Doping: "Das Fenster für Betrug wird kleiner"

    Interview1. September 2017, 12:35
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    Eine Studie der Universitäten Harvard und Tübingen legt nahe, dass nur ein Bruchteil der Dopingvergehen geahndet wird. David Müller, Sprecher der österreichischen Anti-Doping-Agentur, ist skeptisch

    STANDARD: Laut einer Studie wurden bei der Leichtathletik-WM 2011 in Südkorea nur 0,5 Prozent der Dopingfälle aufgedeckt. Warum stellt man die Anti-Doping-Arbeit nicht gleich ein?

    Müller: Man schafft auch nicht das Strafrecht ab, weil nicht alle Diebe erwischt werden. Bleiben wir realistisch, man kann nicht jeden Betrüger überführen. In der Wirtschaft nicht, im Privatleben nicht, warum sollte es also gerade im Sport funktionieren?

    STANDARD: Man ist aber weit davon entfernt, jeden Dopingsünder zu erwischen. Versagen die Kontrollen?

    Müller: Mit entsprechendem Know-how und finanziellen Mitteln können positive Testergebnisse umgangen werden. Sonst hätte es den Fall Armstrong nie gegeben. Kontrollen sind aber nur ein Teilaspekt. In Österreich resultierten in den vergangenen drei Jahren mehr als die Hälfte der Dopingfälle aus nichtanalytischen Beweisen durch Investigation, Informationen von Whistleblowern und der Zusammenarbeit mit staatlichen Ermittlungsorganen. Seit 2011 hat sich die Antidopingarbeit weiterentwickelt.

    STANDARD: Die Doping-Methoden auch.

    Müller: Wenn ein völlig neues Produkt auf den Markt kommt, hinkt man einen Schritt hinterher. Wir gehen aber davon aus, dass sich der Abstand verringert hat. Die Analysemethoden haben sich verbessert, insbesondere die Nachkontrollen. Sehen Sie sich die Russland-Affäre an. Mehr als 100 Athleten wurden nachträglich überführt, darunter Medaillengewinner der Olympischen Spiele von Peking und London. Das Fenster für Betrug wird kleiner.

    STANDARD: Laut der Studie von 2011 waren 40 Prozent der Leichtathleten gedopt. Halten Sie diese Zahlen für realistisch?

    Müller: Wir gehen aktuell nicht von einer so dramatischen Zahl aus. Es gibt aber eine Dunkelziffer, die sicher weit über den 1,5 Prozent positiven Dopingbefunden liegt.

    STANDARD: Trauen Sie den Studienresultaten nicht?

    Müller: Ich bin bei Studien, die auf Befragungen basieren, sehr vorsichtig. Die Kernfrage lautete in diesem Fall: "Haben Sie in den letzten zwölf Monaten wissentlich gegen die Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen, indem Sie eine verbotene Substanz oder Methode verwendet haben?" Mit dieser nicht eindeutigen Fragestellung kann es passieren, dass jemand Ja angibt, obwohl er die Substanz aus medizinischen Gründen gebraucht hat und auch über eine Ausnahmegenehmigung verfügt. Oder es wurden Substanzen verwendet, die nur im Wettkampf oder nur ab einer gewissen Menge verboten sind.

    STANDARD: Auch die Ausnahmegenehmigungen führen dazu, dass die Öffentlichkeit nicht mehr an einen fairen Sport glaubt.

    Müller: Der Sport hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Nicht nur im Publikum, sondern auch unter Sportlern. Junge Österreicher haben Vertrauen in das nationale System, nicht aber in das internationale. Es ärgert die Athleten, dass sie gegen Konkurrenten antreten müssen, die noch nie kontrolliert wurden oder von Meldepflichten keine Ahnung haben. Das ist nachvollziehbar.

    STANDARD: Österreich ist in Sachen Doping aber auch nicht ohne Geschichte.

    Müller: Seit der Affäre von Turin hat sich vieles zum Positiven verändert. Früher galt Doping als Kavaliersdelikt. Man sollte sich halt möglichst nicht erwischen lassen. Mittlerweile gibt es in Österreich bei Funktionären, Trainern und Sportlern einen Konsens: Doping darf im Sport keinen Platz finden. Mitunter passiert es aber leider.

    STANDARD: Stören internationale Dopingfälle die Präventivarbeit?

    Müller: Das macht uns die Arbeit nicht einfacher. Es ist ein dreistufiger Prozess. Wir müssen Sportlern im Nachwuchsbereich mit präventiven Maßnahmen den richtigen Weg zeigen. Dann gibt es noch immer einen Prozentsatz, der Doping nicht abgeneigt ist. Der muss durch das Kontrollsystem und die strafrechtlichen Möglichkeiten, die in Österreich sehr gut ausgebaut sind, abgehalten oder gegebenenfalls überführt werden.

    STANDARD: Sie sind ständig mit dem Thema Doping konfrontiert. Glauben Sie noch an das Gute?

    Müller: Klar, ich mache es mir leicht. Für mich ist nur der gedopt, der auch überführt wurde, alles andere ist Spekulation.

    STANDARD: Man könnte das als Naivität auslegen.

    Müller: Ich kann an einer Leistungssportschule nicht präventiv arbeiten und mir gleichzeitig denken, so und so viele werden ohnehin dopen. Unsere Hauptaufgabe ist der Schutz der Sauberen. Das bedeutet auch, einen zuversichtlichen Blick zu wahren. Für den österreichischen Sport gehe ich davon aus, dass die überwiegende Mehrheit sauber ist. (Philip Bauer, 1.9.2017)

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      Eine Universitätsstudie stellt die Leichtathletik unter Dopinggeneralverdacht. Nur 0,5 Prozent der Betrugsfälle der WM 2011 in Daegu seien tatsächlich aufgedeckt worden.

    • Für David Müller ist nur ein Überführter sicher gedopt.
      foto: privat

      Für David Müller ist nur ein Überführter sicher gedopt.

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