Altes Ziegelwerk in Schleinbach: Brennöfen, Graffiti, Kino im Kopf

1. September 2017, 08:00
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In Schleinbach im Bezirk Mistelbach steht die ehemalige Werkshalle seit Jahrzehnten leer. Nun soll das Areal verkauft werden

Schleinbach – Aus dem Boden wachsen Sträucher, an allen Ecken und Enden türmen sich Schutt und Ziegelreste, in eine Grube im hinteren Teil der ehemaligen Betriebshalle hat jemand ein Schrottauto versenkt. Graffiti sind an die Wände gesprayt, die Fensterscheiben sind eingeschlagen, und in einem Raum neben der großen Werkshalle ist ein kleines Wohnzimmer eingerichtet. Hier hat wohl einige Zeit jemand gehaust: Eine Couch, ein voller Aschenbecher, leere Zigarettenschachteln und alte Zeitungen zeugen davon. Sogar ein Paar Rollschuhe wurde liegen gelassen.

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In Schleinbach waren drei Ziegeleien in Betrieb.

Im alten Ziegelwerk in Schleinbach im Bezirk Mistelbach in Niederösterreich kommt man aus dem Schauen gar nicht mehr heraus. Den Blick auf jenen Bereich der Halle gerichtet, wo Schienen verlegt gewesen sein müssen, kann man sich mit ein wenig Fantasie vorstellen, wie hier einst emsiges Treiben herrschte: wie Arbeiter um Arbeiter zum Beispiel Ziegel schupften, fertige Ware vom Brennofen auf Transportwagons packten, um diese auslieferbar zu machen.

Illegale Partys

Doch das alles ist lange her. 1986 wurde das Gewerbe in Schleinbach ruhend gemeldet, seither steht das Areal leer. Nur Filmdrehs, Fotoshootings und die eine oder andere illegale Party soll es an dem verlassenen Ort, an dem die Zeit stehengeblieben scheint, gegeben haben.

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Jene, deren Überreste bis heute stehen, wurde offenbar 1911 eröffnet.

Die Region nördlich der Donau war über Jahrzehnte für ihre Ziegelwerke bekannt. Geologe Thomas Hofmann nennt das Weinviertel in seinem Text Zeit der Ziegel sogar Ziegelviertel – im Bezirk Hollabrunn soll es 148 Ziegelöfen gegeben haben, in den Bezirken Mistelbach und Gänserndorf 470 solcher Fabriken. Vor allem der in der Region weitverbreitete ockerfarbene Löss eignete sich zum Ziegelbrennen.

In Schleinbach waren gleich drei sogenannte Ziegeleien in Betrieb. Jene, deren Überreste bis heute stehen, wurde offenbar 1911 eröffnet. Christian Ferdinand Ramml fasste in seinem Buch Ziegelöfen und Lehmabbaue der politischen Bezirke Mistelbach und Gänserndorf akribisch Daten über die alten Fabriken zusammen.

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1939 wechselte die Fabrik den Besitzer.

Sein Interesse galt in erster Linie den Besitzern und den zugehörigen Ziegelzeichen. Durch Letztere lässt sich die Herkunft alter Ziegel bis heute zurückverfolgen.

So wurden Ziegel, die in Schleinbach gebrannt wurden, etwa mit den Initialen "EH" versehen – der langjährige Pächter und spätere Besitzer des Werks hieß Eduard Hauser. 1939 verkaufte Hauser die Fabrik in Schleinbach an die Familie Hardegg, die bis heute Eigentümer des fast 14 Hektar großen Areals ist.

Die Parallelwelt der "Ziegler"

Die "Ziegler", so wurden die Arbeiter in den Ziegelwerken genannt, stammten zumeist aus Böhmen, Mähren oder der Slowakei. Sie lebten oft in einer Parallelwelt mit eigener Infrastruktur. In Schleinbach besuchten die "Ziegelofenkinder" die örtliche Volksschule neben der Kirche. Diese erreichten sie per Fußweg, der sie durch den "Ziegelofenweg" führte. Noch heute trägt die Straße diesen Namen.

Die Hardegg'sche Guts- und Forstverwaltung will das Areal des ehemaligen Ziegelwerks mittlerweile verkaufen. Als "Bauhoffnungsland" nur wenige Kilometer von Wien entfernt, wird es in Immobilienbörsen angepriesen.

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Kaufpreis: 2,9 Millionen Euro.

Zu haben ist das Grundstück – "eingebettet in die sanft hügelige Landschaft des lieblichen Kreuttals" – um 2,9 Millionen Euro. Im Exposé des beauftragten Maklers wird auf den "fairen Preis" von etwa 20 Euro pro Quadratmeter hingewiesen. Der Makler hat auch Ideen für die Nutzung des Areals: Von einer Wohn- hausanlage über eine Hotelanlage, einen Golfplatz, eine Seniorenresidenz bis zu einer Kuranstalt reicht das Spektrum.

Urban Explorers waren schon da

Egal, welches Vorhaben umgesetzt wird, sollte das Grundstück veräußert werden, ist die Zielgruppe wohl eine andere als die, die derzeit von dem Areal fasziniert ist. Denn das alte Ziegelwerk wurde schon von Urban Explorern entdeckt. Mit Kameras ausgerüstet begeben sie sich in verlassene Gebäude, um Ästhetik um Romantik historischer Objekte festzuhalten.

Rollschuhe inmitten von Ziegelresten mit geschichtsträchtiger Gravur? Das Kopfkino beginnt zu laufen. Im Ziegelwerk Schleinbach wurden schon viele Geschichten geschrieben. Mit dem Abriss der historischen Mauern gingen künftige, die an diesem Ort spielen könnten, verloren. (Rosa Winkler-Hermaden, 1.9.2017)

DER STANDARD widmet sich in einer neuen Serie dem Thema Leerstand. Hier finden Sie alle Serienteile.

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