Mehrsprachigkeit in der Schule: Kinder wertschätzen, nicht demotivieren

Blog4. September 2017, 06:00
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Wie man vielsprachigen Kindern aus allen Bildungsschichten in der Schule gerecht wird. Und was es neben der reinen Sprachförderung noch braucht

Am Anfang des Schuljahres machen sich Eltern Gedanken, wie sich ihr Kind in der Schule weiterentwickeln wird, vor allem, wenn es heuer die erste Klasse besuchen wird. Die meisten Eltern, egal aus welcher Bildungsschicht, haben den Anspruch, dass ihr Kind in der Schule reüssiert.

Für die schulische Laufbahn entscheidend ist die sprachliche Entwicklung des Kindes. Neben dem Hör- und Sprechverständnis sind nun die Lese- und Schreibkompetenz gefragt, die sprachliche Entwicklung nimmt weit komplexere Formen an als bis jetzt. Die Fähigkeit zu erzählen, Sprache in Kontext zu setzen, aber auch diese der jeweiligen Situation anzupassen, sind Fertigkeiten, die zu einem großen Teil in der Schule weiterentwickelt werden.

Was macht aber den Unterschied, dass sich ein Kind im Hinblick auf seine Sprache – oder Sprachen, wenn es davon mehrere im Leben des Kindes gibt – besser entwickelt als ein anderes?

Vielseitige Sprachkompetenzen

Neulich war ein Kindergartenfreund meiner Tochter bei uns zu Hause. Der Bub kommt in diesem Jahr in die Schule. Er spricht Slowakisch mit seiner Mutter, eine indische Sprache mit seinem Vater und Deutsch im Kindergarten. Sein Verständnis für Englisch ist auch ganz gut. Er hat eine einzigartige Mischung von Sprachkompetenzen. Im Gespräch mit ihm fällt auf, dass er sich geschickt mit den anderen Sprachen hilft, wenn er ein Wort auf Deutsch nicht weiß. Und wenn ich mit meinen Kindern auf Bulgarisch spreche, schnappt er Worte auf, die er versteht, und erzählt es mir ganz stolz. Er hat offensichtlich eine sehr harmonische Beziehung zu seiner Mehrsprachigkeit und ein geschultes Gehör, wenn es um Sprachen geht.

Sein Erfolg in der Schule wird auch davon abhängen, wie sehr er sich weiterhin positiv wahrnehmen kann. Als Sechsjähriger spricht er bereits vier Sprachen, und er wird diese Schritt für Schritt weiter ausbauen – mithilfe von Lehrern und seinen Eltern. Wichtig ist, dass dies auch gesehen wird und nicht das Defizit im Vordergrund steht, wenn er nicht so gut Deutsch kann wie einige seiner Mitschüler.

Wertschätzung vermitteln

Die Antwort auf meine Frage ist also vielschichtig. Angesichts einer Schülerschaft, die unterschiedliche Erstsprachen und Familiensprachen mitbringt und natürlich auch sozial und familiär sehr durchmischt ist, braucht es auch unterschiedliche Förderansätze und Maßnahmen. Vor allem aber muss den Kindern vermittelt werden, dass sie Kompetenzen mitbringen und ihre Mehrsprachigkeit ein Mehrwert ist. Die Herausforderung liegt darin, diese Einstellung selbst zu verinnerlichen und daran zu glauben. Das gilt für jeden, der mit Kindern arbeitet, aber natürlich auch für die Eltern. Und das ist quer durch alle Bildungsschichten möglich, denn es geht darum, das Kind zu bejahen mit alldem, was es ausmacht.

Elternbildung – kein Budget

Sehr bemüht um Vorschläge für Fördermaßnahmen und didaktische Methoden, um der sehr vielseitig gewordene Schülerschaft gerecht zu werden, ist die Europäische Union. Am 26. September werden wir den Europäischen Tag der Sprachen feiern. Aber kommen diese Maßnahmen tatsächlich in jeden Klassenraum an? Und erreichen sie auch die Eltern? Wie wichtig es ist, eng mit den Eltern zusammenzuarbeiten, bleibt meist nur als Schlagwort, als Expertenempfehlung hängen. Für Elternbildung gibt es kein Budget an den Schulen.

