"Stille Machtergreifung" der Burschenschafter

Kolumne1. September 2017, 15:17
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Burschenschaften haben die FPÖ übernommen, wie der Journalist und Historiker Hans-Henning Scharsach in seinem neuen Buch akribisch nachweist

Heinz-Christian Strache ist Mitglied bei einem Verein namens Vandalia. Norbert Hofer bei einem Verein namens Marko-Germania; Harald Stefan bei Olympia; Johann Gudenus bei Vandalia und Manfred Haimbuchner bei Alemannia.

Klingt nach dem Fiebertraum eines Germanen-narrischen Gymnasialprofessors aus dem 19. Jahrhundert – vordergründig ist es das auch. Lächerlich. Aber nicht harmlos.

Schlagende Burschenschaften sind das Elitärste und zugleich Reaktionärste bis Rechtsextremste, was die geistige Landschaft eines Landes zu bieten hat. Sie machen nur 0,4 Promille der Bevölkerung aus. Burschenschaften haben aber de facto die FPÖ übernommen, wie der auf das Thema spezialisierte Journalist und Historiker Hans-Henning Scharsach in seinem neuen Buch akribisch nachweist (Hans-Henning Scharsach: "Stille Machtergreifung. Hofer, Strache und die Burschenschaften", 208 Seiten, 22 Euro).

Strache, Hofer, Stefan, Gudenus und Haimbuchner bilden den Bundesvorstand der FPÖ, also das höchste Führungsgremium. Sie gehören alle zu schlagenden studentischen Verbindungen oder "Burschenschaften" (mit Ausnahme von Strache, der mangels akademischen Grads nur bei der Pennäler-(Schüler-)Abteilung der Vandalia Mitglied ist. Die Führungsspitze der FPÖ besteht zu 100 Prozent aus "Alemannen", "Marko-Germanen" und "Vandalen".

Burschenschaften entstanden im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts, waren "liberal" im Sinne der Gegnerschaft zum Feudalismus und Monarchismus, aber sehr bald und besonders in Österreich rabiat deutschnational bis antisemitisch. Zu ihren Ritualen gehört neben dem massiven Biergenuss die "Mensur", ein Duell mit scharf geschliffenen Degen ("Schlägern"), das oft mit Gesichtsnarben endet.

Historisch haben die Burschenschafter Justiz, Verwaltung und (Staats-)Wirtschaft durchsetzt; nach ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus gingen sie quasi in den Untergrund; heute kommen sie wieder.

Wie Scharsach aufzählt, sind im FP-Parteivorstand 20 von 33 Mitgliedern Burschenschafter, im Nationalratsklub 18 von 38 (zwei Frauen sind in "Mädelschaften"). Sechs von neun FP-Landesverbänden werden von Burschenschaftern dominiert.

Die wichtigsten Merkmale des Rechtsextremismus wie Antiliberalismus, Antipluralismus, autoritäres Führer- und Gefolgschaftsprinzip, Volksgemeinschaftsideologie, Antifeminismus und Rassismus treffen auf die meisten Burschenschaften zu. Scharsach argumentiert überdies anhand von Verfassungsgerichtsurteilen, dass wesentliche Elemente burschenschaftlicher Ideologie, wie die Ablehnung der österreichischen Nation und eine Vision von einem neuen Deutschen Reich, verfassungswidrig sind.

Ein ganz wichtiger Punkt ist aber: Die FPÖ gibt sich als Partei des "kleinen Mannes" und wird auch sehr stark von Arbeitern und Ex-SPÖlern gewählt. Aber ihre Führung ist jetzt ganz überwiegend in der Hand eines extrem elitären, extrem rechten, extrem obskuren Klüngels. (Hans Rauscher, 1.9.2017)

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