Zwei Kaiserinnen: Merkel und Maria Theresia

Kommentar der anderen4. September 2017, 07:33
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Es war die Verbesserung ihrer physischen Verfassung durch medizinischen Fortschritt, die Frauen im 20. Jahrhundert ermutigt hat, für ihre politischen und sozialen Rechte zu kämpfen

Angela Merkel ist französischen Medien zufolge die "Kaiserin" von Europa. Sicherlich in einem Europa bar absolutistischer und autoritärer Tendenzen, aber in dem sie ein Projekt verkörpert. Ihre kürzlichen Aussagen gegenüber der taz würden durchaus auch ihrem französischen Alliierten Emmanuel Macron gefallen: der Globalisierung ein menschliches Antlitz verleihen.

Zwei Bücher

Es ist interessant, diese beiden großen Figuren weiblicher Macht, Maria Theresia und Angela Merkel, gegenüberzustellen. Der Erfolg der Biografie über Maria Theresia aus der Feder der deutschen Historikerin Barbara Stollberg-Rillinger wie auch die Aufmerksamkeit, die die französische Philosophin Élisabeth Badinter mit ihrem Essay Le pouvoir au féminin (auf Deutsch bei Zsolnay: "Die Frau an der Macht") erregt hat, erklären sich nicht nur mit dem 300. Geburtstag der Österreicherin, sondern wohl auch mit der Statur, die Merkel in Europa erreicht hat. Ohne Angela würde uns Maria Theresia weniger ansprechen.

Maria Theresia, die 16 Kinder geboren hat, war für viele ihrer Untertanen eine schützende Mutter. Angela Merkel, kinderlos, wird oft – aber kaum in Griechenland! – als wohlwollende Autorität, die behutsam die EU führt, betrachtet. Nennt man sie nicht auch "Mutti"?

Tragische Schicksale

Die Briefe Maria Theresias zeigen uns paradoxerweise, wie sehr sie sich vor jeder Geburt gefürchtet hat. Die Schlachten ihrer Armeen, der Verlust ganzer Provinzen an gegnerische Mächte ließen sie im Vergleich fast kalt. Diese instinktive Angst, verstärkt durch tragische Schicksale in ihrer Familie – wie das ihrer Schwester Maria Anna, die nach schrecklichem Leiden an einer Infektion im Zuge einer Geburt gestorben war -, ist im Zentrum der Lage der Frauen jener Zeit.

Briefe von Frauen der Aristokratie aus dieser Zeit zeugen davon. Manche sprechen, wie Badinter bei ihrer Buchpräsentation im Mai in der Buchhandlung Hartlieb in Wien meinte, "nur davon". Sie zeigen sich besorgt, ob eine Frau in ihrer Bekanntschaft die Geburt überstehen kann, danken Gott, wenn es gutgegangen ist, zeigen Mitgefühl, wenn es nicht der Fall war, immer in der Sorge, dass einer selbst das passieren könnte. Die Korrespondenz Maria Theresias ist voll von ihrer Angst vor den Risiken der Geburt, Angst um ihre schwangeren Töchter und Schwiegertöchter. Gebären ist für sie, wie die Prinzessin Palatine, die deutsche Schwägerin Ludwigs des XIV., schrieb, "ein grausamer Beruf".

Wir wissen nicht, was die Frauen des Volkes damals dachten. Aber die Folkloren unterschiedlichster Kulturen zeugen von der Allgegenwärtigkeit dieser Angst: Ob Königin oder Bäuerin, keine entkam ihr.

Denn, wie Badinter erinnert, waren im 18. Jahrhundert die Geburten die "Kriege der Frauen": Sie bleiben gesund, verkrüppelt oder überleben es nicht, genauso wie die Männer, die in den Kampf ziehen. Die Muttersterblichkeit erreichte damals in Frankreich elf bis zwölf Sterbefälle auf 1000 Geburten. Sie ist heute weltweit hundertmal geringer, und natürlich noch geringer in den industriellen Ländern. Um die "Verkrüppelten" zu sehen – die an durch Geburten verursachten Fisteln leiden, früher so zahlreich, dass im 19. Jahrhundert in New York ein Krankenhaus dafür gegründet wurde -, muss man heute nach Schwarzafrika oder Afghanistan gehen.

Fremde Angst

Nichts ist uns fremder geworden wie diese Angst, die die Frauen während eines guten Teils der Menschheitsgeschichte dominiert hat. Die Revolution der Medizin hat uns dies vergessen lassen. Der kanadische Historiker Edward Shorter hat es in einem Buch verarbeitet, A History of Women's Bodies (1987 bei Piper als "Der weibliche Körper als Schicksal" erschienen). Es wurde damals nicht gut aufgenommen, zumal es dem von den meisten feministischen Bewegungen beförderten Bild der natürlichen wie triumphierenden Weiblichkeit widersprach.

Übler Geruch

Die abstoßenden Einzelheiten dieses Spezialisten des 18. Jahrhunderts über den Geruch der Frauen während ihrer Menstruation – sie hatten, wie heute Hunderte Millionen von Frauen in Indien und Afrika, nur Fetzen als Binden – oder über die Metallhaken, die zum "Werkzeug" von Hebammen gehörten, sollte im Ernstfall das Kind in Stücken extrahiert werden, zeichnen freilich ein anderes Bild als diese idyllische Vision.

Für Shorter waren die Frauen in der Tat sehr lange das "schwache Geschlecht", erniedrigt und belastet von Frauenkrankheiten. "Das Weib, ein krankes und zwölfmal unreines Kind!", hat noch der romantische Poet Alfred de Vigny geschrieben. Gewisse Wissenschafter haben damals sogar ernst gemeint, dass eine Frau nicht 100 Meter laufen könnte, ohne tot umzufallen. Es war die Verbesserung ihrer physischen Verfassung (dank medizinischen Fortschritts), die sie im 20. Jahrhundert ermutigt hat, für ihre politischen und sozialen Rechte zu kämpfen.

Moralische Autorität

Man kann sich die Kluft, die Maria Theresia von Angela Merkel trennt, vorstellen: Erstere, wohl die mächtigste Frau ihrer Zeit, zitterte vor jeder Geburt. Letztere brauchte nicht zu gebären, um eine mütterliche Aura zu erreichen, die auf politischer und moralischer Autorität fußt. Diese beiden "Kaiserinnen" zeigen uns, wie sehr sich die Lage der Frauen in Europa gewandelt hat. (Joëlle Stolz, 3.9.2017)

Joëlle Stolz schreibt für die französische Tageszeitung "Le Monde". Sie war lange Jahre Korrespondentin des Blattes in Wien.

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    foto: apa/sarah kvech
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