Berater-Beratung

Kolumne30. August 2017, 17:36
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Christian Kern sollte nach qualifizierterer Beratung suchen

All jenen, die wissen wollen, wie die berufliche Tätigkeit des ehemaligen SPÖ-Beraters Tal Silberstein in der Praxis ausschaut, sei der Roman "Weltschatten" des israelischen Autors Nir Baram empfohlen. Darin werden die globalen Aktivitäten einer auf Wahlkämpfe spezialisierten PR-Firma geschildert, die sich von ihren ursprünglich idealistischen Zielen immer weiter entfernt und dabei Richtung Dirty Campaigning und Korruptionskriminalität abdriftet. Dieser Vorgang wird beängstigend realistisch beschrieben, und spätestens bei der Stelle, wo von einer Kampagne zur Wiener Bürgermeisterwahl die Rede ist, weiß man, dass sich Christian Kern durch das Lesen dieses Buches viel Ärger erspart hätte.

Auf einen anderen Berater Kerns, nämlich Alfred Gusenbauer, hätte die Lektüre vermutlich keine Auswirkungen gehabt. Der ehemalige Bundeskanzler hat im Umgang mit Diktatoren, Glücksspielautomatenaufstellern und Wirtschaftsverbrechern längst gezeigt, wie man durch das ungebremste Wachsenlassen eines dicken Fells zu einer Persönlichkeitsstatik gelangt, die nicht mehr auf das Vorhandensein eines Rückgrats angewiesen ist. Die Frage, ob er dadurch zur Belastung für die Glaubwürdigkeit seiner Partei wird, erinnert an die Überlegung, ob man sich bei einer Ballettchoreografie nicht vielleicht doch ohne Skischuhe leichter tut. Als Präsident des Renner-Instituts kann Gusenbauer immerhin für sich reklamieren, ein in den Statuten festgelegtes "Leitziel" der SPÖ-Akademie umgesetzt zu haben, nämlich "die Vermittlung von Einsichten in politische, wirtschaftliche, rechtliche und gesellschaftliche Zusammenhänge auf nationaler und internationaler Ebene".

Das ist ihm zweifelsohne gelungen, und vielleicht wollte er ja in Wirklichkeit nur in bester Wallraff-Undercover-Manier ein paar Sauereien aufdecken.

Bis zur Klärung dieser Frage sollte sich Kern lieber nach neuen Beratern umschauen. Wie vorsichtig er dabei sein muss, zeigt ein Kommentar des "Kronen Zeitung"-Chefredakteurs Klaus Herrmann, in dem dieser dem Bundeskanzler empfiehlt, sich künftig von "Krone"-Leserbriefschreibern beraten zu lassen.

Die Fragwürdigkeit dieser Idee wird originellerweise von der Zeitung selbst entlarvt. Sie berichtete unlängst von "Hunderten von empörten Wutbriefen und zornigen E-Mails", die "Krone"-Leser als Reaktion auf einen Bericht geschickt hätten, in dem von einer Somalierin die Rede ist, die eine Hundebesitzerin "attackiert" hätte, "bis diese zu Boden ging und sich das Knie zertrümmerte". Doch Hans Kirchmeyr vom Medien-Watchblog "Kobuk" hat mittlerweile aufgedeckt, dass die Geschichte so nicht stimmt. Der Polizeibericht stellt klar, dass "von einem bewussten Angriff nicht auszugehen ist", und sogar der Vater der Besitzerin des nicht angeleinten, ohne Beißkorb losgerannten Hundes spricht von einer "Panikreaktion".

Hunderte potenzielle Kanzlerberater haben sich also hinters Licht führen lassen. Christian Kern sollte daher nach qualifizierterer Beratung suchen. Gar nicht so leicht in einer Zeit, in der das Wort "Roman" auf dem Cover von Barams "Weltschatten" steht und nicht auf dem der "Kronen Zeitung". (Florian Scheuba, 30.8.2017)

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