Nach Nordkoreas Wasserstoffbombentest: Trump erwägt Angriff mit Atomwaffen

    4. September 2017, 05:08
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    Zwei kräftige Erdstöße im Nordosten des Landes gemessen – Trump über Militärangriff: "Wir werden sehen"

    Pjöngjang/Washington – Nach dem bisher gewaltigsten Atomwaffentest Nordkoreas spitzt sich der Konflikt erneut gefährlich zu: US-Präsident Donald Trump verwies explizit auch auf die Atomwaffen seines Landes, um die USA und ihre Verbündeten gegen jegliche Bedrohung aus Nordkorea zu verteidigen. Südkorea hielt eine eigene Raketenübung ab, bei der ein Angriff auf Nordkorea simuliert wurde.

    Nordkorea hatte die Weltgemeinschaft am Sonntag mit einem erneuten Atomwaffentest schockiert, das nordkoreanische Staatsfernsehen meldete die "erfolgreiche" Zündung einer Wasserstoffbombe von "beispielloser Kraft". Wasserstoffbomben sind Nuklearwaffen, mit denen sich weit stärkere Explosionen erzeugen lassen als mit herkömmlichen Atombomben.

    Laut nordkoreanischen Angaben können Interkontinentalraketen mit der Wasserstoffbombe bestückt werden – damit könnten auch die USA erreicht werden. Der mittlerweile sechste Atomversuch Nordkoreas löste ein Beben der Stärke 6,3 aus, die Sprengwirkung des Tests übertraf laut Expertenangaben die der Atombombe von Hiroshima.

    Trump erwägt Militärangriff

    Trump erklärte die "Besänftigungspolitik" gegenüber Nordkorea daraufhin für gescheitert. Auf die Frage eines Reporters, ob er einen Militärangriff auf Nordkorea plane, sagte Trump am Sonntag: "Wir werden sehen." Später telefonierte er mit dem japanischen Regierungschef Shinzo Abe und sagte ihm laut Weißem Haus erneut zu, dass die USA ihr eigenes Gebiet sowie ihre Verbündeten verteidigen würden, wobei "die volle Bandbreite der diplomatischen, konventionellen und nuklearen Möglichkeiten eingesetzt" würde. Beide Seiten verurteilten die ständigen "Provokationen" Nordkoreas.

    Japan und die USA wollen gemeinsam "maximalen" Druck auf das Land ausüben, verständigten sich auch der japanische Außenminister Taro Kono und sein US-Kollege Rex Tillerson in einem Telefongespräch am Montag.

    Scharfe internationale Kritik

    Der sechste Atomversuch Nordkoreas seit 2006 löste weltweit scharfe Kritik aus. Der UN-Sicherheitsrat tritt am Montag Nachmittag zu einer Sondersitzung zusammen, um über eine Reaktion auf den jüngsten nordkoreanischen Atomtest zu beraten.

    Verteidigungsminister Jim Mattis erklärte, jede Bedrohung der USA "oder ihrer Territorien, einschließlich Guam, oder ihrer Verbündeten" werde "eine massive militärische Antwort" nach sich ziehen, eine sowohl effektive als auch überwältigende Antwort".

    Der Konflikt mit Nordkorea heizt sich seit Monaten auf. Am Dienstag hatte Nordkorea erneut eine Mittelstreckenrakete getestet. Die Rakete flog über den Norden Japans hinweg. Seither wird bereits über neue Sanktionen diskutiert. Peking spielt eine wichtige Rolle, weil rund 90 Prozent des Handels mit dem isolierten Land über China laufen.

    USA erwägen Handelsstopp

    Zudem erwägen die USA auch einen Handelsstopp mit allen Ländern, die noch Geschäfte mit Nordkorea betreiben. Auf Twitter bezeichnete Trump Nordkorea als "Schurkenstaat", der eine Bedrohung für die USA darstelle und bei dem eine "Sprache der Beschwichtigung" nicht funktioniere.

