"Tatort"-Schauen mit Polizeioberst: "Als Gesamtkunstwerk passt es"

    Ansichtssache26. August 2017, 17:00
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    Der "Tatort" ist voller Fehler, sagt der Kriminalbeamte Michael Mimra. Mit dem STANDARD schaute er die Folge "Virus" vom Sonntag vorab

    Oberst Michael Mimra taucht unter. Gleich nach dem Tatort verabschiedet sich der stellvertretende Leiter des Landeskriminalamtes Wien nach Indonesien. Dort wird er bunte Fische schauen und wahrscheinlich möglichst wenig an zu Hause denken. Nicht, was Sie denken. Der Polizeibeamte setzt sich nicht ab, weil er genug hat von seinem Job und vom Tatort-Schauen. Michael Mimra macht Urlaub und geht tauchen, weil das seine Leidenschaft ist.

    Alles andere wäre unrealistisch, und genau damit hat die Polizei gerade ein Fass aufgemacht, in einem doppelseitigen Artikel im einschlägigen Fachmagazin Öffentliche Sicherheit, der die gröbsten Fehler im Tatort aufgelistet hat. DER STANDARD berichtete und lud Mimra zum Wahrheitstest.

    foto: andy urban

    Mimra schaut die Folge Virus, sie läuft diesen Sonntag, mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser. Buch: Rupert Henning, Regie führte Barbara Eder. Die Geschichte: Im oststeirischen Pöllau stirbt ein Asylwerber in einem Steinbruch. Der Tote ist im Ort unbekannt, obwohl es den "Fluchthof" gibt, der von einer hiesigen Familie betrieben wird. Mimra ist einverstanden: "Mir gefällt, dass der Tatort sozialkritische Themen aufgreift."

    Vorspann und Start

    Es geht los. Die Ermittler Moritz Eisner und Bibi Fellner raufen im Ring und stellen sich ziemlich patschert an – Fitnesstest: "Geht durch", sagt Mimra. "Die Polizisten heute müssen das in ihrem Dienstvertrag unterschreiben." Eisner und Fellner fallen mit Bomben und Granaten durch. Michael Mimra stört anderes, nämlich die Dienstgrade: Mimra ist Offizier wie Harald Krassnitzer, er selbst führt aber niemals Ermittlungen durch: "Der Offizier ist der Manager, der koordiniert. Auf die Piste gehen Chefinspektoren und Bezirksinspektoren", sagt Mimra.

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    Im Film passiert der Mord, Eisner und Fellner machen sich auf den Weg ins oststeirische Pöllau. Schwerer Fehler, merkt Mimra an: "Wenn eine Leiche in Pöllau gefunden wird, fährt zuerst der örtliche Posten hin, bei Verdacht auf Fremdverschulden kommt das Landeskriminalamt. Das Bundeskriminalamt ist zu 85 Prozent eine strategische Dienststelle." Nur selten ziehe das BKA Ermittlungen an sich, bei großen Wirtschaftsfällen oder Schlepper-Amtshandlungen etwa.

    ",Neger', das ist auch nicht böse gemeint"

    Dass die TV-Ermittler politisch korrekt von "Schwarzen" und "Afrikanern" sprechen? "Klar fällt intern noch immer der Ausdruck 'Neger', das ist auch nicht böse gemeint", sagt Mimra. Sonst verwende man den Ausdruck Schwarzafrikaner oder die Herkunft.

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    foto: andy urban

    Völlig falsch sei auch, dass immer nur zwei Beamte Dienst täten, sagt Mimra: "Eine Mordgruppe besteht aus mindestens sechs Beamten."

    Fellner und Eisner nehmen die Ermittlungen auf. Im Wirtshaus stoßen sie auf die klassische Mauer des Schweigens. In den Gesprächen erkennt Mimra Verhöre, und die müssten verschriftlicht werden: "Jeder Anwalt würde uns in der Luft zerreißen."

    Trautmann ist der Beste

    Von allen TV-Krimis gefällt ihm der Trautmann am besten: "Der hat den typischen grantelnden Kriminalbeamten in der Leopoldstadt gespielt", sagt Mimra. Barbara Eders Copstories findet er "auch nicht so schlecht". Persönlicher Favorit ist Soko Donau, dort hat er selbst auch schon mitgespielt.