Der Umgang mit der mehrsprachigen Schülerschaft ist immer noch unterrepräsentiert in der Lehrerausbildung. Pädagogen sind dem Druck der öffentlichen Meinung ausgesetzt, sie müssten nach vier Jahren alle Kinder auf ein gleiches Bildungsniveau bringen. Das ist utopisch. Veränderungen brauchen Zeit. Natürlich passieren sie, es gibt viele engagierte Lehrer an Österreichs Schulen, die sich und ihren Unterricht weiterentwickeln und den neuen Gegebenheiten anpassen. Aber Didaktik und Methodik verändert sich nicht von heute auf morgen. Und dazu kommt, dass Sprachvermittlung nicht nur Didaktik ist.

Ein neues Sprachbewusstsein

Sprache ist ein komplexes Konstrukt, in dem kindliche Entwicklung, Emotionen, Identität und Persönlichkeit ebenso eine zentrale Rolle spielen. Somit muss sich auch ein neues Sprachbewusstsein einstellen, wie es Sprachwissenschafter Hans Jürgen Krumm nennt. Weg von der veralteten Idee einer einheitlichen Sprache, hin zur Tatsache einer sprachlichen Durchmischung. Für diese neue Wahrnehmung braucht es Zeit und eine stetige Weiterbildung, sowohl von Lehrkräften als auch von Eltern. Eine realistische Einschätzung der Ziele, die Lehrer erreichen können, um unnötigen Druck rauszunehmen, und vor allem mehr Ressourcen, um tatsächlich alle, die es betrifft, zu unterstützen: Kinder, Eltern und Pädagogen.

Wertung der Sprachen

Europa war immer schon mehrsprachig, dies ist keine Erfindung der Europäischen Union. Nicht selbstverständlich ist allerdings das stetige Bemühen, dies auch effektiv zu nutzen und vor allem nicht dagegen zu arbeiten. Einige dunkle Kapitel in der europäischen Geschichte zeugen davon. Und trotzdem ist noch ein langer Weg zu gehen.

Das sogenannte Barcelona-Ziel ist es, dass alle Bürger der EU neben ihrer Erstsprache noch weitere zwei Sprachen können. Eine Erhebung des Österreichischen Sprachenkompetenzzentrums zeigt, dass sich Fremdsprachen wie Englisch und Spanisch steigender Beliebtheit erfreuen, diesbezüglich steigt auch das Angebot. Das Interesse, Sprachen der Nachbarländer oder der autochthonen Minderheiten Österreichs zu erlernen, aber geht zurück. Und wieder sind wir bei der Frage der Wertung. Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit und sogenannte Minderheitensprachen werden als weniger attraktiv und sinnvoll wahrgenommen. Diese gesellschaftliche Einstellung wirkt sich auf die Kinder und deren Lernerfolg aus.

In Wien hat knapp die Hälfte der Volksschüler eine andere Umgangssprache als Deutsch. Der mehrsprachige kleine Freund meiner Tochter ist heuer einer von ihnen. Versuchen wir alle, ihm den Weg zu ebnen, und er wird es als ein engagierter Bürger dieser Gesellschaft zurücktragen. (Zwetelina Ortega, 4.9.2017)

PS: Ich freue mich auf Ihre Fragen zum Thema Mehrsprachigkeit hier im Forum. Am 26. September, dem Europäischen Tag der Sprachen, wird eine Auswahl davon beantwortet!

Zwetelina Ortega ist Sprachwissenschafterin, Autorin und Expertin für Mehrsprachigkeit. 2014 gründete sie das Beratungszentrum Linguamulti. Dort bietet sie Beratung und Workshops für mehrsprachige Erziehung an. Nächster Workshop: "Ich erziehe mein Kind mehrsprachig – wie es mir gelingt", Samstag, 30. September 2017, 10 bis 14 Uhr, Ort: Therapiezentrum Gersthof, Klostergasse 31–33, 1180 Wien. Ortega ist mit Bulgarisch, Spanisch und Deutsch aufgewachsen. In diesen drei Sprachen verfasst sie auch ihre literarischen Texte. 2012 erschien der Gedichtband "Aз und tú" (Edition Yara). Sie ist Dozentin an der Universität Wien und leitet Fortbildungen unter anderem an der Pädagogischen Hochschule Wien und am Landesinstitut für Schule in Bremen.

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  • Wie umgehen mit einer mehrsprachigen Schülerschaft? Das Thema ist in der Lehrerausbildung immer noch unterrepräsentiert.

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