Hochburg Tschanigraben: Wo die SPÖ keinen Gegner hat

Im Südburgenland fahren die Sozialdemokraten Wahl für Wahl Triumphe ein. Blöd nur, dass der Ort gerade 60 Einwohner hat. Kann die hohe Politik in Tschanigraben dennoch etwas lernen?

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Reportage mit Video4. September 2017, 13:53

Ernst Simitz ist entspannt wie wohl kein anderer Sozialdemokrat im Land. Nicht, dass er die Zügel schleifen lasse, Hausbesuche seien natürlich Pflicht. Aber Wahlkampf? So könne man das wirklich nicht nennen: "Wenn ich halt keinen Gegner habe."

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Gibt es Probleme in den beiden Gemeinden?

Mit dem Abklappern der Wähler ist Bürgermeister Simitz rasch durch. 60 Einwohner zählt Tschanigraben im südöstlichen Winkel Österreichs. Geduckte Gehöfte mit Ziehbrunnen grenzen an picobello verputzte Einfamilienhäuser, Kukuruzfelder an perfekt faconierte Vorgärten. "Da drüben beginnt Ungarn", sagt Simitz und zeigt auf eine Sackgasse, die vom aufgelassenen Feuerwehrhaus am Dorfplatz ins Nirgendwo führt. Bis heute gebe es nicht einmal "einen g‘scheiten Waldweg" hinüber, sehr zur Freude der Ortsbürger: "Grenzübergang brauchen wir keinen. Alle wollen ihre Ruhe."

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Relaxed in die Wahl: Bürgermeister Simitz ist in Tschanigraben konkurrenzlos.

Heil ist die Welt auch politisch. 77,1 Prozent bei der letzten Nationalratswahl – nirgendwo im Land war die SPÖ stärker. Selbst der gnadenlos gescheiterte Präsidentschaftskandidat Rudolf Hundstorfer errang hier eine Mehrheit, und lokale Urnengänge sind erst recht eine Bank. Bei der anstehenden Bürgermeisterwahl am ersten Oktober ist Simitz einziger Kandidat.

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Ist die Wahl für die SPÖ noch zu gewinnen?

"Knallrot" sei Tschanigraben immer gewesen, erinnert sich Hilde Klimacek, eine der Teilzeitbewohnerinnen im Ort. "Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben" hätten die Felder des 100 Jahre alten, von Uhudlerreben berankten Hofes abgeworfen, bereits als blutjunge Frau übersiedelte sie nach Wien. Heute verbringt die 64-Jährige nur noch die Sommer im abgelegenen Hügelland.

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Gebürtige Tschanigrabenerin Klimacek: "Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben" hatten die Höfe abgeworfen.

Für die Gegend ist diese Vita typisch: In Massen pendelten und zogen Südburgenländer nach Wien, um die Arbeit zu machen, die – wie Gatte Josef sagt – "nun die Türken erledigen". In der Stadt nahm das Landvolk proletarische Wahlgewohnheiten an. Seit 1964 regiert im Burgenland die SPÖ.

EU-Förderungen lösten zwar einen Schub aus, doch Nachzügler ist das Südburgenland immer noch. Die Wirtschaftsleistung ist die drittschwächste in Österreich, das Bildungsniveau unterdurschnittlich, analysiert Peter Mayerhofer vom Wirtschaftsforschungsinstitut. Zu viele wandern ab, zu wenige Kinder kommen nach: Die Bevölkerung im erwerbstätigen Alter soll bis 2030 um zwölf Prozent schrumpfen.

Vielerorts in Österreich setzen solche Bedingungen den Großparteien zu: Zukunftsängste treiben Wähler zur FPÖ. Warum hält die Tschanigrabener Bastion?

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"Achtung Staatsgrenze": SPÖ-Hochburg an der Grenze im Südburgenland.