    Neuhauser "bissl derber"

    Krassnitzer findet er okay, Neuhauser "geht durch". Sie sei ein "bissl derber, aber das gibt's auch bei unseren Damen. Ihre Alkoholgeschichte natürlich nicht, da wäre sie nicht mehr im Dienst."

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    Nicht alles ist falsch: Zum Beispiel der zynische Gerichtsmediziner: "Ein eigener Menschenschlag", sagt Mimra. Dass die Kollegen aus Wien die Provinzler verhöhnen, stimme, und dass Fellner beim Telefonieren den Handschuh auszieht: "Smartphones funktionieren so nicht, für den Krisenfall haben wir Tastenhandys."

    Politisch brisant

    Ebenfalls für möglich hält es Mimra, dass ein Flüchtling, wie soeben im Film geschehen, das Ebola-Virus nach Österreich bringt. Politisch hält er die Folge für brisant und zollt ihr Respekt: "Sie haben sich etwas getraut." Und scheuen keinen Aufwand: Das Bundesheer marschiert auf, Hubschrauber kreisen: "Na, da war was los in Pöllau."

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    foto: andy urban

    Weiß Mimra schon, wie's ausgeht? Er hat einen Tipp: "Irgendetwas wird da vertuscht."

    Die erste Leiche bleibt im Kopf. "Am 24. Dezember 1983 ein Selbstmord mit einer Schrotflinte, wo der Kopf weg war, und ein Kollege, der das Projektil gesucht hat. 'Bua, lass mi machen', hat er gesagt. Da habe ich mir gedacht: Depperter, such weiter, du wirst keine finden."

    Nicht viel geredet

    Die Flüchtlinge haben real die Polizeiarbeit verändert, sagt Mimra. "Schwieriger im Umgang miteinander" sei es geworden. Weil es öfter sprachliche Barrieren gebe und weil die Gewaltbereitschaft gegenüber der Polizei gestiegen sei. "In diesen Ländern, wo unsere Hauptklientel herkommt, ist die Polizei eine Gewaltgruppe. Da wird nicht viel geredet, sondern gleich zugeschlagen. Die Polizei dort ist korrupt und nicht demokratisch." Das Bild der Polizei zu ändern sei schwierig, "damit müssen wir leben".

    "Mit ,Österreich' kommuniziere ich nicht"

    In Medien lese er oft, die Polizei sei gewaltbereit, in Wahrheit stehe das in keiner Relation: "Wir haben jedes Jahr hunderttausende Einsätze in Wien. Dann gibt es 100 Vorfälle, wo es zu so etwas gekommen ist. Das ist zu viel, aber bleiben wir am Boden." Sein Verhältnis zu manchen Medien ist entsprechend abgekühlt: "Mit Österreich kommuniziere ich nicht, weil dort Dinge verzerrt werden und die Zeitung einfach nur reißerisch ist. Sie nehmen keine Rücksicht auf Opfer."

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    foto: andy urban

    Zusammengestaucht werden Fellner und Eisner regelmäßig vom Sektionschef Ernst Rauter, gespielt von Hubert Kramar: "Blödsinn", sagt Mimra. "Der hat mit Ermittlungen überhaupt nichts zu tun." Was Kramar macht, nennt sich leitender Kriminalbeamter.

    "Festnahme Adolf Hitler"

    Der Schauspieler ist dem Beamten aber auch so gut bekannt: "Den habe ich schon einmal festgenommen." Als Kramar 2000 beim Opernball als aktionistischer Hitler verkleidet war, war Mimra "der Erste, der ihn niedergerungen hat. Das war dann gut, wie ich protokolliert habe: 'Festnahme Adolf Hitler'."

    Der Krimi steuert auf seinen dramaturgischen Höhepunkt zu, der Mörder ist entlarvt, schlägt zurück, die Zeit läuft. Im Fernsehen liegt die Aufklärungsrate bei fast 100, in Österreich bei ungefähr 90 Prozent. 2016 gab es laut Mimra zwölf "echte" Morde. Als er vor 40 Jahren bei der Kripo angefangen habe, waren es jährlich 70 bis 80. "Da ging es rauer zu", sagt Mimra.

    Fazit

    Die Auflösung hält Mimra "für sehr weit hergeholt". Sein Resümee fällt trotzdem gnädig aus: "Viel Action, aber als Gesamtkunstwerk passt es."

    Mit seinem Tipp, wer der Mörder ist, lag der Oberst richtig. (Doris Priesching, 26.8.2017)

    Mehr:

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    "Tatort" schauen in der ARD-Mediathek hier.

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