    Das nordkoreanische Atomwaffeninstitut sprach von einem "perfekten Erfolg". Der Test sei erfolgreich verlaufen, verkündete eine Sprecherin am Sonntag mit feierlicher Stimme im Staatsfernsehen. Mit der Bombe könne eine neue Interkontinentalrakete (ICBM) bestückt werden. Die USA verfolgen die Entwicklung der Atomsprengköpfe und der Interkontinentalraketen mit besonderer Sorge, weil sie einen Schlag gegen US-Territorium befürchten.

    Brics-Gipfel am Montag

    Der Atomtest ist aber auch ein Affront für die direkten Nachbarn China und Russland. Er erfolgte unmittelbar vor dem Gipfel der Brics-Staaten in der chinesischen Hafenstadt Xiamen, wo die Staats- und Regierungschefs von China, Russland, Indien, Brasilien und Südafrika am Montag zusammenkommen.

    Im Anschluss an die unmittelbar nach der Ankunft von Russlands Präsident Wladimir Putin angesetzten Gespräche forderten dieser und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, "angemessen" mit dem Atomtest umzugehen. Beide bekräftigten das Ziel einer koreanischen Halbinsel ohne Atomwaffen und die Absicht, ihr Vorgehen zu koordinieren.

    Kritik aus Peking, Russland und der EU

    Die Warnungen vonseiten beider Staaten waren deutlich: Das Pekinger Außenministerium äußerte "entschiedenen Widerstand". Nordkorea solle aufhören, "falsche Aktionen zu unternehmen, die die Situation verschlimmern". Russland warnte Nordkorea vor schwerwiegenden Folgen. "Unter diesen Bedingungen ist es unerlässlich, Ruhe zu bewahren und jegliche Handlungen zu unterlassen, die zu einer weiteren Eskalation der Spannungen führen." Es gebe keine Alternative zu Verhandlungen.

    Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron verurteilten den neuen Atomtest "aufs Schärfste". Beide seien sich bei einem Telefonat darin einig gewesen, "dass Nordkorea das internationale Recht mit Füßen tritt und dass daher die Staatengemeinschaft auf diese erneute Eskalation geschlossen und entschieden reagieren muss", teilte das deutsche Bundespresseamt mit.

    Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) erklärte als amtierender OSZE-Vorsitzender, Nordkorea müsse aufhören, seine Fähigkeiten im Bereich Raketen und Atomkapazitäten zu erweitern; es müsse an den Verhandlungstisch zurückkehren.

    Uno verurteilt Test

    Uno-Generalsekretär Antonio Guterres sprach von einer "weiteren schwerwiegenden Verletzung" internationaler Abkommen. EU-Ratspräsident Donald Tusk drohte Nordkorea mit einer Verschärfung der Sanktionen. Der Atomwaffentest zwinge die internationale Gemeinschaft zu einer raschen und entschlossenen Reaktion: "Die Risiken werden zu groß."

    Südkorea und Japan verurteilten den Test. Ministerpräsident Shinzo Abe nannte ihn absolut inakzeptabel. Südkoreas Regierung sprach von einer "rücksichtslosen Provokation" und forderte härtere Sanktionen, um Nordkorea komplett zu isolieren. In einem Telefongespräch hatte sich Präsident Moon Jae-in mit Trump schon am Freitag auf einen Ausbau der Verteidigungsfähigkeit Südkoreas geeinigt. Die USA haben in Südkorea 28.500 Soldaten als Abschreckung stationiert und das Land unter ihren "atomaren Schutzschild" gesetzt.

    Taiwans Präsident Tsai Ing-wen rief den Nationalen Sicherheitsrat zu einer Krisensitzung zusammen. Taipeh ist nur 1.600 Kilometer von Pjöngjang entfernt.

