Außergewöhnliche Delfinart ohne Zähne entdeckt

    25. August 2017, 18:33
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    Der 29 Millionen Jahre alte Inermorostrum xenops war kaum länger als einen Meter und musste seine Nahrung einsaugen

    illustration: robert boessenecker
    Rekonstruktion von Inermorostrum xenops.

    Charleston – Als Delfinverwandter gehörte er zwar zu den Zahnwalen, aber Zähne hatte er trotzdem keine im Maul. Inermorostrum xenops ist der Name einer bislang unbekannten Spezies, die ein Team US-amerikanischer und kanadischer Forscher in der aktuellen Ausgabe der "Proceedings B" der Royal Society vorstellte. Das Tier lebte vor etwa 29 Millionen Jahren im Oligozän, seine Fossilien wurden im Wando River nahe Charleston an der Küste South Carolinas gefunden.

    Inermorostrum war ein ausgesprochener Knirps: Mit 1,2 Metern Länge war er sogar noch kleiner als der kleinste heute noch vorkommende Wal, der Vaquita aus dem Golf von Kalifornien. Der geborgene Schädel weist eine verhältnismäßig kurze und vollkommen zahnlose Schnauze auf. Dafür deutet eine Reihe von tiefen Kanälen und Löchern für Arterien darauf hin, dass am Knochen eine große Menge weichen Gewebes ansetzte. Der kleine Delfin dürfte wulstige Lippen gehabt haben – und vielleicht sogar Tasthaare wie ein Walross.

    foto: robert boessenecker
    Der aus dem Wando River geborgene Schädel.

    Der Delfin aus South Carolina dürfte laut dem Team um Robert W. Boessenecker vom College of Charleston seine Nahrung – Kopffüßer, Fische und am Meeresboden lebende Tiere ohne harte Schalen – aufgesaugt haben. Diese Methode hat sich unter den Zahnwalen mehrfach unabhängig voneinander entwickelt und unterschiedlich starke Grade der Anpassung hervorgebracht.

    Die Forscher verweisen darauf, dass Zahnwale in der Ära vor 35 bis 20 Millionen Jahren eine große Formenvielfalt hervorbrachten, parallel zur Weiterentwicklung der Echoortung und dem Erobern neuer Nahrungsnischen. Die heutigen Delfine weisen laut Boessenecker in Sachen Schnauzenlänge und Bezahnung den optimalen Kompromiss auf, der sowohl Aufsaugen als auch Zupacken erlaubt. Bis dieses Optimum erreicht wurde, musste die Evolution im Oligozän und frühen Miozän aber offenbar erst noch experimentieren.

    illustration: alberto gennari
    Zeitgenosse des zahnlosen Delfins: Coronodon havensteini.

    Der an der Studie beteiligte Jonathan H. Geisler vom New York Institute of Technology verweist auf ein anderes Beispiel für diese entscheidende Phase der Wal-Evolution. Der im Fachmagazin "Current Biology" vorgestellte Wal Coronodon havensteini lebte zur selben Zeit und in derselben Region wie der zahnlose Delfin; seine Fossilien wurden nur wenige Kilometer entfernt gefunden.

    Coronodon war etwa so groß wie ein heutiger Orca und hatte seinen ganz eigenen Kompromiss in Sachen Zahneinsatz entwickelt: Mit den vorderen Zähnen konnte er zupacken, weiter hinten im Maul saßen hingegen auffällig große, komplexe und überlappend angelegte Backenzähne, mit denen er das Wasser filtern konnte. Coronodon havensteini wurde daher als mögliches Bindeglied zwischen Zahn- und Bartenwalen interpretiert, auch wenn sich die Barten selbst nicht aus Zähnen entwickelt haben.

    foto: jonathan geisler
    Die auffälligen Backenzähne von Coronodon.

    Das evolutionäre Experimentieren ist aber noch keineswegs abgeschlossen, immer wieder kommt es dabei zu Wiederholungen respektive Parallelen. Denn so ungewöhnlich das Gebiss von Coronodon havensteini auch war – etwas durchaus Vergleichbares kann man auch heute in einer anderen Tiergruppe finden.

    Der Krabbenfresser (Lobodon carcinophaga) ist eine über zwei Meter lange Robbe mit einer in seiner Verwandtschaft einzigartigen Eigenschaft: Seine mehrfach gezackten Zähnen greifen so ineinander, dass er sein Gebiss wie einen Filter einsetzen kann. Als einzige Robbe ernährt er sich daher von Krill – wie die Bartenwale, die bis vor wenigen Millionen Jahren auch kaum größer als ein Krabbenfresser waren.

    foto: ap photo/brian witte
    Führt ein Leben auf Bartenwal-Diät: der Krabbenfresser.

    Und diese Ernährungsweise macht sich offenbar bezahlt: Wegen seiner antarktischen Heimat ist der Krabbenfresser zwar den meisten Menschen unbekannt. Nach Einschätzung von Forschern dürfte es sich aber um die mit großem Abstand zahlenstärkste Robbenart der Welt handeln. (jdo, 25. 8. 2017)

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