Während sich Politiker in Wien nur mehr beschimpften, "statt sich wie früher beim Heurigen auszusprechen", habe der hiesige Bürgermeister den Draht zu den Leuten nie verloren, sagt Hilde Klimacek: "Er tut alles in seiner Macht, damit der Ort nicht ausstirbt. Warum soll ich ihn dann strafen?" Daran ändere auch nichts, dass sich ihr Nachbar für die ÖVP ins Zeug lege. "Einen jungen Burschen, der noch nichts von der Welt gesehen hat", meint sie, "kann ich nicht ernst nehmen".

Christoph Kurta versucht es trotzdem. Der 39-jährige rittert in der mit Tschanigraben eng verbandelten Schwesterngemeinde Inzenhof, zweiterfolgreichster Ort auf der bundesweiten Bestenliste der SPÖ, um das Bürgermeisteramt. Ein bissl mehr "Gleichgewicht" brauche es, "sonst wird‘s eine Diktatur", findet der Rinderbauer. Was denn konkret schief laufe? "Es rennt eh rund", räumt Kurta ein, besteigt seinen Traktor und tuckert von dannen.

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Rinderbauer Kurta wünscht sich mehr Gleichgewicht – "sonst wird's eine Diktatur".

Doch selbst im roten Paradies zogen schon Wolken auf. Bei der Präsidentwahl trug der Blaue Norbert Hofer in Inzenhof bereits in der ersten Runde den Sieg davon – und wer nachfragt, stößt auch in den beiden flüchtlingsfreien Dörfern auf die Sorge Nummer eins. Um zu sehen, welche Zustände die Asylwerber verursachten, sagt ein Einheimischer, müsse man gar nicht bis nach Wien fahren: "Da reicht ein Besuch in Deutsch-Tschantschendorf."

"Die meisten Probleme bereitet uns die Kronenzeitung", sagt der Inzenhofer Bürgermeister Jürgen Schabhüttl, hemdsärmelig adjustiert wie sein Kollege Simitz. Von den Ausländer-Schlagzeilen bis zum "Negativbashing gegen Politiker": Stunden bringe er am Wirtshaustisch zu, um mit Live-Recherche via Smartphone Gerüchte aus der Welt zu schaffen.

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Warum sind Inzenhofen und Tschanigraben rote Hochburgen?

Mit realen Leben der Menschen hier habe das alles nichts zu tun, sagt Schabhüttl, und genau das gelte es klarzumachen. Inzenhof und Tschanigraben hätten da – auch dank großzügiger Förderungen des Landes – handfeste Argumente: Der frisch herausgeputzte Kindergarten hat bis spät offen, ein Dorfbus kurvt in die entlegensten Ecken, Baugrund gibt es um subventionierte sechs Euro pro erschlossenem Quadratmeter. Nach jahrzehntelangem Bevölkerungsschwund, erzählt der Tschanigrabener Ortschef Simitz, sei die Stabilisierung geglückt: "Es ziehen wieder Jungfamilien her."

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Örtlicher Nationalratsabgeordneter Schabhüttl kämpft gegen Negativbashing: "Die meisten Probleme bereitet uns die Kronenzeitung."

Ob die hohe Politik aus dem Beispiel etwas lernen könne? Schabhüttl, der als Parlamentarier auch das Wiener Parkett kennt, ist vorsichtig: Im Dorf, wo jeder einzelne greifbar ist, sei Überzeugungsarbeit ungleich leichter als zwei Ebenen darüber. Er habe nüchterne Sacharbeit durch gestandene Politiker stets für den Königsweg gehalten ("einen Eugen Freund als EU-Kandidaten hätte die SPÖ nicht gebraucht"), doch im aktuellen Nationalratswahlkampf scheine die Inszenierung zu triumphieren: "Es ist frustrierend." (Text: Gerald John, Fotos und Videos: Christian Fischer, Grafik: Sebastian Kienzl, Produktion: Sebastian Pumberger, 1.9.2017)