    Gewaltige Sprengkraft

    Der Atomtest war der bisher stärkste Nordkoreas. Erste Hinweise gab ein Erdbeben der Stärke 6,3 in der Provinz Nord-Hamgyong im Nordosten, wo auch schon frühere unterirdische Nuklearversuche unternommen worden waren. Das Beben war in Südkorea und in Nordostchina spürbar.

    Chinas Erdbebenamt meldete ein zweites Erdbeben der Stärke 4,6. Es seien wohl Hohlräume im Versuchsstollen zusammengebrochen. Chinas Umweltbehörden konnten keine auffällige radioaktive Strahlung in den Grenzprovinzen messen. Das norwegische seismologische Institut Norsar vermeldete am Sonntag eine Erdbebenstärke von 5,8 in der Region.

    Die Sprengkraft war um ein Vielfaches stärker als bei den letzten Tests, die bei 15 bis 25 Kilotonnen lagen. Nach eigenen Messungen geht die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) von "wenigen hundert Kilotonnen" aus. Die Atombombe, die im Zweiten Weltkrieg von den USA über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen worden war, hatte eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen TNT.

    Zweifel an Nordkoreas Angaben

    Schon bei dem letzten Atomversuch im Jänner vergangenen Jahres hatte Nordkorea von einem Wasserstoffbombentest gesprochen. Experten hatten allerdings die Angaben bezweifelt. Unmittelbar vor dem neuen Test am Sonntag gab Kim Jong-un bei einem Besuch im staatlichen Atomwaffeninstitut vor, jetzt auch eine Wasserstoffbombe zu besitzen, die auf eine Interkontinentalrakete montiert werden könne.

    Das Institut habe damit den Vorgaben der herrschenden Arbeiterpartei entsprochen, einen Durchbruch bei der atomaren Bewaffnung zu erzielen, berichteten Staatsmedien. Der Fortschritt basiere auf dem Erfolg, der mit dem ersten Wasserstoffbombentest im Jänner 2016 erzielt worden sei. Die Angaben ließen sich nicht überprüfen.

    Das diplomatisch isolierte Nordkorea hat den USA und Südkorea schon mehrfach mit einem präventiven Atomschlag gedroht. Dabei wurde auch die US-Pazifik-Insel Guam ins Visier genommen, wo die USA einen großen Militärstützpunkt unterhalten. Bisher wurde angezweifelt, dass Nordkorea bereits über die Technologie verfügt, einen Sprengkopf so zu verkleinern, dass er auf eine Rakete passt. Auch sei fraglich, ob ein solcher Sprengkopf den Wiedereintritt der Rakete in die Erdatmosphäre übersteht. (APA, dpa, 3.9.2017)

    • Der Leiter der japanischen meterologischen Zentrale,  Toshiyuki Matsumori, präsentiert bei einer Pressekonferenz eine Grafik der seismischen Aktivität, die durch die Explosion in Nordkorea ausgelöst worden sein soll.
      foto: afp photo / kazuhiro nogi

      Der Leiter der japanischen meterologischen Zentrale, Toshiyuki Matsumori, präsentiert bei einer Pressekonferenz eine Grafik der seismischen Aktivität, die durch die Explosion in Nordkorea ausgelöst worden sein soll.

    • Zuvor hatte Nordkoreas Führer Kim Jong-un den Sprengkopf einer fertig entwickelten Wasserstoffbombe präsentiert.
      foto: korean central news agency/korea news service via ap

      Zuvor hatte Nordkoreas Führer Kim Jong-un den Sprengkopf einer fertig entwickelten Wasserstoffbombe präsentiert.

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    • Von der "Discokugel" im März 2016 zu einer angeblichen Wasserstoffbombe: Nordkoreas Nuklearforschung macht Fortschritte
      foto: apa/afp/kcna via kns/str

      Von der "Discokugel" im März 2016 zu einer angeblichen Wasserstoffbombe: Nordkoreas Nuklearforschung macht Fortschritte

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