1967: Eiliger Schweizer "Weltraumflug" war erster Schritt zum Mond

    3. September 2017, 11:00
    4 Postings

    Vor 50 Jahren brachte die Universität Bern erste Messgeräte ins All – weitere Entwicklung war bei Apollo-11-Mission an Bord

    Bern – Es war nur ein kleiner Flug in die obere Atmosphäre, aber ein großer Sprung für die Weltraumforschung der Universität Bern: Im Oktober 1967 startete die Zenit-Rakete der Firma Contraves mit in Bern entwickelten Temperatur- und Druckmessgeräten an Bord. "Was aus heutiger Sicht eher unspektakulär wirkt, war damals dramatisch", sagte Peter Wurz von der Uni Bern.

    Feuerprobe bestanden

    Die Wissenschafter hatten damals wenig Zeit. Nur mit einem Monat Vorlaufzeit meldete sich die Firma Contraves bei der Hochschule mit dem Wunsch, dass wissenschaftliche Messgeräte mitfliegen sollten. In Rekordzeit entwickelten die Berner Experten Messgeräte, die klein, leicht und robust genug für den Raketenstart waren.

    "Die Drucksensoren waren in erster Linie ein technischer Versuch", erinnert sich der Berner Weltraumforscher Hans Balsiger. "Es war zwar nicht die Hohe Schule, an der Messkurve zu sehen, wie die Atmosphäre nach oben hin dünner wird. Aber technologisch hat uns dieses Projekt enorm weiter gebracht." Es war die Feuerprobe, ein erster Schritt auf einem Weg, der die Berner Weltraumforschung unter anderem zum Kometen "Tschuri" gebracht hat.

    An Apollo beteiligt

    Weltberühmt wurde sie jedoch zwei Jahre nach dem Start der Zenit-Rakete, als den Berner Wissenschaftern der große Wurf gelang: Als einziges Nicht-US-Experiment durfte ihr Sonnenwindsegel bei der Apollo-11-Mission mitfliegen. Damit sollten erstmals die von der Sonne kontinuierlich ins Weltall strömenden Teilchen außerhalb des schützenden Magnetfelds der Erde eingefangen und später im Labor untersucht werden. Daraus ließen sich Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Sonne ziehen.

    Es war praktisch eine normale Haushaltsfolie, die mit unterschiedlichen Verfahren beschichtet und bearbeitet wurde, bevor sie zum Mond flog. Im Grunde eine geradezu unglaublich einfache Idee, welche die US-Raumfahrtbehörde NASA auch aufgrund des geringen Gewichts der Folie überzeugte. "Auch die Kleinen in der Forschungswelt können gut sein, wenn sie nur gute Ideen haben", sagte Balsiger.

    Segel noch vor der US-Flagge entrollt

    Tatsächlich war es die erste Aufgabe von Astronaut Buzz Aldrin, der 20 Minuten nach Neil Armstrong die Mondoberfläche betrat, das Sonnenwindsegel zu entrollen. Dies weil die Aufenthaltsdauer auf dem Mond bei dieser Mission noch sehr knapp bemessen war und die Folie während der rund zweieinhalb Stunden möglichst viel Sonnenwind einfangen sollte.

    So wurde die Schweizer Entwicklung noch vor der US-Fahne entrollt. Bei allen Apollo-Missionen außer der abgebrochenen Apollo-13- und der Apollo-17-Mission war ein Berner Sonnenwindsegel dabei.

    Heute lagern die Folien fest verschlossen in zwei Tresoren im Keller der Universität Bern. Herausgeschnittene Streifen zeugen von den Analysen, die nach ihrer Rückkehr zur Erde folgten. In der öffentlich nur selten zugänglichen Sammlung ist auch das Massenspektrometer, das bei der "Giotto-Mission" verwendet wurde – dem Vorbeiflug am Kometen Halley im März 1986 und dem ersten – und extrem kurzen – Rendezvous einer Sonde mit einem Kometen. Auch eine Reserve-Version von "ROSINA" findet sich in dem Tresor. Dieses Gerät analysierte an Bord der Rosetta-Sonde der ESA rund zwei Jahre lang Gasaustritte des Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko ("Tschuri").

    So geht es weiter

    Derzeit läuft in den Laboren der Uni Bern die heiße Testphase für das CHEOPS-Weltraumteleskop, mit dem die ESA ab Ende 2018 ferne Planeten bei anderen Sternen untersuchen will. Im gleichen Jahr startet eine ESA-Sonde zum Merkur, ebenfalls mit Berner Messinstrumenten an Bord: BELA, das per Lasermessungen eine 3D-Karte der Merkuroberfläche erstellen soll, sowie das Massenspektrometer STROFIO, das die Zusammensetzung der Atmosphäre des Merkur untersuchen wird. (APA, red, 3. 9. 2017)

    Share if you care.