Mütter: Wann die Zeit der Selbstaufgabe vorbei ist

    Kolumne27. August 2017, 17:00
    118 Postings

    Am besten unterstützen Eltern ihre Kinder beim Heranwachsen, wenn Sie sich als Sparringpartner zur Verfügung stellen – das verlangt auch Loslassen

    Frage

    Ich bin eine 46-jährige, verheiratete Mutter. Wir haben zwei Söhne (elf und neun Jahre alt). Mein Mann verbringt viel Zeit mit unseren Kindern, möchte sich aber beruflich wieder mehr engagieren. Unser älterer Sohn ist sehr feinfühlig, zeigte uns allerdings auch seine aggressive Seite, als er um die drei Jahre alt war. Ich hatte das Gefühl, dass es mit der Geburt seines jüngeren Bruders zu tun hatte. Er hat sehr schnell verstanden, wie er Dinge so erledigt, wie ich es gern hätte.

    Mittlerweile hat es den Anschein, dass er immer gewinnen muss. Wenn dem nicht so ist, wird er sehr schnell wütend und wirft Sachen durch die Gegend. Bei mir hat sich zeitweilig der Reflex eingestellt, dass ich in herausfordernden Situationen feindselig reagiere. Das ist leider etwas, das ich selbst als Kind oft durch meine Mutter erfahren habe. Es ist mir aber mit therapeutischer Hilfe gelungen, dieses Gefühl zu verstehen und in Bezug auf meine Kinder nicht mehr zuzulassen.

    Ich habe vor vier Jahren für drei Jahre gearbeitet, stellte dann allerdings fest, dass mir die Zeit mit meinen Kindern wichtiger ist. Mittlerweile wird der Große immer selbstständiger und braucht mich viel weniger. Er trifft seine Freunde und mag auch kaum mehr etwas mit mir unternehmen. So drängt sich mir die Frage auf, wie ich die Beziehung zu meinen Kindern stärken kann. Oder soll ich sie einfach gehen lassen?

    Ich tue mir schwer, wenn den beiden Buben langweilig ist. Aber da wir keine wirklich gemeinsamen Interessen haben, sind meine Vorschläge nicht besonders hilfreich. Dann kommt der Gedanke, ob es vielleicht an mir liegt, dass ich meine Kinder lieber bei mir zu Hause habe. Ich fürchte mich am meisten davor, sie zu verlieren.

    Meine Frage ist nun, ob ich wieder zu arbeiten beginnen soll. Wie kann ich die Beziehung zwischen mir und meinen Kindern verbessern, und wie gelingt es mir, die Kinder nicht zu verlieren?

    Antwort

    Vielen Dank für Ihre ehrliche Beschreibung Ihrer Familiensituation und Ihrer Gefühle. Wenn Sie meine Antwort lesen, denken Sie daran, dass ich auch falsch liegen könnte. Wenn Sie immer noch therapeutische Unterstützung haben, können Sie meine Zeilen sehr gern mit Ihrem Therapeuten oder Ihrer Therapeutin teilen, und auch mit Ihrem Mann.

    Auf mich macht es den Eindruck, als hätten Sie die letzten Jahre heldenhaft dafür gekämpft, für Ihre eigene Familie nachzuholen, was Ihre Mutter verabsäumt hat. Ich bin mir ganz sicher, dass diese Jahre sehr wertvoll für Sie selbst, aber auch für die Qualität Ihrer Beziehung zu Ihren Söhnen waren. Aber ich habe das Gefühl, dass es nun Zeit ist, damit aufzuhören.

    Ihr älterer Sohn zeigt deutlich den Wunsch nach Selbstständigkeit. Er hat alles von Ihnen bekommen, was ein Kind braucht. Nun darf er sich in der Welt draußen umsehen, auch, um etwas Distanz zwischen sich und seinen Eltern zu schaffen. Er hat viel Zeit damit verbracht, sich an Ihren Wünschen zu orientieren, nun darf er diese Energie für sich selbst nutzen.

    Was Ihre Frage betrifft, ob Sie wieder zu arbeiten beginnen sollen – ich meine definitiv ja! Für Ihren jüngeren Sohn wird diese Erfahrung eine neue sein, dennoch wird sie ihm nicht schaden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Ihre Kinder dadurch verlieren, und ich wüsste auch nicht, warum. Was Sie verlieren werden, ist die Art und Weise, wie Sie bis jetzt miteinander umgegangen sind, und das wird Ihnen allen guttun. Auch wenn es zunächst etwas schmerzvoll sein kann.

    Am besten unterstützen Sie Ihre Kinder beim Heranwachsen, wenn Sie sich als Sparringpartner zur Verfügung stellen und sie dabei begleiten, eigene Entscheidungen zu finden. Wenn Sie zum Beispiel das Gefühl haben, dass einer Ihrer Söhne etwas für Sie tut, fragen Sie konkret nach, ob das so ist. Sagen Sie Ihren Kindern auch, dass jede Entscheidung für Sie okay ist und dass Sie diese unterstützen werden. Sagen Sie ihnen ganz ehrlich, dass Sie Zeit mit ihnen verbringen möchten, aber dass Sie ihre Hilfe brauchen und gern von ihnen Vorschläge für Aktivitäten hätten.

    Folgendes können Sie meiner Meinung nach tun, um die Beziehung zu Ihren beiden Söhnen zu pflegen und zu stärken: Entspannen Sie sich. Beobachten Sie Ihre Kinder genau, und erlauben Sie sich selbst zu genießen, wie sie gerade sind – jeden Tag. Listen Sie all die Dinge auf, mit denen Ihre Kinder Ihr Leben in den letzten elf Jahren bereichert haben. Und dann erzählen Sie Ihnen davon. (Jesper Juul, 27.8.2017)

    Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

    Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne erscheint am 10. September 2017.

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Listen Sie all die Dinge auf, mit denen Ihre Kinder Ihr Leben in den letzten Jahren bereichert haben. Und dann erzählen Sie Ihnen davon.

    • Der dänische Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
      foto: family lab

      Der dänische Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

    • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich
      foto: family lab

      Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich

    Share if you care.