Henry Fonda: Ein Star, der das Publikum zur Rede stellte

    Video5. September 2017, 07:00
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    Mit "Henry Fonda for President" würdigt das Filmmuseum einen Großen des US-Kinos. Ein guter Titel, denn Fonda verkörperte Tugenden wie Vernunft und Besonnenheit, die heute wie vergessen scheinen

    Wien – Eigentlich ist es die Physis, die Ausstrahlung, mit der man sich einen Schauspieler in Erinnerung ruft. Bei Henry Fonda, dem großen Moralisten unter den US-Schauspielern, verhält es sich anders. Hier drängen sich eher Tugenden in den Vordergrund: Integrität, Gemeinschaftssinn, Verantwortungsbewusstsein. Fondas mehr als 100 Rollen ergeben den idealen Amerikaner, einen demokratischen Prototyp, der in den 1940er- und 1950er-Jahren wie ein Nationalheiligtum verehrt wurde.

    Und doch gibt es diese eine Szene, die sich in unser Gedächtnis eingebrannt hat, brutal und opernhaft von Sergio Leone inszeniert: mörderische Hitze, eine abgelegene Farm, bedrohliche Gestalten. Die Kamera springt von der Totalen in die Nahaufnahme eines Gesichts. Es ist unrasiert und verschwitzt. Eiskalt blicken die stahlblauen Augen. Er fixiert einen rothaarigen Buben, der schaut wie erstarrt zurück. Der Mann spuckt auf den Boden, zieht seine Pistole. Noch einmal sieht man das Gesicht des Kleinen, dann blickt auch der Zuschauer in den Pistolenlauf.

    Die Rolle des grausamen, frauenverachtenden Auftragskillers Frank in Spiel mir das Lied von Tod (1968) sollte atypisch für Henry Fonda bleiben, im Rückblick hebt sie die Makellosigkeit seiner anderen Figuren sogar hervor. Vielleicht braucht es das leicht sadistische Grinsen, die Brutalität, mit der er über die von Claudia Cardinale gespielte Siedlerin herfällt, als Folie, vor der sein ansonsten zurückgenommenes Spiel wahrgenommen werden kann.

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    Immer wieder hat Fonda in seiner langen Karriere Westerner gespielt, ohne sie "bigger than life" werden zu lassen oder zum Mythos zu verklären. Wenn seine lange Gestalt mit dem markanten Profil und den hohen Wangenknochen durch die Prärie reitet, haftet ihr wenig Cowboyhaftes an, eher etwas Ritterliches.

    Fonda spielt leise Helden, die, ohne viel Aufhebens zu machen, in den Westen ziehen und wie selbstverständlich Gemeinschaft stiften wollen. Wenn er in My Darling Clementine als Wyatt Earp den Ort Tombstone erreicht, sucht er zunächst einmal den Friseur auf, lässt sich rasieren und parfümieren. Erst jetzt scheint er eins zu sein mit seinem Antlitz im Spiegel. Kurz danach trägt er den Stern des Marschalls. Fonda präsentiert Wyatt Earp als Mann mit Vision, der einen gesetzlosen Ort in eine zivile Gesellschaft verwandeln möchte. Nicht mit der Knarre, sondern als Mann der Worte.

    Mit innerem Seufzen

    John Ford übernimmt die besonnene Gangart seines Helden, gibt ihm Raum, sein inneres Gleichgewicht nach außen zu kehren. Minutenlang sieht man Fonda auf der Veranda sitzen, auf einem Stuhl balancierend. In der schönsten Szene darf er unter dem Sternenbanner aus der Reihe tanzen. Mit Clementine, der von dem Trinker Holliday verschmähten Krankenschwester, steht er vor der Tanzfläche. Man meint, sein inneres Seufzen zu spüren. Er weiß, sie möchte tanzen. Schließlich gibt er sich einen Ruck: Schlaksig und dennoch mit Grandezza gibt er waghalsige Schrittfolgen zum Besten.

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    Der entspannte Wyatt Earp, der umsichtige Desperado Frank James in Henry Kings Jesse James oder der von der Sehnsucht nach einem besseren Leben getriebene Landarbeiter in John Fords Früchte des Zorns – sorgfältig suchte Henry Fonda gerade in seinen Anfängen die Rollen aus. Sein Bedürfnis, Entrechtete, Einzelkämpfer, Männer des Volkes zu spielen, könnte auf ein autobiografisches Erlebnis zurückzuführen sein. Als Vierzehnjähriger erlebte er, wie der weiße Mob einen Schwarzen an einem Laternenmast aufhängte und mit Kugeln zerfetzte.

    Seine Wut, seinen Abscheu vor Rassismus und Intoleranz sublimierte er auf der Leinwand. Auch in Sidney Lumets 12 Angry Men (1957), dem einzigen Film, den er selber produzierte. Wenn Fonda in diesem Gerichtsdrama argumentiert, scheinen seine kluge Monologe an unser aller Gerechtigkeitssinn und Demokratieverständnis zu appellieren.

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    Im ganz buchstäblichen Sinne war Henry Fonda ein ansprechender Schauspieler, weil er auch das Publikum zur Rede stellte. So ist es sicher kein Zufall, dass er gleich zweimal den US-Präsidenten gab. In John Fords Young Mr. Lincoln (1939) porträtiert er ihn als feinsinnigen Junganwalt mit politischen Ambitionen. 25 Jahre später ist in Sidney Lumets Angriffsziel Moskau jeglicher Optimismus aus den Zügen seines Präsidenten gewichen, wenn er in einen nuklearen Krieg verwickelt wird. Aus Gerechtigkeitssinn und als Friedensangebot lässt er nach der Vernichtung Moskaus auch New York von einer Atombombe des US-Militärs zerstören. Das konnte man wirklich nur Henry Fonda durchgehen lassen. (Anke Leweke, 5.9.2017)

    Filmmuseum, bis 11.10.

    • Sein erster Weg führt zum Friseur, danach sorgt er für Gerechtigkeit: Henry Fonda als Wyatt Earp in John Fords "My Darling Clementine".
      foto: filmmuseum

      Sein erster Weg führt zum Friseur, danach sorgt er für Gerechtigkeit: Henry Fonda als Wyatt Earp in John Fords "My Darling Clementine".


    • Fonda in Fritz Langs "You Only Live Once" (1937).
      foto: filmmuseum

      Fonda in Fritz Langs "You Only Live Once" (1937).

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