONDO, 8.9.2017)

    Das Atelier von Erik Haugsby befindet sich im 2. Bezirk. Seine Stücke kosten zwischen 45 und 200 Euro.

    Infos unter: erikhaugsby.com

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    foto: nathan murrell

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