Flüchtlinge und die Obsession für Sperrzonen

Kommentar der anderen4. September 2017, 16:14
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Das vermeintlich Eigene braucht das Fremde qua Definition zu seiner Selbstbestimmung. Dieses wird durch Identitätsmerkmale konstruiert, und daraus resultiert letztlich die Forderung an den Fremden: "Pass dich an! Sei wie wir!"

In wenigen Wochen ist es wieder so weit: Uns naht die Qual der Wahl. Was den kommenden Urnengang besonders qualvoll macht, ist die Tatsache, dass die Mehrheit der kandidierenden Parteien und Listen bloß mit zwei Ködern auf Stimmenfang geht: mit dem Wurm der Sicherheit und der immer noch lebendigen Larve der Identität. Während das Thema Sicherheit manifest die Debatten beherrscht und allerorten beschworen wird – und längst nicht mehr bloß vom rechten Rand des politischen Spektrums -, begegnet uns der Leitbegriff Identität mehr oder weniger dezent verborgen.

Auf der Vorderbühne jedoch wird das Problem der Integration und mangelnden Anpassungswilligkeit zum Besten gegeben.

Hinter der Angst vor unkontrollierten "Flüchtlingsströmen", der Unterwanderung heimischer "Leitkultur" durch Religionen und Sitten der "Anderen" steht der wiedererstarkte Wunsch nach dem Eigenen. Das Eigene, das Konstrukt des Identischen, gibt Halt, und gegenwärtig brüllt es immer lauter: "Halt!" Aufhalten, anhalten, abschieben alle, die nicht "zu uns" gehören. Ein sich ängstlich klammerndes "Wir" gegen die Unsicherheit und Unübersichtlichkeit postpatriarchaler Verhältnisse in Zeiten globaler Abhängigkeiten. Doch das vermeintlich Eigene braucht das Fremde qua Definition zu seiner Selbstbestimmung. Somit ist das Fremde immer schon im Eigenen strukturell enthalten.

Ein- und Ausschlüsse

In unsicheren Zeiten erscheint es dringend geboten, den politischen Obsessionen für Sperrzonen, Ein- und Ausschlüsse eine Ethik entgegenzustellen, die die Frage der Problematik des Fremden in anderer Weise stellt. Sie stellt sie als Suche nach dem eigenen Fremden, und es ist die Psychoanalyse, die diese Frage als ethische stellt.

Es ist heute vielleicht nur noch die Psychoanalyse, die ihre Patienten mit dieser Frage konfrontiert. Ihr Diskurs und ihre Praxis ermöglichen es, Räume zu öffnen, anstatt sie zu schließen. Sie lädt den Menschen ein, "alles" zu sagen, sein Intimstes zu befragen und daraus resultierende Konsequenzen auf sich zu nehmen. Psychoanalyse ist daher jener Ort, wo ein einmalig Eigenes erfahrbar wird, indem es spricht.

Dieses besondere Merkmal, das den einen Menschen in seinem Sein wesenhaft kennzeichnet, beruht auf der Artikulation sei-nes eigenen, ihm unbekannten Fremden. Der Psychoanalytiker, zu dem er spricht, ist einer, der ihm etwas von diesem Fremden (zurück)geben kann, indem er es hört. Dieses "eigene Fremde" ist absolut spezifisch, jeder teilt es bloß mit sich, als individuelles Schicksal. Der Analytiker hat die Aufgabe, dieses Fremde zu erkennen. Um dazu in der Lage zu sein, muss er von seinen persönlichen Identifizierungen und Wertungen größtmöglichen Abstand nehmen.

Im Gegensatz dazu ist die Grundbedingung jeglicher Segregationspolitik die Annahme eines vermeintlich kollektiven Eigenen und Identischen (Sprache, Herkunft, Religion, Geschlecht, Werte etc.). Die Benennung konkreter Unterschiede gegenüber dem Anderen ist ihre Bedingung. Gelingt diese Konstruktion kollektiver Identitätsmerkmale, ist der nächste Schritt, an sie zu glauben. Daraus resultiert letztlich dann die Forderung an den Fremden: "Pass dich an! Sei wie wir!"

Logik der Segregation

Diese Logik der Segregation steht im Widerspruch zu jener der Menschenrechte. Ihre Deklaration – alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren – kennzeichnet ein maximaler Minimalismus, der ihre allgemeine Gültigkeit erst fundiert. Dieser Universalismus fragt nicht nach Eigenschaften und spezifischen Qualitäten, einzig das Faktum der Geburt zählt, um in den Status eins Rechtssubjekts zu gelangen. Gegenwärtige Politik aber betreibt genau das Gegenteil: Sie betont kulturelle Merkmale und Unterschiede als Qualitäten. Entgegen einer Arbeit an der Begegnung des eigenen Fremden forciert sie die Segregation des Anderen als Fremden. Eine solche Politik trägt heute wieder die beunruhigenden Zeichen einer Politik des Lagers: Einschlüsse in territoriale Zonen, Selektion nach Herkunft und vermeintlicher Gesinnung ("Wirtschaftsflüchtling"), Ausschlüsse aus den Zonen der Menschenrechte (z. B. Zugangsrechte am Arbeitsmarkt).

All jenen, denen ihr "symbolischer Körper" durch die Aberkennung ihrer Namen, ihrer Sprache und Rechte genommen wird, bleibt nur noch ihr nacktes – rechtloses – Leben. Es ist ein vom Anderen bloß geduldetes Leben. Einer solchen sich gegenwärtig immer stärker etablierenden Politik ist entschieden entgegenzutreten, denn das mir äußerlich Fremde und Irritierende ist Teil meines intimsten Eigenen. Davon eine Ahnung zu bekommen heißt letztlich, sich weniger zu identifizieren, uns weniger "identisch zu machen". (Christian Kohner-Kahler, 4.9.2017)

Christian Kohner-Kahler arbeitet als Psychoanalytiker und Bewährungshelfer in Wien. Er ist Mitglied im Neuen Lacan'schen Feld Österreich. Am kommenden Samstag findet zum Thema im Ankersaal der Brotfabrik ein Forum mit dem Titel "Die Angst vor dem Fremden – Aussonderung oder Diskurs" statt. Ab 18 Uhr in der Absberggasse 27 in Wien-Favoriten.

  • Wasserwerfer vor: Die Polizei löste vor einigen Tagen ein Camp illegaler Einwanderer in Rom auf.
    foto: ap/angelo carconi/ansa

    Wasserwerfer vor: Die Polizei löste vor einigen Tagen ein Camp illegaler Einwanderer in Rom auf.

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