"Observer" im Test: Cyberpunk-Juwel zum Fürchten

    Rezension25. August 2017, 09:47
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    Eindrucksvolles Sci-Fi-Abenteuer der "Layers of Fear"-Macher macht Spieler zum Neuraldetektiv im Jahre 2084

    Nacht, Nieselregen, Neonlicht: Wer an Cyberpunk denkt, hat meist ganz bestimmte Bilder vor Augen. Ridley Scotts Kultfilm "Blade Runner", dieses Jahr unfassbare 35 Jahre alt, gilt als ikonische Stilvorlage für ein Science-Fiction-Genre, das eigentlich erst zwei Jahre später, mit William Gibsons Kultroman "Neuromancer", seinen kometenhaften Aufstieg beginnen sollte. Die Themen des Cyberpunk unterscheiden sich grundlegend von anderen Nischen der Science-Fiction, in denen hoffnungsfroh das All erforscht wird: Riesige Konzerne beherrschen die Welt, soziale Verelendung und Hightech existieren nebeneinander, und eine virtuelle Gegenrealität ist erfüllt mit künstlichen Intelligenzen, die mit ihren Schöpfern nur mehr wenig gemeinsam haben – das allgegenwärtige Wort "Cyberspace" hat immerhin auch Gibson erfunden.

    Das First-Person-Spiel "Observer" (Windows, PS4, Xbox One, ab 27,99 Euro) bedient sich nicht nur mit beiden Händen an der Ästhetik des inzwischen auch schon wieder betagten Science-Fiction-Genres, sondern hat sich als Hauptdarsteller eine besonders gut passende Schauspiellegende gesichert: Der Holländer Rutger Hauer ist dank seiner Rolle als Androide Roy Batty in "Blade Runner" ein kleiner Kultstar in Science-Fiction-Kreisen. Er leiht der Hauptfigur in "Observer" seine Stimme – und seine leicht nuschelige, brummige Performance passt perfekt zur Handlung dieser Mischung aus Noir-Detektivthriller, Horror und Science-Fiction.

    aspyr media
    Trailer zu "Observer"

    Auf Spurensuche in fremden Gehirnen

    Als "Neuraldetektiv" Dan Lazarski sind Spielerinnen und Spieler in "Observer" in einem Krakau der nahen Zukunft des Jahres 2084 unterwegs. Die Weltbevölkerung wurde von einem bösartigen Virus fast ausgelöscht, und auch sonst ist die Zukunft alles andere als rosig. Als der Protagonist ganz zu Beginn des Spiels einen Anruf von seinem jahrelang verschwundenen Sohn erhält, beginnt eine Spurensuche, die schnell blutig wird – eine Reihe mysteriöser Morde in einem versifften Mietshaus wartet auf Aufklärung. Lazarskis Werkzeuge sind dabei futuristsich: Neben verschiedenen Scannern, die Elektronik, aber auch biologisches Material an den Tatorten analysieren können, hat der Detektiv auch die Fähigkeit, sich in die Gehirne von – lebendigen und toten – Zeugen einzuklinken.

    Diese Trips in die Gedankenwelt der Spielfiguren sind das eigentliche Herzstück des – letztlich ganz linearen – Spiels, das sich außerhalb dieser Expeditionen wie eine Mischung aus Adventure und Poilzeiarbeit spielt. In den beeindruckenden Visionen gelten die Regeln von Raum und Zeit nur bedingt, absurd-beängstigende Szenen wechseln sich mit Erinnerungsfetzen, die Licht auf die Vorgeschichte werfen. Hier zeigt sich auch die Verwandtschaft zum ersten Spiel des polnischen Entwicklerstudios: Im Horrorspiel "Layers of Fear" wandelten die Polen inspiriert auf den Spuren eines Spielexperiments, das inzwischen aus dem Netz verschwunden ist. "P.T.", der "playable teaser" zum später eingestellten "Silent Hill"-Projekt von Hideo Kojima und Regisseur Guillermo del Toro, stand spielmechanisch Pate für "Layers of Fear". Nach Einstellung des Projekts verschwand auch das unheimliche "P.T." aus dem PlayStation-Store – sein Erbe zeigt sich allerdings nun auch in "Observer".

    Die Abstiege in die Gedankenwelten sind düstere Albtraumtrips, in denen man wenig interagieren, aber dafür viel erleben kann: Sich ständig verändernde, von Albtraumgestalten bevölkerte Labyrinthe, unmögliche Architekturen und rasante Schnitte ergeben gemeinsam mit hervorragendem Sounddesign und Voice-Acting eine beklemmende, höchst atmosphärische Spielerfahrung, die auch an die Spiele der schwedischen Indie-Entwickler Frictional Games ("Amnesia – The Dark Descent", "SOMA") erinnern. Wie in diesen warten auch in "Observer" nur wenige Puzzles oder Action-Sequenzen: Letztlich ist das Cyberpunk-Horrorspiel ein atmosphärischer Spaziergang, in dem die gelegentlichen Interaktionen mit der Umwelt hin und wieder sogar die Stimmung trüben können, wenn etwa Tatorte möglichst genau abgesucht werden müssen.

    bild: observer
    Diese in die Gedankenwelt der Charaktere sind das eigentliche Herzstück des Spiels.

    Fazit

    "Observer" lebt von seiner Atmosphäre und einer Präsentation, die nicht nur Fans von "Blade Runner" & Co in den Bann ziehen wird. Auch die düstere Geschichte, die sich, Puzzlestück um Puzzlestück, aus Indizien und Erinnerungsfetzen zusammensetzt, spielt letztlich die zweite Geige hinter großartigen, oft surreal-unheimlichen Momenten in den Albtraumwelten seiner Bewohner.

    Einziger Wermutstropfen in einem ansonsten gelungenen Spielerlebnis: Rein technisch wäre noch einiges an Optimierungspotenzial gegeben – sowohl am PC als auch auf der PS4 zwingt die Grafikpracht hin und wieder die Framerates in den Keller. Wer darüber hinwegsehen kann, wird mit einem faszinierenden Science-Fiction-Spiel mit Horrorelementen belohnt, das durch zahllose Details und beeindruckend inszenierte, surreale Visionssequenzen überzeugen kann. (Rainer Sigl, 25.8.2017)

    "Observer" ist für Windows-PC, PS4 und Xbox One erschienen. UVP: ab 27,99 Euro.

    Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller bereitgestellt.

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    Observer

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