Traumquoten für polnische Politsatire – im Internet

    31. August 2017, 07:00
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    Der aus dem polnischen Staatsfernsehen gedrängte Satiriker Robert Górski feiert online mit "Das Ohr des Vorsitzenden" ein gigantisches Comeback

    Wenn der Kabarettist Robert Górski die Schultern streckt und dann für einen Moment in typischer Napoleonpose dasteht, lacht halb Polen. Denn nicht nur die Hand auf dem gut gefüllten Bauch unter der Anzugsjacke wirkt lächerlich, Millionen Polen erkennen im Napoleon-Górski auch sofort den derzeit mächtigsten Mann Polens wieder – Jarosław Kaczyński.

    An diesem dicklich-kleinen Katzenliebhaber im immer gleichen schwarzen Beerdigungsanzug scheiden sich Polens Geister. Die einen verehren den Vorsitzenden der nationalpopulistischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) als "genialen Strategen", die anderen beschuldigen ihn, ein diktatorisches Unrechtsregime anzustreben, in dem kurzer Prozess gemacht wird mit angeblichen "Verrätern" oder "Polen der übelsten Sorte".

    Zweite Staffel im September

    Anfang September, nach der Sommerpause des Parlaments, soll die zweite Staffel der satirischen Internet-Erfolgsserie Ucho Prezesa – "Das Ohr des Vorsitzenden" – starten. "Ich will, dass sich in der Serie auch normale Staatsbürger wiederfinden, die keine Nachrichten mehr sehen können, ohne vor Wut fast einen Schuh in die Glotze zu schmeißen", verrät Górski, der Erfinder, Regisseur und Hauptdarsteller der Politsatire. Nachdem die PiS im November 2015 die Regierung übernommen und als Erstes die öffentlich-rechtlichen Medien in einen Parteipropagandasender verwandelt hatte, war Górski dort nicht mehr wohlgelitten und musste ins Internet ausweichen. Dass er dort Traumquoten erreichen würde, hatte niemand erwartet – er selbst am wenigsten.

    Der Serie folgen Millionen Polen über ihre Smartphones. In Bussen und Bahnen lacht immer mal wieder jemand laut auf und weist dann die anderen auf einen guten Sketch im "Ohr des Vorsitzenden" hin. Die erste Folge klickten knapp zehn Millionen Menschen an. Sehr beliebt ist auch die Angela-Merkel-Folge, in der die deutsche Bundeskanzlerin Kaczyński hinter seinem Schreibtisch ganz pragmatisch "Frieden" anbietet. Trotz einer Dolmetscherin gelingt es den beiden nicht, sich zu verständigen. So reiht sich Missverständnis an Missverständnis, bis einem am Ende das Lachen im Halse steckenbleibt. Denn: Ist es nicht genau so auch in der Realität?

    Scharfe Worte

    Aber auch die Polen selbst haben Mühe, stets auf dem neuesten Stand der Politsprache zu bleiben. Wer heute den Regierenden zuhört, könnte meinen, in Polen tobe ein Bürgerkrieg mit "Putschisten" und "Verrätern", die angeblich einen "Anschlag auf die demokratisch gewählte Regierung" planten. Kaczyński höchstpersönlich dachte sich die "Polen übelster Sorte" aus, machte die polnische "Verräterfresse" salonfähig und holte auch die "deutschen Kriegsreparationen", die angeblich nie bezahlt worden seien, wieder aus der Mottenkiste.

    Polens Innenminister diffamiert zehntausende Demonstranten, die gegen den Rückbau des Rechtsstaats protestierten, als "Spaziergänger in Picknicklaune" und wiederholt auch gerne die Worte Kaczyńskis über die Flüchtlinge, die angeblich "Parasiten und tödliche Krankheiten" einschleppen würden.

    Sorge wegen brutaler Alltagssprache

    "Als Satiriker freue ich mich über so scharfe Politikerworte, die beim Publikum einen hohen Wiedererkennungswert haben", so Górski. Als Staatsbürger aber mache er sich große Sorgen wegen der zunehmenden Brutalisierung der Alltagssprache in seinem Land. In der neuen Staffel soll der Vorsitzende zunächst wieder in seinem nun schon bekannten Parteibüro Regierungspolitiker empfangen und dabei hin und wieder einen Blick auf den Globus werfen, der Polen nach dem "guten Wandel" zeigt – als Großreich ohne Nachbarn und umgeben von den Weltmeeren.

    Ob der Präsident, der bisher meist nur Monologe im Vorzimmer des Parteivorsitzenden führte, es nun endlich schaffen wird, die Klinke niederzudrücken und dem Vorsitzenden persönlich etwas ins Ohr zu flüstern, ist vorerst noch offen. "Der Präsident hat sich geändert, nur der Vorsitzende ist so geblieben, wie er war", sagt Górski.

    Am meisten gespannt sind die Fans der Politserie allerdings auf die Szenen außerhalb des Büros. Auf der Straße sind nämlich die "Spaziergänger in Picknicklaune" unterwegs, die "Anschläge auf die demokratisch gewählte Regierung" verüben. Und im polnischen Parlament "putscht" in den Augen der Regierung immer mal wieder die "totale Opposition". (Gabriele Lesser aus Warschau, 30.8.2017)

    • Regierungsgegner, hier bei einer Demonstration in Warschau, bezeichnen Polens Premierministerin Beata Szydło und Präsident Andrzej Duda häufig als Marionetten von PiS-Chef Jarosław Kaczyński.
      foto: apa / afp / janek skarzynski

      Regierungsgegner, hier bei einer Demonstration in Warschau, bezeichnen Polens Premierministerin Beata Szydło und Präsident Andrzej Duda häufig als Marionetten von PiS-Chef Jarosław Kaczyński.

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