Das Opferfest und die Heuchelei im Land der "Fleischtiger"

    Userkommentar4. September 2017, 10:09
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    Gedanken zum traditionellen islamischen Opferfest Kurban Bayrami

    Am 1. September feierten Muslime ihr höchstes Fest, es ist so wichtig wie den Christen das Weihnachtsfest. Ich blättere die Tageszeitung durch. Mit keiner Silbe wird das Fest erwähnt. Traditionell verbunden ist das Kurbanfest mit dem Schächten von Tieren.

    Für mich ist der Islam Teil von Österreich. 700.000 Muslime leben hier. Der Dialog und auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen Riten sind mir wichtig. Im Religionsunterricht werde ich als Lehrer immer wieder mit der Frage konfrontiert, warum Religionen wie der Islam immer noch mit Tieropfer in Verbindung gebracht werden. Islamfeinde benützen die Opferrituale, um darauf ihre islamophoben Stimmungen zu bauen. Als Vegetarier habe ich eine besondere Empathie für Tiere entwickelt. Deswegen meine mehrfache Aufmerksamkeit für dieses Fest: als jemand, der den Islam positiv sieht, als Religionslehrer und als Vegetarier.

    Gottesbegegnung ist Ausstieg aus Opfergesinnung

    Ich schätze den Glauben der Muslime. Auch das Opferfest zeigt zunächst positiv auf, wie wir als Christen und Muslime im Glauben verbunden sind. Es erinnert im Kern an unsere Erzeltern Abraham und Sarah und damit an die Geschichten, die damit verknüpft sind: Ein Nomadenvolk, das in seiner Suche nach einer neuen Heimat auf Gott vertraute und erfuhr, dass das Göttliche mit Gastfreundschaft den Fremden gegenüber verbunden ist.

    Die Geschichte ist vor allem auch verbunden mit einer Abkehr von jedwedem Menschenopfer. Isaak soll leben. Würde der tiefste Kern in dieser Ursprungsgeschichte von Judentum, Christentum und Islam gelebt werden, dann gäbe es keinen Krieg mehr, müssten keine Menschenopfer im vermeintlichen Dienst für ein Vaterland mehr stattfinden, würde kein irregeleiteter Terrorist sich als Märtyrer selbst aufopfern. Dieser Gedanke ist am 1. September wichtig, an dem nicht nur das Opferfest gefeiert wird, sondern auch der Weltfriedenstag.

    Land der "Fleischtiger"

    "Fast 100 Kilo pro Jahr: Österreich als Fleischtiger", lautet just am Kurban- und Weltfriedenstag eine Schlagzeile. Eine Supermarktkette bietet Schweinefleisch als Lockangebot zu einem Sonderpreis an. Ich lebe im Speckparadies Tirol, und die Jagdfreundschaft zwischen Handl und Platter ist legendär.

    Vor allem aber schert sich der durchschnittliche Fleischkonsument hierzulande nicht darum, welche Qualen das durchschnittliche Schwein durchgemacht hat, um dann hierzulande als Speck verarbeitet oder als Schnitzel paniert zu werden. Wer am Tag des Opferfests islamische Schlachtriten kritisiert und selbst aber herzhaft und mit Genuss seine Schweinswurst isst, trägt in sich zumindest eine Spur Heuchelei. Tierschutz hätte auch Konsequenzen im eigenen Essverhalten.

    Vom Schächten und Schlachten

    Laut traditioneller Lehre im Islam ist es notwendig, dass die Tiere allesamt durch Ausbluten sterben, egal ob "geschächtet" oder "geschlachtet". Den Tieren wird dazu meist der Hals aufgestochen oder aufgeschnitten, je nach Schlachtart einmal längs oder einmal quer.

    Auch Martin Lintner geht in seinem jüngst veröffentlichten Buch "Der Mensch und das liebe Vieh" auf das Thema Schächten ein und erkennt darin tierethisch positive Aspekte. So würde durch das Ausbluten symbolisiert, dass ein Tier nicht "bis zum letzten Blutstropfen" ausgebeutet werden dürfe. Durch die Art und Weise des aufmerksamen Schlachtens würde dem Tier die ganze Aufmerksamkeit geschenkt, und es würde auch noch sichtbar, das prinzipiell auch das Töten von Tieren eine sakrale Dimension habe und nicht leichtfertig geschehen sollte. Das Urteil des Moraltheologen aus Brixen lautet: "Wird eine Schächtung gemäß den strengen Vorschriften durchgeführt, braucht sie den Vergleich zur automatisierten Tötung von Tieren in Schlachthäusern kaum zu scheuen."

    Das heimische Tierschutzgesetz gibt eindeutig vor, dass vor der Schlachtung jedenfalls eine Betäubung stattfinden muss. Ich gehe zumindest davon aus, dass in unserem Land keine Tiere geschächtet werden, ohne dass sie vorher betäubt wurden. Veterinärmediziner haben genügend oft festgestellt, welche Qualen ein betäubungsloses Schächten mit sich bringt. Details will ich hier keine nennen. Sie sind zu grausam.

    Sind Tieropfer unverzichtbar für den Islam?

    Als Nichtmuslim kann und darf ich diese Frage nicht beantworten. Ich stelle fest, dass die Mehrheit der Muslime mit Berufung auf den Koran und die Sunna das Tieropfer als unverzichtbaren Teil ihrer Religion sehen. Bestimmte Verse aus dem Koran werden wortwörtlich ausgelegt und angewandt. Das Opfern und das Schlachten eines Weidetiers an den Tagen des Opferfests soll geschehen, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Dies wird als Anbetungshandlung und Pflicht interpretiert. "So bete zu deinem Herrn und opfere!" (Sure 108:2) Rund um dieses Opfer werden eine Fülle an weiteren Verpflichtungen erlassen, sowohl was die Auswahl der Tiere anlangt, die Schlachtung selbst sowie die Vorbereitung für die Muslime. Deswegen werden am Tag des Opferfests in der islamischen Welt hunderttausende Tiere rituell geschlachtet und in Gemeinschaft verzehrt.

    Auf der anderen Seite hofft meine tierliebende Seele, dass es innerhalb des Islam auch eine andere Richtung gibt, eine Art "öko-islamische Bewegung". Tatsächlich höre und lese ich von liberalen Muslimen, die diesen Tag nützen, um sich auf den Kern der Geschichte von Abraham, Sarah und Isaak einzulassen. Hier geht es doch darum, dem Willen Gottes zu folgen, was bedeutet, Menschen und Tieren und der gesamten Umwelt Wertschätzung entgegenzubringen. Statt Geld für einen Hammel auszugeben, kann es für Notleidende gespendet werden. Statt ein Schlachttier zu opfern, kann eine Tierschutzorganisation unterstützt werden. Und auch für uns Nichtmuslime kann dieser Tage bedeuten, den eigenen Fleischkonsum kritisch zu betrachten. (Klaus Heidegger, 4.9.2017)

    • Wer das Opferfest kritisiert, sollte auch den eigenen Fleischkonsum kritisch betrachten.
      foto: apa/dpa/philipp schulze

      Wer das Opferfest kritisiert, sollte auch den eigenen Fleischkonsum kritisch betrachten.

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