"Das Ausklammern von Religion aus dem Kindergarten ist fatal"

    5. September 2017, 13:02
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    Alles, was Kinder mitbringen, soll auch thematisiert werden, sagt die pädagogische Leiterin des Trägervereins der Wiener Pfarrkindergärten

    Religiöse Symbole haben im Klassenzimmer nichts verloren, fordern die einen, der Religionsunterricht solle durch einen Ethikunterricht ersetzt werden, die anderen. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Imas sind aber für die meisten Österreicher christliche Inhalte aus dem Bildungssystem nicht wegzudenken.

    Zwar wurde das Thema Religionspädagogik im bundesweiten Bildungsrahmenplan für elementare Bildungseinrichtungen nicht behandelt, aber auch in der Elementarpädagogik wird die Diskussion über den Umgang mit Religion geführt. Alles, was Kinder mitbringen, solle im Kindergarten auch thematisiert werden, sagt Susanna Haas, pädagogische Leiterin der St.-Nikolaus-Stiftung, des Trägervereins der Wiener Pfarrkindergärten. Dazu gehörten auch religiöse Themen.

    Zwei Ebenen

    Bei Religion im Kindergarten müssten zwei Ebenen betrachtet werden, ergänzt Haas. "Das eine ist die Haltung der Trägerschaft, also das pädagogische Konzept zu diesem Thema. Die zweite Ebene ist die Prägung der Kinder und was sie zum Thema Religion von zu Hause mitbringen." Bei der St.-Nikolaus-Stiftung ist das Thema Religionspädagogik im Bildungskonzept verankert, wie sie im Kindergartenalltag gelebt werde, sei transparent für alle Interessierten nachzulesen.

    Adäquate Religionspädagogik bedeute bei den Kindergärten der St.-Nikolaus-Stiftung, dass bei der Gestaltung des Jahreskreises mit Nikolaus-, Weihnachts- oder Osterfest nicht nur der kulturelle, sondern auch der religiöse Aspekt dieser Feste behandelt werde. "Ganz wichtig dabei ist aber, dass diese Inhalte so weitergegeben werden, dass Kinder das Fest positiv und stärkend wahrnehmen." Kinder lebten in ihrer magischen Phase, und alles, was sie für sich erleben und begreifen, sei sofort die Wahrheit. Das Martinsfest heiße weiterhin Martinsfest und nicht Lichterfest, und Weihnachten werde nicht zum Packerlfest, wie in Kindergärten ohne religiöse Trägervereine häufig der Fall.

    Feste zu feiern sei in der Elementarpädagogik ganz wichtig, sagt Raphaela Keller, Vorsitzende des Berufsverbands der Kindergarten- und Hortpädagogen in elementaren bis sekundären Bildungseinrichtungen (ÖDHK). Dennoch gehöre Religion raus aus dem Bildungssystem. "Religion soll zwar zum Thema gemacht werden können, aber nicht praktiziert werden." Religiöse Symbole hätten in einer Bildungseinrichtung nichts verloren, ergänzt sie. In der Ausbildung der Elementarpädagogen werde Religionspädagogik nicht behandelt, kritisiert Keller. Bildung für diesen Bereich passiere meist nur durch die Trägervereine.

    Religion nicht ausklammern

    Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) ließ im Juni mit der Forderung aufhorchen, die Förderungen für Islamkindergärten einzustellen, da dort seiner Meinung Parallelgesellschaften entstehen würden. Haas hegt Zweifel, dass es in der Form, in der dieses Thema in der Öffentlichkeit diskutiert werde, auch tatsächlich so passiere. Die Religion komplett aus dem Kindergarten auszuklammern sei der falsche Ansatz, ist sie überzeugt.

    "Die Vielfalt der Religion soll sich aber auch im Kindergarten wiederfinden", so Haas. Das sei eine Riesenchance. Wenn Kinder diese Vielfalt erleben, würden sie auch die Angst davor verlieren. Wichtig sei aber, dass auch die Kindergärten besser durchmischt sind. "Religion gehört nicht raus aus der Bildung, aber das Thema gehört kindgerecht aufbereitet und muss im Hinblick auf eine adäquate Pädagogik erfolgen." Bei den Kindergärten der St.-Nikolaus-Stiftung werden zu den Feiertagen anderer Religionen die Eltern von Kindern mit anderem Religionsbekenntnis in den Kindergarten eingeladen, um den Kindern diese Feste näherzubringen.

    Familiär geprägt

    Man könne das Thema Religion auch gar nicht von der Schule oder dem Kindergarten fernhalten, es komme ja aus der Familie, so Haas. "Das Ausklammern ist fatal. Es wird alles andere ja auch zum Thema gemacht, wenn beispielsweise die Mutter wieder ein Kind bekommt oder in der Familie ein großes Fest gefeiert wurde. Warum soll dann nicht auch über religiöse Feste geredet werden, das gehört auch zum Menschsein dazu."

    Der Glaube könne aber in Kindergärten nicht beigebracht werden, das passiere in den Familien. "Die Prägung des Kindergartens ist nicht so groß wie der Einfluss der Familie", sagt Haas. Bedenklich sei es, wenn nur eine Religion zum Thema gemacht werde. Auch wenn Kinder ihren Glauben nicht so zeigen dürften, wie sie es von zu Hause gewohnt sind, sei das bedenklich. (Gudrun Ostermann, 5.9.2017)

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